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Ewige SportmomenteFür immer 14

1,00 statt 10,0 – als Nadia Comaneci die falsche Note angezeigt wird, steht die Sportwelt einen Augenblick still. Für das scheue Mädchen ist danach nichts mehr wie vorher.

«And it is … the perfect 10»: Die TV-Kommentatoren sind von Comanecis Pflichtübung am Barren verzückt.
Youtube.

Sie war ein Wunder. Ist es bis heute. Denn obschon auch Nadia Comaneci Tag für Tag einen Tag älter wird, bleibt sie für immer jung. Sie mag inzwischen eine 58-jährige US-Amerikanerin sein. Und ist gleichzeitig die 14-jährige Rumänin.

Es ist der 18. Juli 1976, als Comaneci Sportgeschichte schreibt: An den Olympischen Spielen in Montreal absolviert sie ihr Pflichtprogramm am Stufenbarren derart makellos, dass dem Kampfgericht nichts anderes übrig bleibt, als die Höchstnote zu schreiben. 10,0 – die perfekte Zehn. Zum ersten Mal bei Olympischen Spielen.

Ein Mädchen im Scheinwerferlicht: Nadia Comaneci bei den Olympischen Spielen 1976 – und hinter ihr die falsche Anzeige ihrer Traumnote 10,0.
Ein Mädchen im Scheinwerferlicht: Nadia Comaneci bei den Olympischen Spielen 1976 – und hinter ihr die falsche Anzeige ihrer Traumnote 10,0.
Keystone

Doch das Publikum reagiert irritiert. Auch Comaneci selbst, ihre Kolleginnen und Rivalinnen und die Betreuer zögern. Denn auf der Anzeigetafel steht etwas ganz anderes, Gelb auf Schwarz: «1,00». Eine Durchsage im Stadion löst die verwirrende Situation auf: Comaneci hatte sehr wohl eine 10 erzielt – doch die Elektronik des Schweizer Zeitmessers Omega in der Kunstturnhalle war nicht fähig, zweistellige Zahlen anzuzeigen.

Eine 10,0 zu erreichen, gilt als unmöglich zu jener Zeit. Erst einer Turnerin überhaupt, der Tschechoslowakin Vera Caslavska, ist das je geglückt. Neun Jahre vorher. Damals wurden noch manuelle Anzeigen eingesetzt.

Die Vorbereitung: Da rollt etwas auf Montreal zu

Dabei könnte Omega gewarnt sein: Die «perfekte 10» kommt nicht aus heiterem Himmel. Ein paar Monate vor den Sommerspielen nimmt Comaneci an einem Einladungswettkampf im Madison Square Garden in New York teil, dem American Cup. Am Sprung und Boden gelingen ihr da schon Übungen ohne den geringsten Fehler, es sind dies die ersten 10,0 ihrer Karriere. Spätestens da weiss die Turnwelt: Es rollt etwas auf Montreal zu.

Für Comaneci kommen die Olympischen Spiele 1976 zum perfekten Zeitpunkt. Altersbeschränkungen kennt das Internationale Olympische Komitee nicht (erst 1997 wurde 16 als Mindestalter festgelegt), und die federleichte Rumänin ist noch eher Mädchen als schon junge Frau. Aber: Sie hat lange Beine und ist mit ihren 1,50 Meter Körpergrösse wie geschaffen für den Stufenbarren. Zum Vergleich: Simone Biles, heute die Überturnerin, ist 8 Zentimeter kleiner. Der Barren ist klar ihr schwächstes Gerät.

«Natürlich war auch der Schwierigkeitsgrad ihrer Übungen hoch», sagt die erfahrene Schweizer Kampfrichterin Christine Frauenknecht. «Herausgestochen ist sie aber mit der Ausführung, mit ihrer Stabilität und Sicherheit. Sie war immer perfekt.»

