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Corona-OpferGetrennt wie zu Zeiten der Berliner Mauer

Im Dreiland können sich Dutzende von binationalen Liebespaaren wegen den Grenzschliessungen nicht sehen. Sie leiden, sehnen, bangen, hoffen – und weinen im Stillen.

Für binationale Liebespaare, die einen unterschiedlichen Wohnsitz haben und über keine Reisebefugnis wie eine Grenzgängerbewilligung verfügen, ist die Grenze wie hier am Zoll bei Allschwil unüberwindbar.
Für binationale Liebespaare, die einen unterschiedlichen Wohnsitz haben und über keine Reisebefugnis wie eine Grenzgängerbewilligung verfügen, ist die Grenze wie hier am Zoll bei Allschwil unüberwindbar.
Foto: Kostas Maros

Das Paar, das sich fast täglich am Grenzübergang Weil am Rhein trifft, um ein paar Minuten zusammen auf der Bank zu verbringen, weil es offiziell nicht zueinanderkann; ein Paar, das sich in Konstanz-Kreuzlingen durch die Absperrungen die Hände reicht – ergreifende Bilder waren in den vergangenen Tagen von der deutsch-schweizerischen Grenze zu entdecken. Doch viel schlimmer trifft es die Liebespaare, bei denen einer in Frankreich lebt und der andere in der Schweiz. Sie können sich nicht mehr sehen und nur noch über Skype, Hangout oder Whatsapp in Kontakt bleiben.

Im Elsass als französisches Staatsgebiet ist die Ausgangssperre besonders resolut, die der BaZ gegenüber auch schon mal mit Massnahmen in einem Militärstaat verglichen wird. Während in der Schweiz zwei Personen noch aus dem Haus dürfen, sind die Einwohner im Elsass dazu verbannt, in den eigenen vier Wänden auszuharren. Ohne einen zwingenden Grund wie einkaufen, zur Arbeit fahren oder Unterstützung eines Pflegebedürftigen ist es verboten, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Wer dagegen verstösst, wird im besten Fall ermahnt, viel wahrscheinliche ist es aber, mit einer Busse belegt zu werden. 359’000-mal hat die Obrigkeit in den vergangenen zwei Wochen sanktioniert und mindestens 135 Euro pro Fall kassiert. In Mulhouse wurde ein Mann verhaftet, weil er dreimal am Tag draussen angetroffen worden war.

Alleine spazieren oder joggen gehen, draussen im Park in der Sonne sitzen und damit einem Isolationskoller vorbeugen – all das ist in Frankreich nicht mehr möglich. Parks und Wälder sind Sperrzone, die Überwachung der Städte und Dörfer ist hochgefahren, als würde das Land einen Luftangriff erwarten. Es kreisen Helikopter in der Luft, und sogar die Brigade Verte, eigentlich zum Schutz der Grünräume ins Leben gerufen, fahndet jetzt nach Regelbrechern auf Velos.

Liebe nur noch per Telefon

Ein Mann, der anonym bleiben möchte, erzählt der BaZ, dass er und seine Frau in der Nähe von Mulhouse leben, aber getrennte Wohnungen haben. Als er seine Frau und die gemeinsame erwachsene Tochter besuchen wollte, geriet er in eine Kontrolle der Gendarmerie. Weil der Besuch nicht als medizinischer Notfall oder für die Kindererziehung notwendiger Besuch eingestuft wurde, musste er umkehren.

Zur Sehnsucht verdammt sind nicht nur Paare in Frankreich, die aus beruflichen oder anderen Gründen zwei Wohnsitze haben, sondern auch die binationalen Liebespaare. «Seit Wochen kann ich nur noch per Videochat oder Whatsapp mit meinem Freund in der Schweiz sprechen», erzählt Rose, die unweit von der Schweizer Grenze lebt. Es sei bereits sehr belastend, ständig drinnen sein zu müssen, erzählt sie und nennt es «eingesperrt sein». Während viele ihre Sorgen, Ängste und Gedanken in dieser unsicheren Zeit wenigstens mit ihren Liebsten teilen und ein bisschen Nähe spüren können, so sei sie immer alleine. «Es ist sehr schwierig, traurig und drückt auf die Psyche», sagt sie. Liebende als Opfer einer knallharten Notstandpolitik, die keine Rücksicht mehr nimmt auf von der Verfassung garantierte Freiheitsrechte. Denn, so sagt Rose, auch wenn wir nicht rausdürfen, täglich gehen Zehntausende von Grenzgängern ins andere Land. Die Frage nach Verhältnismässigkeit wird auch in Frankreich immer lauter gestellt.

Infobest, das Netzwerk der Informations- und Beratungsstellen bei grenzüberschreitenden Fragen am Oberrhein in Palmrain, wird in diesen Tagen von Dutzenden von Menschen kontaktiert. «Uns erreichen auch Anfragen von Paaren, die nicht zusammen wohnen», sagt Marc Borer von Infobest. «Das ist für die Betroffenen oft sehr schwierig und wird als grosser Einschnitt in die persönliche Freiheit und das Privatleben erlebt.» Die französischen Regeln während der Ausgangssperre sehen kein Besuchsrecht ohne triftigen Grund vor, beispielsweise wenn ein Paar die gemeinsame Kinderbetreuung organisieren muss. Betroffen seien jedoch nicht nur die binationalen Paare, sondern auch jene, die in unterschiedlichen Gemeinden in Frankreich wohnen. «Auch sie dürfen sich, wenn keine der klar definierten Ausnahmen vorliegt, nicht mehr sehen.»

Ohne Grenzgängerbewilligung keine Einreise

Ein striktes Regime fahren nicht nur die Franzosen. Die Schweizer besetzen mit Grenzschutz und Armee gerade die Grenze, als hätten sie eine neue Generalmobilmachung wie damals 1939. In diesen Tagen sind Polizei, Militär und Grenzwache kein Symbol mehr für Sicherheit, sondern stehen für weniger Freiheit. «Grundsätzlich nicht als Härtefall anerkannt werden Ehepartner und minderjährige Kinder ausländischer Staatsangehörigkeit eines in der Schweiz lebenden EU-Bürgers oder Drittstaatsangehörigen, wenn die Familienangehörigen noch über keine Aufenthaltsbewilligung verfügen», heisst es beim Bund dazu. Und: «Ehepartner und minderjährige Kinder von Schweizer Staatsbürgern gelten grundsätzlich nur dann als Härtefall, wenn der oder die Schweizer Staatsangehörige mit der Familie zurückreisen will.»

Von der unsichtbaren Berliner Mauer entlang der schweizerisch-französischen Grenze sind nicht nur Liebende betroffen. Sondern auch Schweizer, die im Elsass einen Garten haben (diese Zeitung berichtete) oder über einen Zweitwohnsitz verfügen. «Die Leute möchten von uns wissen, ob sie in ihr Ferienhäuschen fahren dürfen», sagt Borer. Die Antwort ist fast immer: nein. Und bis mindestens zu Ostern wird sich das auch nicht ändern, in Frankreich fällt sogar der 1. Mai als Stichdatum immer öfter. Das bedeutet für die getrennten Liebenden: weitere Stunden, Tage und Wochen voller Sehnsucht, Trennung und Hoffnung auf ein baldiges Ende.

14 Kommentare
    Ursula Haass

    Es wäre alles nicht so schlimm, würden die Menschen Distanz halten! Ich sah heute am Morgen von meiner Terrasse aus 6 junge Männer joggen, dann - beim Ausruhen - nahe beieinander und lachen. Da sind die "Tröpfchen" nur so geflogen! Und dann wundern sie sich, wenn sie sich infizieren!