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«Krimi der Woche»«Gewalt treibt die Welt an»

Starke Frauen prägen den ebenso harten wie komischen Roman «Eine wahre Freundin» von William Boyle.

Leicht überdreht sind die schon etwas älteren Heldinnen in Boyles Roman.
Leicht überdreht sind die schon etwas älteren Heldinnen in Boyles Roman.
Bild: Getty Images

Der erste Satz

Nach der Sonntagsmesse und dem üblichen Kaffee bei McDonald’s mit ihrer Freundin Jeanne ist Rena Ruggiero zurück in der Bay Thirty-Fifth Street.

Das Buch

Rena Ruggieros Mann, der vor seiner Haustür in Brooklyn erschossen wurde, gehörte zur Mafia. Doch die etwa 60-jährige Witwe sieht sich als ganz normale, brave Hausfrau. Sonntags geht sie zur Messe. Lockere Sitten lassen sie zumindest die Stirn runzeln. Die Lockerheit von Lacey «Wolfie» Wolfstein irritiert sie zunächst. Wolfie, die im selben Alter ist, war in jungen Jahren als Luscious Lacey ein Pornostar in Los Angeles. Danach hat sie in Florida ältere Männer ausgenommen.

«Eine wahre Freundin» heisst der neue Roman von William Boyle, im Original «A Friend is a Gift You Give Yourself» nach einem Zitat von «Schatzinsel»-Autor Robert Louis Stevenson. Rena und Wolfie, die zusammen mit Renas 15-jähriger Enkelin Lucia die Hauptfiguren in diesem turbulenten Kriminalroman sind, werden trotz aller Gegensätze zu Freundinnen.

Rena hat gerade einen Nachbarn, der sie betatschte, erschlagen und flieht mit dessen Auto in die Bronx, wo ihre Tochter Adrienne lebt. Diese will von ihrer Mutter aber schon längst nichts mehr wissen. So landet Rena bei Adriennes Nachbarin: Wolfie. Dort ist bald die Hölle los. Denn der von Rena vermeintlich Erschlagene will sein Auto zurück. Adriennes Lover hat der Mafia eine halbe Million geklaut und wird nun von einem irren Killer mit dem Vorschlaghammer verfolgt. Derweil bedrängt ein Opfer von Wolfie sie, ihn zu heiraten. Die Situation in Wolfies Haus läuft rasch komplett aus dem Ruder. Es fliesst Blut. Wolfie und Rena machen sich mit der Enkelin Lucia aus dem Staub.

Die komischen Elemente der Geschichte dienen keineswegs dazu, Grausamkeiten zu verharmlosen.

Mit der gemeinsamen Flucht der drei starken Frauen wird der Roman zu einer Geschichte über Freundschaften. Dies ohne sentimentalen Kitsch. Sondern unter anderem mit schon fast philosophischen Dialogen wie: «Du hältst mich sicher für einen schlechten Menschen, oder?» – «Ich glaube nicht, dass schlechte Menschen darüber nachdenken, ob sie schlecht sind.»

Als «Screwball Noir» bezeichnete Boyle die leicht überdrehte und meist ganz schön komische Geschichte selbst sehr treffend. Wobei die Betonung durchaus auf «Noir» liegt, denn die Geschichte bleibt bei aller Komik beinhart und wird streckenweise durch brutale Gewalt geprägt. Boyles Humor ist schwarz. Und die komischen Elemente der Geschichte dienen keineswegs dazu, Grausamkeiten zu verharmlosen. «Gewalt treibt die Welt an. Die Welt ist aus Gewalt erschaffen», heisst es einmal. «Die Schwachen bleiben auf der Strecke.»

Mit «Eine wahre Freundin», seinem dritten auf Deutsch erschienen Roman, etabliert sich der 42-jährige William Boyle definitiv in der obersten Liga der aktuellen amerikanischen Kriminalliteratur.

Die Wertung

Der Autor

Mit seinem Debüt machte er Furore: William Boyle
Mit seinem Debüt machte er Furore: William Boyle
Foto: Katie Farrell Boyle

William Boyle, im New Yorker Stadtteil Brooklyn 1978 geboren und aufgewachsen, studierte an der State University of New York in New Paltz. Seit 2012 lehrt er kreatives Schreiben an der University of Mississippi in Oxford, Mississippi.

2013 erschien sein erster Roman «Gravesend» (Deutsch 2018 unter dem Originaltitel). Es folgte der Storyband «Death Don’t Have No Mercy». Sein zweiter Roman «Everything Is Broken» erschien 2017 unter dem Titel «Tout est brisé» nur in Frankreich. Dort hatte Boyle schon mit seinem Debüt Furore gemacht: «Gravesend» erschien 2016 in der renommierten, von Frankreichs Krimipapst François Guérif 1986 gegründeten Reihe Rivages/Noir als Band Nummer 1000. «The Lonely Witness» (2018), Boyles dritter Roman, erschien 2019 auf Deutsch («Einsame Zeugin»). Nach dem jetzt neu auf Deutsch erschienenen «A Friend is a Gift You Give Yourself» (2019) ist in den USA im Frühjahr dieses Jahres sein fünfter Roman «City of Margins» erschienen.

Boyle lebte in den New Yorker Stadtteilen Brooklyn und Bronx, im Hudson Valley und in Austin, Texas, bevor er nach Oxford, Mississippi zog. Dort lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern.

William Boyle: Eine wahre Freundin (Original: A Friend is a Gift You Give Yourself, Pegasus Books, New York 2019). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Polar-Verlag, Stuttgart 2020. 364 S., ca. 33 Fr.
William Boyle: Eine wahre Freundin (Original: A Friend is a Gift You Give Yourself, Pegasus Books, New York 2019). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Polar-Verlag, Stuttgart 2020. 364 S., ca. 33 Fr.
Buchcover: PD