Der Stufenbarren war ihr Paradegerät. Hier liess sie sich im Teamwettkampf von Montreal die erste «perfekte 10» der Olympiageschichte schreiben. Hier erfand sie den «Comaneci-Salto».
Der Stufenbarren war ihr Paradegerät. Hier liess sie sich im Teamwettkampf von Montreal die erste «perfekte 10» der Olympiageschichte schreiben. Hier erfand sie den «Comaneci-Salto».
Paul Vathis (AP Photo/Keystone)

Die Anfänge: Drill, Drill, Drill

Geboren im November 1961 in Onesti in den Karpaten, ist sie ein Mädchen mit unzähmbarer Energie. «Man hielt es mit ihr im Haus kaum aus. Sie turnte überall und machte die Betten kaputt», wird ihre Mutter Stefania später einmal erzählen. Mit sechs Jahren wird Nadia von Trainer Bela Karolyi entdeckt, der es sich zusammen mit seiner Frau Marta zur Aufgabe gemacht hat, das beste rumänische Turnteam zu formen. Bis dahin ist es das staatlich unterstützte Dinamo Bukarest.

Unter dem Ehepaar Karolyi lernt Comaneci schnell, dass Kunstturnen in Rumänien nicht mit dem Herumtollen im Haus vergleichbar ist. Sie erlebt knochenharten Drill, unvorstellbare Dehnungsübungen und verbale Demütigungen. Passt Marta etwas nicht, setzt es Ohrfeigen ab. Das Balkenturnen lernen die Mädchen, indem sie wieder und wieder und wieder und wieder auf dem dünnen Gerät balancieren. Stundenlang hin und her. Die jüngsten Turnerinnen sind drei Jahre alt, tragen Babykapuzen. Die Karolyis wollen, dass ihre Mädchen so früh wie möglich internationale Wettkampfreife erlangen – am liebsten vor der Pubertät.

Ihren ersten rumänischen Meistertitel gewinnt Comaneci mit 9, und mit 10 vertritt sie Rumänien erstmals im Ausland. Und als sie mit 13 – ein Jahr vor Montreal – vier von fünf möglichen EM-Titeln gewinnt, ist klar: 1976 kann ihr Jahr werden. Wird ihr Jahr werden. Und mit diesen Erfolgen setzen sich die Methoden des Ehepaars Karolyi durch: Dank (oder wegen) Nadia wird das internationale Kunstturnen zum Kindersport.

Erst formten Bela und Marta Karolyi Nadia Comaneci zur Weltsensation, nach ihrer Flucht 1981 heuerten sie beim US-Turnverband an. Marta war bis 2016 Koordinatorin von USA Gymnastics. Ihre Trainingsmethoden, die verbale Demütigungen und selbst Tätlichkeiten beinhalteten, führten sie auch in den USA fort.
Erst formten Bela und Marta Karolyi Nadia Comaneci zur Weltsensation, nach ihrer Flucht 1981 heuerten sie beim US-Turnverband an. Marta war bis 2016 Koordinatorin von USA Gymnastics. Ihre Trainingsmethoden, die verbale Demütigungen und selbst Tätlichkeiten beinhalteten, führten sie auch in den USA fort.
Peter Read Miller (Sports Illustrated/Getty Images)

Die Heimkehr: Der Diktator missbraucht sie als Heldin

Dass Comaneci in Kanada nicht einfach nur dreifache Olympiasiegerin wird, sondern diese Ausbeute gleich mit sieben perfekten Noten umrahmt, potenziert die Hysterie um ihre Person. Zum einen im Ausland: In England und den USA wird sie zur Weltsportlerin des Jahres erkoren, und ihre Popularität hält bis heute an. Gar politisch ausgeschlachtet werden ihre Leistungen in der Heimat. Diktator Nicolae Ceausescu verleiht ihr eine Ehrenmedaille mit Hammer und Sichel, und Comaneci wird für ihre Auftritte zur «Heldin der sozialistischen Arbeit» ernannt.

Der öffentliche Druck setzt ihr zu. Ein Jahr nach Montreal unternimmt sie einen Suizidversuch, indem sie Bleichmittel schluckt. Sie überlebt, wird ins Spital gebracht – und war froh, dass sie «jetzt zwei Tage nicht in die Halle muss», wie sie Jahre später erklären wird.

