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Pop-BriefingGibt es bald Konzerte aus Zeppelinen?

Warum ist das Bundesamt für Veterinärwesen auf einmal für die Kultur zuständig? Was kommt heraus, wenn die Musikbranche nach Alternativen zum Streaming fahndet? Und warum ist Sophie Hunger so fröhlich?

Sie räumt ab in der Rubrik «Reim der Woche»: Die Sängerin Arlo Parks.
Sie räumt ab in der Rubrik «Reim der Woche»: Die Sängerin Arlo Parks.
Foto: PD

Das muss man hören

Der Song der Stunde stammt eindeutig von Georgia Anne Muldrow. Während in den USA das soziale Pulverfass von todbringenden Polizisten wohl endgültig zum Explodieren gebracht worden ist, meditiert die Sängerin in ihrem Lied «This Walk» über den Gedanken, dass Gewalt eine Stimme sowohl auslöschen wie auch entzünden kann. Die amerikanische Sängerin hat bereits 13 Alben im weiten Feld der experimentellen Soulmusik veröffentlicht, war einst für einen Grammy nominiert und hat mit Erykah Badu kooperiert. Doch in den letzten Jahren scheint sie einen wahren künstlerischen Wachstumsschub hingelegt zu haben. Ihren neuesten Wurf hat sie unter dem Alias Jyoti veröffentlicht – das dazugehörige Album ist auf Ende August terminiert.

Während andere Plattenfirmen ihre Veröffentlichungen verschieben, strotzt das Genfer Label Bongo Joe nur so vor Tatendrang. Das neueste Tonwerk stammt vom belgisch-haitianischen Projekt Chouk Bwa & The Ångstromers und bietet kunstvoll verhallte Polyrhythmik, afrokaribische Gesänge und Synthesizer aus einem leicht verstaubten Instrumentenpark. Etwas vom Erfreulichsten, was in letzter Zeit im Zuge interkontinentalen Musikaustauschs entstanden ist.

Mit seinem Bucovina Club Orkestar hat Shantel weltweit und über Jahre die Sprunggelenke des Balkan-affinen Partyvolks strapaziert. Und nirgends war er damit so erfolgreich wie in der Türkei, wo er gar mit zwei Platinalben geadelt wurde. Das schrie nach einem musikalischen Dankeschön. Dieses liegt nun in Form eines Albums vor, das der Deutsche mit der türkischen Band Cümbüs Cemaat zusammengebosselt hat – einer altgedienten Coverband, die zuvor noch kein Album veröffentlicht hatte. Das Ergebnis schlenkert geschmackvoll zwischen Dub und anatolischer Popmusik. Da auch die türkischen Clubs derzeit geschlossen sind, fällt es weniger ins Gewicht, dass die frenetische Ausgelassenheit früherer Tage erheblich heruntergedimmt wurde.

Darüber wird gesprochen

Man muss es als ungünstiges Zeichen werten: Immer wenn an den letzten Pressekonferenzen des Bundesrats Belange der Kultur zur Sprache kamen, wurde es kurz still im Medienzentrum. Alle schauten ratlos um sich, es wurde verlegen gelächelt, und es dauerte einen unguten Moment zu lange, bis sich jemand für kompetent hielt, sich zu Wort zu melden.

Und als am Mittwoch, dem 27. Mai, die frohe Botschaft verkündet werden sollte, dass Partys und Konzerte bis zu 300 Personen wieder zugelassen werden, erzeugte man nicht etwa Euphorie, sondern totale Konfusion. Die Abstandsregel gelte weiterhin, wurde ausgerichtet, wo dies nicht möglich sei, müsse auf das Contact-Tracing gesetzt werden. Gleichzeitig kursierte eine Weisung, wonach in Clubs ein Abstand von vier Quadratmetern pro Besucher gewährleistet werden müsse, was dann wieder dementiert wurde, nur um sogleich abermals auf die Abstandshaltepflicht hinzuweisen.

Nachfragen an das Bundesamt für Gesundheit wurden an das Bundesamt für Kultur geleitet. Dort gab man sich erstaunt und verwies darauf, dass man in diesen Entscheid gar nicht eingebunden gewesen sei. Zurück beim BAG gab man sich erstaunt, dass man beim BAK erstaunt gewesen sei – am Schluss wurde an das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) verwiesen, wo schnell klar wurde, dass die zuständigen Figuren schon etwas länger kein Club- oder Partylokal mehr betreten hatten. Das Resultat ist bekannt. Kein Clubbetreiber weiss, was er ab 6. Juni zu tun hat, wie unter anderem eine im Rahmen des M4Music abgehaltene Podiumsdiskussion offenbarte.

