Wie konnten sie diesen Achtelfinal bloss verlieren?

Die Schweizer träumten an dieser WM von etwas Grossem und bleiben nach dem 0:1 gegen Schweden doch nur Verlierer.

Forsberg schiesst, Akanji lenkt unglücklich ab, die Schweiz scheidet aus. Video: SRF
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Die Bilder werden sich einprägen. Es sind die Bilder aus St. Petersburg, von demoralisierten Fussballern aus der Schweiz, die nicht Wort gehalten und darum den Viertelfinal an dieser WM verpasst haben.

Mit dem 0:1 gegen Schweden landen sie unsanft in der Realität und geben damit selbst die Antwort auf die Frage aller Fragen, die sie seit langem begleitet: Wie gut sind sie wirklich? So gut, wie es Platz 6 in der Fifa-Weltrangliste vortäuscht?

Nicht so gut, wie sie selbst meinen

Sie sind nicht so gut, wie sie selbst meinen und sagen. Wären sie es, dürften sie sich über den Einzug in den Viertelfinal dieser WM freuen. Und sie ständen auch nicht voller Bitterkeit vor der Frage: Wie konnten sie diesen Achtelfinal bloss verlieren, gegen dieses Schweden?


«Das Goal muss man selber schiessen»

Die Schweizer Fans in St. Petersburg sind nach der Niederlage selbstkritisch, anerkennen aber den schwedischen Sieg. Video: SDA


Der Nachmittag von St. Petersburg zeigt, dass sie die Schweiz sind und bleiben, wie sie der Fussball kennt: solid, strebsam, aber nicht geschaffen für den Coup, den Exploit. Viele Mannschaften haben in der Vergangenheit den Ausreisser nach oben gehabt, Dänemark und Griechenland als Europameister, Costa Rica als Viertelfinalist an der WM 2014, Wales als EM-Halbfinalist vor zwei Jahren.

Sie alle besassen sicher nicht mehr spielerisches Talent als die Schweiz jetzt, aber sie hatten in den entscheidenden Momenten das, was ihr wieder einmal gefehlt hat: Sie waren auf den Punkt bereit.

Die Mannschaft denkt gross – das ist noch nichts Schlechtes

«Wir können etwas leisten, was viele überrascht», sagte Granit Xhaka letzten November, am Tag der Qualifikation für die WM in Russland. Es war ein Satz, wie er typisch ist für diese Generation. Es ist keine mehr, die klein denken will. Sie denkt gross und gibt sich furchtlos. Das ist noch nichts Schlechtes.


Kann man auch mal machen: Blerim Dzemaili schiesst über das Tor. Es war die grösste Schweizer Chance. Video: SRF


Das steht für Ehrgeiz und das Denken, mit dem Erreichten nicht zufrieden zu sein. Von Coach Vladimir Petkovic klingt sogar der Satz im Ohr, den er vor dem Turnierstart sagte: «Wir sind mit dem Achtelfinal nicht zufrieden.»

Die Schweizer wähnten sich auf gutem Weg nach dem 1:1 gegen Brasilien und dem 2:1 gegen Serbien. Sie waren so sehr beseelt von der eigenen Stärke, dass sie mit einer gewissen Überheblichkeit an die Aufgabe gegen Costa Rica herangingen. Sie schwärmten nach der ungeschlagen überstandenen Gruppenphase vom Zusammenhalt, von der Stimmung.

Eine grosse Chance vergeben

Morgen fliegen sie trotzdem zurück nach Hause. Sie sind nicht weiter als in früheren Jahren. 2006 verloren sie auf kümmerliche Art das Elfmeterschiessen gegen die Ukraine, 2014 einen heldenhaften Kampf gegen den späteren Finalisten Argentinien in der Verlängerung und 2016 wieder ein Elfmeterschiessen, diesmal gegen Polen.

2006 hatten sie eine grosse Chance vergeben, 2016 auch, und jetzt haben sie das erst recht getan. Wer diese Schweden nicht besiegt, der braucht bis auf Weiteres nicht zu hoffen, den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu machen, von dem er schon so lange redet.


Hier rettete Yann Sommer die Schweiz noch: Wunderbare Parade in der 1. Halbzeit. Video: SRF


Das Gefühl, Verlierer zu sein

Zur Aufarbeitung dieser WM, gerade dieses Achtelfinals gehört, dass zu viele Spieler nicht das boten, was von ihnen zu erwarten oder erhoffen war. Granit Xhaka war wieder kein Leader, sondern eine Enttäuschung. Xherdan Shaqiri brachte nicht annähernd das Extra. Die anderen Offensivspieler, ja, die waren eben, wie sie an dieser WM so waren.

Die Schweizer treten den Rückzug im Gefühl an, Verlierer zu sein. Und mit der Frage im Kopf: Wie weiter? Bei der Antwort darf nicht untergehen, dass das kleine Land einen erstaunlichen Weg hinter sich hat. Seit 2004 hat es nur einmal eine WM oder EM verpasst. Das ist bemerkenswert für seine fussballerischen Ressourcen. Aber genau das ist das Problem: Die Auswahl ist begrenzt, sehr begrenzt, und gäbe es die Secondos nicht, wäre sie wohl gar ärmlich.

Immerhin wächst eine nächste Generation heran mit Akanji, Embolo, Mvogo, Mbabu, Zakaria. Sie wird afrikanisch geprägt sein. Und endlich bereit zum Coup?

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt