Gezeichnet vom Krieg

Das Cartoonmuseum Basel widmet sich der Welt des Franzosen Tardi. Im Zentrum steht die jüngste Comicserie über die Erlebnisse seines Vaters im Zweiten Weltkrieg.

Die Präzision des Strichs beim Zeichnen von Hintergründen macht den Stil Tardis aus. Foto: PD

Die Präzision des Strichs beim Zeichnen von Hintergründen macht den Stil Tardis aus. Foto: PD

Markus Wüest

Druckfrisch von der Presse kam der dritte Band von «Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB», den Anette Gehrig, Leiterin des Cartoonmuseums Basel, an der Vernissage in den Händen hielt. Es ist das jüngste Werk des Franzosen Jacques Tardi, dem die neue monothematische Ausstellung im schönen alten Haus in der St.-Alban-Vorstadt gewidmet ist.

Nach Ulli Lust im Sommer, nach Christoph Niemann im letzten Jahr ist dies erneut ein herausragender Comickünstler, einer der ganz Grossen mit entsprechendem Renommee, den Gehrig präsentieren kann. Tardi – den Vornamen lässt er gerne weg – ist ein Getriebener. Einer, der für das Zeichnen lebt. «Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB» ist bereits der 50. Band innerhalb von 45 Jahren, der von ihm erschienen ist. Der druckfrische dritte Teil der Serie beschliesst sein bisher persönlichstes Werk: die Nacherzählung dessen, was sein Vater René als Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg alles erlebt hat.

Chronologisch aufgebaut

Wie Tardi junior dahin gefunden hat, wie er sich schliesslich an dieses recht intime Thema heranwagte, das auf den Erinnerungsnotizen des Vaters beruht, zeigt die Ausstellung im Cartoonmuseum, die vom Parterre bis hinauf in den zweiten Stock chronologisch aufgebaut ist. Wer sie Raum für Raum betrachtet, stellt zweierlei fest: die starke Verhaftung Tardis in der Vergangenheit und seine Vorliebe für Schwarzweiss. 

Angefangen hat der 1946 in Valances, im Süden Frankreichs, geborene Absolvent der Kunsthochschulen in Lyon und Paris mit «Le démon des glaces» 1974. Zwei Jahre später erschien der erste Teil von «Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec». Tardi hatte sich eine schräge, eigensinnige Abenteurerin mit Sommersprossen ausgedacht, die im Paris der vorletzten Jahrhundertwende merkwürdige Geschichten erlebt. Bis heute sind neun Teile erschienen. «Adèle» war sein Durchbruch.

Die andere Figur, die unweigerlich mit dem Namen Tardi verbunden wird, ist Nestor Burma. Der Pfeife rauchende Privatdetektiv in schickem Anzug wurde jedoch nicht von ihm erfunden, sondern vom Schriftsteller Léo Malet (1909–1996). Das Verdienst Tardis ist es, diesen Nestor Burma kongenial visualisiert zu haben. 

Die Ligne claire, das Stilmittel, das der Belgier Hergé mit seinen «Tim und Struppi»-Geschichten geprägt hatte, findet sich, leicht modifiziert, auch bei Tardi. Die Genauigkeit der Hintergründe, die Präzision des Strichs beim Zeichnen von Automobilen, Zügen, Gegenständen ebenfalls. Ja selbst einige der Figuren, die in den Geschichten rund um Adèle und Nestor auftauchen, könnten Hergés Feder entsprungen sein.

Und doch nicht. Während Hergé ein Rassist, ein Antisemit und alles andere als ein Linker war – Claude Cueni hat das in seinem neuen Roman fabelhaft herausgearbeitet –, so ist Tardi ein engagierter Kriegsgegner, einer, der sich immer für die kleinen Leute interessiert; der zum Beispiel an die Ideale der Pariser Kommune glaubt. Die Form mag also ähnlich sein, die Geschichten sind ganz anders, vielleicht zum Teil etwas verschroben, auch etwas fantastisch, aber bei Tardi intellektueller als beim weltbekannten Belgier.

Nach und nach wird der Erste Weltkrieg bei ihm zum Thema. Die Schützengräben, das grosse, bestialische Schlachten an der Front – sie beginnen sich Platz zu schaffen neben den typischen Strassenszenen aus dem Paris der Belle Epoque oder dem Paris in den verschiedenen Arrondissements.

Tardi führt das darauf zurück, dass seine Grossmutter ihm zu erzählen begann, was sein Grossvater 1914 bis 1918 alles durchgemacht hatte. Die Alben «Grabenkrieg» («C’était la guerre des tranchées», 1993) oder «Elender Krieg» («Putain de guerre!», 2008) seien hier stellvertretend erwähnt. Man sieht in der Ausstellung einige der Originalseiten aus diesen Bänden. 

Quellende Därme

Die Sachlichkeit, der harte Naturalismus haben dabei das Fantastische der Adèle-Geschichten oder das Spielerisch-Bedrohliche der Nestor-Burma-Storys vertrieben. Jetzt sind es Grässlichkeiten wie aus dem Körper quellende Därme oder Kugeln, die durch Schädel jagen.

Wer sich die Ausstellung anschaut, kommt nicht darum herum, sich zu überlegen, was denn den Comiczeichner ausmacht. Ist er Geschichtenerzähler? Ja, das auf jeden Fall. Aber wohin neigt er am ehesten? Zum Schriftsteller? Zum darstellenden Künstler? Zum Filmemacher?

Auffallend an dem druckfrischen Buch, das Anette Gehrigin den Händen hatte, sind jedenfalls die breitformatigen Panels. Bilder im Cinemascope-Stil. Die Nähe zum Kino ist offensichtlich. Tardi ist aber auch einer, derauf das Wort setzt, der nicht allein auf die Kraft des Bildes vertraut. 

Will man eine Schwäche an ihm benennen, dann am ehesten seine Farbigkeit. Er ist ganz klar ein Meister in Schwarz und Weiss.

Bis 24. März 2019,www.cartoonmuseum.ch

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