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Stundenlanges GeiseldramaUkrainische Polizei stürmt entführten Linienbus

Ein Geiseldrama in der westukrainischen Stadt Luzk verläuft am Ende glimpflich. Sogar der Präsident des Landes hat sich in die Verhandlungen mit dem Täter eingeschaltet.

Ein Drama in mehreren Akten: Die Polizei stürmt den Bus, ohne dass es Tote gibt.
Ein Drama in mehreren Akten: Die Polizei stürmt den Bus, ohne dass es Tote gibt.
Foto: Markian Lyseiko (Keystone/21. Julli 2020)

In der ukrainischen Grossstadt Luzk konnte eine stundenlange Geiselnahme in einem Linienbus ohne Tote beendet werden. Der Täter sei festgenommen worden und alle Geiseln seien unverletzt und wieder frei, bestätigte Innenminister Arsen Awakow am Dienstagabend in Luzk. Die Polizisten hatten den Bus gestürmt. Der Täter ist Behörden zufolge 44 Jahre alt und vorbestraft.

Bei der Beendigung der Geiselnahme war auch ein Schützenpanzer im Einsatz. Ausserdem wurde eine Blendgranate gezündet. Präsident Wolodimir Selenskj sprach zuvor persönlich mit dem Geiselnehmer und erfüllte eine seiner Forderungen. Dem Täter drohen wegen Terrorismus und Geiselnahme bis zu 15 Jahre Haft.

Der Mann hatte am Dienstagmorgen 13 Menschen in dem Überlandbus in der Stadt im Westen des Landes in seine Gewalt gebracht. Er hatte ein Sturmgewehr, eine Pistole und Handgranaten bei sich. Am Vormittag verständigte der Mann sogar selbst den Polizeinotruf und informierte die Beamten über die Geiselnahme. Mit einem Sturmgewehr zerschoss er zwei Fenster des Busses.

Dramatische Momente

Präsident Selenski veröffentlichte nach einem Telefonat mit dem Geiselnehmer am Abend auf Facebook ein nur wenige Sekunden dauerndes Video. Darin fordert er die Menschen auf, die amerikanische Dokumentation «Earthlings» über Tierschutz aus dem Jahr 2005 anzuschauen. Das soll der Täter, der sich wohl für Tierrechte einsetzt, von Selenski gefordert haben.

Das Video wurde nach der Freilassung wieder von der Seite gelöscht. Beobachter befürchten, dass Selenski, der erst seit einem Jahr im Amt ist, mit dem Eingehen auf die Forderung Trittbrettfahrer zum Nachahmen ermutigen könnte.

Der Geiselnehmer forderte zudem, dass unter anderem Vertreter von Kirche und Staat wie Ex-Präsident Petro Poroschenko und Innenminister Awakow sich öffentlich als «Terroristen» bezeichnen. Darauf wurde jedoch nicht eingegangen. Selenski selbst hatte im Laufe der Verhandlungen betont, auf jeden Fall Opfer vermeiden zu wollen. «Wir haben niemanden verloren. Heute können Verwandte und Nahestehende alle umarmen, die den Tag im Bus im Fadenkreuz verbracht haben», schrieb er bei Facebook.

Der Mann hatte zunächst nur drei Menschen, einen Jugendlichen und zwei Frauen, freigelassen. Sie stiegen aus dem Bus und wurden dann von einem Polizisten weggeleitet. Dann begannen die Polizisten nach rund zwölf Stunden, den Bus zu stürmen.

Die ganze Nation in Atem gehalten

Über den Täter in Luzk gibt es bislang kaum gesicherte Informationen. Der Mann soll den Behörden bekannt sein. Während mehrjähriger Gefängnisstrafen soll der in Russland geborene 44-Jährige Medienberichten zufolge ein Buch mit dem Titel «Philosophie eines Verbrechers» geschrieben haben. Er sei zudem in psychiatrischer Behandlung gewesen, hiess es. Awakow dementierte diese Information jedoch am Nachmittag.

Zunächst lässt der Täter drei Geiseln frei.
Zunächst lässt der Täter drei Geiseln frei.
Foto: Markian Lyseiko (Keystone/21. Juli 2020)

Die Geiselnahme hielt das Land den ganzen Tag in Atem, auch weil der Geiselnehmer damit gedroht hatte, Sprengsätze an belebten Orten aus der Ferne zünden zu wollen.

In der Hauptstadt Kiew war die Polizei verstärkt unterwegs, die Einsatzkräfte patrouillierten mit Sturmgewehr in den Strassen der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole. In Kiew waren mehrere Drohanrufe eingegangen und ein verdächtiger Gegenstand wurde gefunden. Sprengstoffexperten entschärften den Gegenstand vorsorglich, der in einer Schachtel versteckt war. Vergangene Woche war bei der Explosion in einem Mülleimer an einer Metrostation mindestens ein junger Mann verletzt worden.

SDA