Was ist zu tun? Es ist höchste Zeit, dass das Gespräch mit den Verbänden wieder gesucht wird und dass das BLV vom Mandat entpflichtet wird, über die unmittelbare Zukunft der Eventindustrie zu entscheiden. Ohne Einbezug des BAK und der Pro Helvetia ist das Desaster vorprogrammiert.

Immerhin: An tauglichen, aber auch eher weniger tauglichen Ideen seitens der Veranstalter mangelt es offenbar nicht. Am Panel wurde zunächst das Streaming von Konzerten für tot erklärt. Dafür wurde – in einem Anflug von Innovationswahn – die Vision skizziert, man könnte doch Konzerte in Heissluftballons oder Zeppelinen veranstalten. So unter dem alten Kuno-Lauener-Motto: «Lue, wohär dass dr Wind wääit».

Das Schweizer Fenster

Pierre Omer war einer der Mitbegründer der unheilschwangeren Totengräberkapelle The Dead Brothers. Nach einigen defätistischen Soloalben und einem Abstecher ins Swing-Milieu legt er nun das mit zwölf Mitmusikern und -musikerinnen, Streichern, Banjos, Slidegitarren und ausformuliertem Liedgut auftrumpfende Album «Time Files» vor.

Geblieben ist sein Hang zur Nostalgie und zur Schwarzmalerei. Durch seine Lieder weht die Melancholie eines Mannes, der irgendwie zwischen die Zeit und die Szenen gefallen ist. Wie hat uns der Genfer einst so schön sein Schaffen erklärt: «Ich gehöre wohl einer Generation an, die immer haarscharf am goldenen Zeitalter vorbeigeschrammt ist, einer Generation, die lieber zurückschaut. Uns gefällt das, was vor zwei Wochen geschehen ist, in der Regel besser als das, was heute passiert. Vermutlich rührt diese düster-verstaubte Stimmung meiner Musik daher.»

Das Genfer Label Bongo Joe widmet sich nicht nur haitianischer Elektromusik, es hat auch eine aufstrebende Schweizer Band im Köcher, die gerade weitherum aufhorchen lässt: Die neue EP der Gruppe L’Eclair heisst «Noshtta», klingt nach der Frucht ausgedehnter Jamsessions einer sehr Groove- und Vintage-verliebten Combo.

Was blüht?

Ebenfalls in einer sehr produktiven Phase scheint unser Schweizer Edelmusikexport Sophie Hunger zu stecken. Am 28. August soll bereits wieder ein neues Album erscheinen. Es wird «Halluzinationen» heissen und soll vollkommen live eingespielt worden sein. Als Stätte der Aufnahmesession werden die altehrwürdigen Abbey-Road-Studios angegeben.

Noch nicht so richtig in Ekstase versetzt haben uns indes die Vorboten des Werks. Das Lied «Everything Is Good» ist der Versuch, ein fröhliches, positives und munteres Stück Musik zu verfertigen. Sophie Hunger tritt damit aber höchstens den Beweis an, dass in dieser Königsdisziplin des Pop die Gefahr nicht unerheblich ist, ins Belanglose und Seichte zu kippen.

Das Fundstück

Der amerikanische «Rolling Stone» hat wieder einmal eine Rangliste in die Welt gesetzt, an der sich nun die Musikchronisten eifrig reiben dürfen. Gekürt wurden die «100 besten Debüt-Singles aller Zeiten».

Eine hübsche Fleissarbeit ist das, viele nette Wiedersehen mit geschichtsträchtigen Bands werden hier ermöglicht – umso enttäuschender ist der Titel, der letztlich auf Rang 1 platziert worden ist. Es ist – Trommelwirbel – Britney Spears’ «… Baby One More Time». Wir hätten diesen gerne mit Platz 15 getauscht. Hier rangieren nämlich die unverbesserlichen B-52’s mit ihrem ersten Monster-Hit «Rock Lobster». Auch heute noch ein wahres Vergnügen.

Die Wochen-Tonspur

Das musikalische Geschehen der neuesten Tracks wedelt munter zwischen Betörungs-Soul (Moses Sumney), gambischem Hip-Hop (Pa Salieu), Ska-Jazz (Ernest Ranglin), Afro-Jazz (Idris Ackamoor) und Schwerblut-Folk (Ten Fé). Es gibt ein Wiederhören der Sängerin Hindi Zahra, mit Archive – und das holländische New Cool Collective hat seine fulminanten Aufnahmen mit dem kürzlich verstorbenen Schlagzeuger Tony Allen wiederveröffentlicht. Und den schönsten Reim der Woche liefert uns Arlo Parks: «I’d lick the grief right off your lips / You do your eyes like Robert Smith».

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt.

Jeden Dienstag schreiben unsere Musikredaktoren in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.