Für das Schöpferische bleibt wenig übrig

Das neue Kulturleitbild schätzt manches richtig ein, wird aber oft schwammig oder entzieht sich einer Stellungnahme.

Junge Kultur wird irgendwann die alte verdrängen. Foto: JKF/Andreas Frossard

Junge Kultur wird irgendwann die alte verdrängen. Foto: JKF/Andreas Frossard

Markus Wüest

Spöttisch kann man sagen: Es kann ja keine allzu grosse Sache sein, in Basel ein Kulturleitbild zu entwerfen. Basel ist tatsächlich eine Kulturstadt. Trotz seiner recht bescheidenen Grösse hat es Unglaubliches zu bieten. Gemälde, um die uns Museen in der halben Welt beneiden. Orchester, die in den besten Konzertsälen der Welt auftreten. Sammlungen, die auch einer Metropole würdig wären. Gebäude von Architekten wie Herzog & de Meuron, Renzo Piano, Mario Botta … Wir dürfen tatsächlich stolz sein. Sehr!

Sonja Kuhn und Katrin Grögel, Co-Leiterinnen der Abteilung Kultur im Präsidialdepartement, haben also nicht allzu viel falsch machen können mit dem neuen Leitbild, das sie am Donnerstag vorgestellt haben, solange sie nur der Devise folgten: Warum etwas ändern, wenn es nicht kaputt ist? (If it ain’t broke, why fix it?)

Nur: Basel bietet nicht in erster Linie eine Kultur für möglichst viele, und wenn Grögel und Kuhn von «innovativer Vielfalt» reden, meinen sie doch eigentlich: Breitenwirkung. Orchester, Theater und – wenn auch in geringerem Masse – die Museen werden aber vor allem von einem älteren, eher distinguierten Publikum genutzt. Von einer starken Einbindung aller hier ansässigen Einwohnerinnen und Einwohner ist die Basler Staatskultur jedenfalls ein gutes Stück entfernt.

Wenn man schon in monatelanger Arbeit ein Leitbild erstellt, müssten mutigere Ideen mindestens in Erwägung gezogen werden

Sieht man sich bei einer Premiere im Theater Basel um, meint man im Silbersee zu schwimmen, wie das Kollegin Christine Richard diese Woche in dieser Zeitung so treffend formuliert hat. Mehrheitlich ergraute Herrschaften. Bei klassischen Konzerten ist es nicht anders. Das wird übrigens auch von den Zahlen gestützt, die im Anhang des Leitbildes zu finden sind: Die Hochkultur der Stadt, in die auch ein hoher Teil der staatlichen Gelder fliesst, wird zu einem grossen Teil von über 50-Jährigen genutzt.

Das ist nicht falsch und verdammenswert. Aber wenn man schon in monatelanger Arbeit ein Leitbild erstellt, müssten mutigere Ideen mindestens in Erwägung gezogen werden. 46 Prozent von 149 Millionen Franken fliessen in die Dienststellen der Abteilung – zu Deutsch: an die Angestellten in den Museen. 48,4 Prozent an die Institutionen. Sprich: Vor allem zum Theater und zum Sinfonieorchester. Das ist krass. Fast schon lächerliche 2,6 Prozent bleiben für die Projektförderung übrig.

Die Jungen protestieren

Das finden vor allem die Jungen und Jüngeren nicht toll. Sie protestieren (wenn auch noch nicht sehr laut). Sie verlangen eine andere Gewichtung. Verständlicherweise.

Man kann die Kritik an dieser Gelderverteilung aber auch unter einem anderen Aspekt als der Alt-Jung-Diskussion betrachten. Ist es nicht unglaublich viel Geld für das Bewahrende und erschreckend wenig für das Schöpferische?

Die Museumsstadt Basel orientiert sich – naturgemäss – an der Vergangenheit. Haben Museen so an sich. Artefakte, Gemälde, Objekte aus älterer oder jüngerer Vergangenheit werden bewundert. Wäre es nicht zukunftsweisender – auch für die internationale Anerkennung, die man ganz offiziell anstrebt –, wenn es grosse Basler Künstler gäbe, statt grosse Basler Sammler? Einen Maler vom Range eines Arnold Böcklin. Einen Dichter vom Rang eines Hermann Hesse. Einen Musiker wie …, hmm.

Pumpen wir doch besser das Geld, das der reichen Stadt Basel zur Verfügung steht, in Talente.