Für Ceausescu hingegen ist Turnen fortan eine staatstragende Angelegenheit: Als Comaneci an der EM 1977 in Prag am Sprung nur Zweite wird und sich den Sieg am Barren mit einer Russin teilen muss, lässt der Staatspräsident die TV-Übertragung abbrechen und beordert das Team nach Hause. Es gehorcht – und verlässt die Halle während der Gerätefinals.

Die Flucht: Zurück nach Montreal

Nachdem sich während einer US-Tour im Jahr 1981 die Karolyis von der rumänischen Delegation absetzen, beobachten die Staatsdienste Comaneci auf Schritt und Tritt, und sie darf nicht mehr ins Ausland. Ceausescu fürchtet, dass auch seine bekannteste Sportlerin überlaufen will. «Aber Nadia war Rumäniens bestes Produkt», sagt Gesa Poszar, einst der Choreograf der Karolyis. «Sie war im Kalten Krieg die Turnerin, die besser war als alle Amerikanerinnen.»

«Wenn das Heimweh ganz schlimm ist, kaufe ich mir sofort ein Ticket und verbringe eine Woche in Bukarest.»

Nadia Comaneci hat sich mit ihrer Heimat Rumänien versöhnt.

Also bleibt Nadia – bis zum 27. November 1989. Zu Fuss macht sie sich auf, und über die Tschechoslowakei und Österreich gelingt ihr die Flucht nach Nordamerika. Die ersten Monate verbringt sie – ausgerechnet – in Montreal. Heute lebt sie im US-Bundesstaat Oklahoma.

Und Comaneci, seit 2012 amerikanisch-rumänische Doppelbürgerin, hat sich mit ihrer Heimat versöhnt: In Bukarest besitzt sie ein Haus, sie ist regelmässig dort. Dem «Tages-Anzeiger» sagte sie vor ein paar Jahren: «Klar, vermisse ich meine Heimat manchmal – vor allem meine Familie. Von Zeit zu Zeit nehme ich meine Mutter darum auf Arbeitsreisen mit. Und wenn das Heimweh ganz schlimm ist, kaufe ich mir sofort ein Flugticket und verbringe eine Woche in Bukarest.»

Die Gegenwart: Sie macht sich die 10,0 zu eigen

Auch in anderen Sportarten ein gern gesehener Gast: Nadia Comaneci auf der Tribüne von Roland Garros beim Final des French Open 2018 zwischen der Rumänin Simona Halep und der Amerikanerin Sloane Stephens.
Auch in anderen Sportarten ein gern gesehener Gast: Nadia Comaneci auf der Tribüne von Roland Garros beim Final des French Open 2018 zwischen der Rumänin Simona Halep und der Amerikanerin Sloane Stephens.
Benoit Tessier (Reuters)

Bis heute geniesst Comaneci in ihrer Heimat eine grosse Beliebtheit. Die Flucht wird ihr verziehen – zumal die Diktatur weniger als einen Monat danach mit der Hinrichtung von Ceausescu am Weihnachtstag 1989 beendet war. Auch dem Turnen bleibt sie erhalten: 2017 ist sie Botschafterin der Weltmeisterschaften – in Montreal. Und sie versucht sich eine gewisse Zeit auch als Kampfrichterin, ist dabei aber, so formuliert es Christine Frauenknecht, «nicht ganz so talentiert wie als Turnerin».

Und dass sie die Traumnote 10,0 solange begleiten wird, wie sie lebt – dafür sorgt sie auch selber. Vor ein paar Jahren lancierte sie ein belangloses Handyspiel mit dem Namen: «Perfect 10». Die eigene TV-Produktionsfirma, die sie mit ihrem Mann Bart Conner betreibt? Heisst Perfect 10 Productions. Und schliesslich organisieren die beiden in den USA auch einen Einladungswettkampf für Hochschulturnerinnen: die Perfect 10 Challenge.