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Leistenbruch statt RekordeFür neue Leichtigkeit opfert Alex Wilson einen ganzen Sommer

Der schnellste Schweizer der Geschichte musste die Saison beenden, bevor sie begonnen hat. Eine Operation soll nun zum Glücksfall werden und den Basler befreit nach Tokio sprinten lassen.

Alex Wilson wird erst 2021 wieder Wettkämpfe bestreiten.
Alex Wilson wird erst 2021 wieder Wettkämpfe bestreiten.
Foto: Christian Merz

Plötzlich ging alles ganz schnell. Am Dienstag der vergangenen Woche besuchte Alex Wilson einen Hüftspezialisten aus Basel und erfuhr endlich die Ursache für seine andauernden Schmerzen: Leistenbruch. Am Mittwoch wurde ein Spezialist gesucht, der eine Operation durchführen konnte. Am Donnerstag gabs ein MRI, und am Freitag kam Wilson unters Messer. Innerhalb weniger Tage fand so eine Odyssee ihr Ende, die Wilson zwei Jahre lang beschäftigt hatte.

«In den letzten Monaten habe ich fast alle Spezialisten kennen gelernt, die es im Hüftbereich gibt», erzählt Wilson lachend. Niemand fand eine Lösung. Wilson wusste, dass seine Probleme nicht muskulär bedingt sind. Solche Schwierigkeiten beheben seine Physiotherapeuten ohne Mühe. Doch dieser Schmerz in der Hüfte, er wollte seit zwei Jahren einfach nicht mehr weg, selbst Schmerzmittel blieben wirkungslos. «Vor allem beim Start behinderte er mich», sagt Wilson. Aus dem Block sei er stets problemlos gekommen. Doch danach, auf den Metern 10 bis 40, konnte er zu wenig Druck auf seinen Körper erzeugen. Regelmässig verlor er in diesem Bereich des Rennens wertvolle Zeit auf die Konkurrenz, musste sich in der zweiten Hälfte mühsam Zentimeter um Zentimeter wieder herankämpfen. «Irgendwann dachte ich, das sei halt einfach so», sagt er. Seit letzter Woche weiss Wilson: Da lag er falsch.

Krafttraining und Yoga

In Basel erkannten die Spezialisten, dass es ein Leistenbruch ist, der verhindert, dass Wilson seinen Körper voll belasten kann. Die Operation soll ihm nun verloren gegangene Leichtigkeit zurückbringen. Endlich wieder beschwerdefrei sprinten – für dieses Gefühl opfert der Athlet der Old Boys einen ganzen Sommer. Verläuft die Heilung gut, kann Wilson in sechs Wochen wieder voll trainieren. Wettkämpfe will er in dieser Saison aber keine mehr bestreiten. «Alle wissen, was ich kann, wenn ich endlich wieder komplett schmerzfrei bin», sagt er. Dafür wolle er sich nun Zeit lassen, seinen Körper auskurieren und stärken – mit Krafttraining und Yoga.

Viel wird Wilson in dieser Corona-Saison sowieso nicht verpassen. An den «Inspiration Games», dem Ersatzanlass für Weltklasse Zürich, wäre er angetreten, und an den Schweizer Meisterschaften in seinem Heimstadion Schützenmatte hätte er wohl ein paar weitere Medaillen gewonnen. Stattdessen hat er sich entschieden, seinen Fokus ganz auf die kommende Saison zu legen. Dann wird Olympia in Tokio nachgeholt. Mit seinen dannzumal 30 Jahren dürften es die letzen Spiele sein, die der Athlet der Old Boys in Bestform bestreiten kann. Vorangehen wird dem Saisonhighlight eine ausgedehnte Vorbereitung, die im September in Jamaika beginnt, im November und im Dezember in London fortgeführt, im Januar auf Teneriffa ausgedehnt und von Februar bis Mai wie gewohnt in Florida abgeschlossen wird.

Zunächst aber wartet ein Sommer auf Wilson, wie er ihn schon lange nicht mehr erlebt hat. «Seit zehn Jahren konnte ich nie mehr einfach chillen.» Genau das will er nun nachholen. Statt in einem Hotelzimmer irgendwo auf der Welt verbringt er die kommenden Wochen bei seiner Frau und den beiden Söhnen. «Ich werde jetzt das Leben geniessen.» Danach beginnt die nächste Odyssee. Sie soll 2021 in Tokio enden – mit einem beschwerdefreien Körper und einem schnellen Start voller Leichtigkeit.