Wenn staatliche Stellen anfangen zu kritisieren, dass der Frauenanteil in einer Band nicht stimmt, sollten sofort alle Warnleuchten angehen

Nun, ansatzweise geschieht das natürlich. Der Rockförderverein fördert seit 1994 Rockmusik(er). Die Abteilung Literatur verleiht seit einigen Jahren Fördergelder. Basel ist neuerdings auch bemüht, etwas für den Film zu tun. Man überlegt sich jetzt in der Abteilung Kultur sogar, jemanden zu beauftragen, der Basel gezielt als Drehort beliebt machen soll.

Sonja Kuhn und Katrin Grögel wollen auch gezielt Frauen fördern. Chancengleichheit in Rockbands! Und gerne auch mehr Frauen auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Und wenn sie dazu als Mütter nicht Zeit finden, muss man halt zu ihren Kindern schauen!

Doch genau wenn es in diese Richtung gehen soll, sträuben sich mir die Nackenhaare. Wenn staatliche Stellen anfangen zu kritisieren, dass der Frauenanteil in einer Band nicht stimmt, als ob sich das per Dekret richten liesse, sollten sofort alle Warnleuchten angehen. Wenn grundsätzlich Kulturschaffende auf allzu viel staatliche Hilfe angewiesen sind, tauchen Zweifel auf. Theorie und bürokratisch-technische Formulierungen in Leitbildern machen noch keine Künstler. Auf die grosse Basler Rockband warten wir alle immer noch …

Architektur wird zu wenig thematisiert

Insofern ist es richtig, in Basel den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen. Die Exzellenz liegt bei uns hier nun mal an einem anderen Ort.

Die Abteilung Kultur tut aber gut daran, der Architekturstadt Basel künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Skeptisch macht in diesem Zusammenhang nur die Formulierung im Leitbild. Man müsse die Aufmerksamkeit stärken, heisst es. «Stärken» wird gerne dann verwendet, wenn man zwar eine feste Absicht hat, aber keinen Plan.

Kritik am neuen Leitbild ist vor allem dort angebracht, wo es schwammig wird. Und das wird es auf all den vielen Seiten nicht zu selten. Da will man neu Kulturstatistiken erstellen, will Gendergerechtigkeit, will «Kulturkommunikation», will auch vermehrt digitalisieren – und sagt, dies sei ohne Stellenausbau möglich. Gleichzeitig ist das Historische Museum daran, ganz sauber Inventur zu machen und bräuchte neue Depots, moderne Lager und mehr Leute. Wie viel das kostet und wie viel Stellen dafür genau nötig sind? Wer weiss. Es liegt mindestens der Verdacht nahe, dass die 46 Prozent des Kuchens, die bereits jetzt in die Dienststellen fliessen, nicht reichen. Und wenn da korrigiert werden muss, bleibt am Ende noch weniger für «Projekte», also all das Innovative, Neue übrig. Denn von einer Budgeterhöhung zugunsten der Kultur hörte man am Donnerstag nichts.

Früher oder später werden all die Jungen, all die Secondos, all die Hip-Hopper und Tätowierten, bestimmt infrage stellen, warum sie dermassen benachteiligt werden

Ein Wort noch zum Theater: Es ist kaum der Rede wert. Auf den 70 Seiten Kulturleitbild werden dem mit Abstand grössten Leistungsbezüger – 40,5 von 149 Millionen – ganz wenige Sätze gewidmet. Unter anderem dieser: «Wie das Theater über das angestammte Publikum hinaus für breitere und jüngere Kreise relevant» bleiben könne, stehe im Zentrum der Diskussion. Bitte schön? Das ist alles, was den Verfasserinnen und Verfassern des Leitbilds einfällt? Ein Gemeinplatz, mehr ist das nicht.

Ob preisgekrönt – dank Andreas Beck und seiner Crew – oder nicht, wenn ein einzelner Bezüger so viel des zur Verfügung Stehenden bezieht, wären ein, zwei Gedanken dazu in einem Leitbild, das fünf Jahre Gültigkeit haben soll, mehr als angebracht. Egal ob Becks Nachfolger ein feines Händchen haben wird oder nicht, egal ob es Preise regnen wird wie bis anhin. Früher oder später werden all die Jungen, all die Secondos, all die Hip-Hopper und Tätowierten, bestimmt infrage stellen, warum dieser Player so fürstlich behandelt wird – und sie ­darben.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt