Zum Hauptinhalt springen

Masken aus Hollywood für den modernen Bankräuber

Verbrecher legen sich ein täuschend echtes Silikongesicht zu und zeigen sich gern der Überwachungskamera.

Die Maske «Mac the Guy» kostet rund 600 Dollar und wurde auch schon bei einem Bankraub verwendet.
Die Maske «Mac the Guy» kostet rund 600 Dollar und wurde auch schon bei einem Bankraub verwendet.
Foto: CFX Composite Effects

Als die Polizisten sie in ihrer Wechselstube im New Yorker Stadtteil Queens ansprechen, ist Liloutie Ramnanan unbesorgt. Doch dann zücken die drei ihre Dienstwaffen; sie zeigen Ramnanan ein Foto ihres Hauses und drohen, ihrer ­Familie Schreckliches anzutun, sollte sie nicht kooperieren. Sie dringen in den Schalterraum ein, räumen Tresor und Kassen aus. Mit 200'000 Dollar Bargeld machen sie sich davon. «Ich hatte Angst, dass sie mich erschiessen», sagt Ramnanan später.

Drei weisse Männer schildert Ramnanan der Polizei im Februar 2012. Doch die Fahndung bleibt erfolglos, obwohl die Gesichter der Täter auf den Bildern der Sicherheitskamera gut zu sehen sind. Bis die Ermittler feststellen, wo der Abzug des Fotos gemacht wurde, das Ramnanans Haus zeigt: in einem Supermarkt in Queens. Sie finden auch heraus: Der Abzug war von einem Schwarzen bestellt worden. Erst jetzt erkennt die Polizei, dass die Täter Schwarze waren, die sich als Weisse ausgaben – mit hochwertigen, lebensechten Masken.

Menschlicher Realismus

Bestellt hatten sie die Verkleidung bei der Firma CFX Composite Effects im US-Bundesstaat Louisiana, die sich rühmt, die «besten Silikonmasken der Welt» herzustellen. Sie bedecken nicht nur das Gesicht, sondern den gesamten Kopf, den Hals und den oberen Teil der Brust, sodass nicht einmal ein offenes Hemd die Illusion stört.

Das Angebot umfasst Zombies und Dämonen, Clowns und Tiere jeder denkbaren Art; Abnehmer sind Teilnehmer von Halloween-Partys und Karneval-Umzügen, Geisterbahnbetreiber und Filmproduzenten. Zum Sortiment gehören auch Masken von «natürlichen Menschen». Die Täter von Queens entschieden sich für «Mac the Guy» in verschiedenen Varianten – für gut 600 Dollar pro Stück. Diese Maske sei «die Ultimative für menschlichen Realismus punkto Gesicht und Hals», heisst es auf der CFX-Website. Ein passender Satz Silikonhandschuhe kostet noch einmal 600 Dollar.

Tatsächlich schmiegen sich diese täuschend echten, millimeterdünnen Masken so genau dem Gesicht an, dass sie das Minenspiel des Trägers fast perfekt nachvollziehen. Ob Lachen oder Grübeln, Wut oder Übermut – Lippen, Augenbrauen, Stirn und Ohren der Masken folgen den Regungen des echten Menschen, der sie trägt. Das Silikongummi, aus dem sie hergestellt werden, ist dünn, dehnbar und hautverträglich. «Unsere Masken sind äusserst überzeugend, vor allem in kurzen Begegnungen wie bei einem Raub», sagte Wes Branton von CFX. «Natürlich sind sie nur für Unterhaltungszwecke gedacht.»

Jeder Filmfan kennt die Fantasywesen, etwa Orks in den Hobbit-Verfilmungen. Doch die Technologie ist längst nicht mehr auf teure Hollywoodproduktionen beschränkt. Eine Vielzahl von Websites, vor allem aus China, bietet im Internet Masken zu erschwinglichen Preisen an. Es gibt Nischenmärkte für Transvestiten und Sexspiele. Und Anleitungen, wie man vergleichbare Masken (mit einigem Aufwand) selbst herstellt.

Sogar die Mutter irrt

Verbrechern sind die neuen Möglichkeiten nicht verborgen geblieben. Dutzende Überfälle mit solchen Verkleidungen verzeichnete die Polizei in den USA in den letzten Jahren. Der polnische Immigrant Conrad Zdzierak etwa bediente sich eines ähnlichen Tricks wie die Räuber von Queens: Er zog sich die Maske eines Schwarzen über und überfiel vier Banken, eine Wechselstube und eine Apotheke. Ein Schwarzer wurde monatelang als Verdächtiger festgehalten; sogar seine eigene Mutter hatte ihn in Videos der Überfälle identifiziert.

Ein Täter in Deutschland hat sich in einer Serie von Überfällen im Grossraum Köln 2011 die Maske eines Jugendlichen angelegt; zusätzlich trug er einen Motorradhelm. Erst als er nach einem Raub von drei jungen Leuten verfolgt wurde und sich, heftig schwitzend, die Silikonhaut vom Kopf riss, erkannten die Ermittler, dass sie es mit einem viel älteren Räuber zu tun hatten.

Aus der Schweiz sind solche Fälle bisher nicht bekannt, wie ein Sprecher der Kantonspolizei Bern bestätigt. Carmen Surber von der Kantonspolizei Zürich sagt: «Grundsätzlich werden natürlich Maskierungen verwendet, etwa Roger-Staub-Mützen oder Helme. In einem Fall kam auch eine Guy-Fawkes-Maske zum Einsatz.» Das ist jene Maske, die aus dem Comicroman und Film «V wie Vendetta» sowie von den Internetaktivisten der Organisation Anonymous bekannt ist. Doch eine Maske, die eine falsche Identität vortäusche – das sei im Kanton Zürich noch nicht beobachtet worden, sagt Surber.

Manche sind einfach zu dreist

Dabei kommt es auch in der Schweiz immer wieder vor, dass sich Täter nicht um die Videoüberwachung zu kümmern scheinen und ihr Gesicht dreist zeigen. Etwa beim Überfall auf eine Filiale der Migros-Bank in Zürich-Altstetten Anfang März. Dort tarnte sich einer der beiden Täter richtig, der andere trug bloss eine Sonnenbrille. Damit setzte er sich einer Fahndungsmethode aus, die in den letzten Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht hat: der Computeranalyse von Videobildern.

Wie wirkungsvoll die Methode sein kann, zeigten die Ermittlungen nach dem Terrorangriff auf den Boston Marathon vor einem Jahr. Nachdem erste Videobilder der beiden Täter, der Brüder Tamerlan und Dschochar Zarnajew, veröffentlicht worden waren, ging eine Flut von privaten Fotos und Videos bei der Bundespolizei FBI ein. Die daraufhin verbreiteten Bilder setzten die Brüder unter Zugzwang. Sie erschossen einen Polizisten, entführten einen Mann und versuchten, in dessen Auto zu flüchten. In einer Schiesserei mit der Polizei kam Tamerlan Zarnajew ums Leben, sein jüngerer Bruder wurde verletzt. Nur vier Tage nach dem Anschlag war er hinter Gittern.

«Videos enthalten mehr Indizien als jede andere Quelle: mehr als DNA, mehr als Tatortuntersuchungen, mehr als Zeugenaussagen», meinte FBI-Videoexperte Grant Fredericks nach dem Anschlag in Boston. Ein grosser Teil der Analyse von Videobildern wird von Menschen gemacht, die stundenlange Sequenzen begutachten. Dann kommen Computer zum Einsatz. So wurde in Boston Software zur Gesichtserkennung genutzt, um Bilder von Personen am Tatort mit Pass- und Fahndungsfotos in staatlichen Datenbanken zu vergleichen.

Grenzen der Gesichtserkennung

Gesichtserkennung ist eine von mehreren biometrischen Methoden zur Identifizierung, die immer weiter verbreitet sind. Jede neuere Digitalkamera nutzt solche Software, um im richtigen Moment ein Foto zu machen. Auf Facebook erlaubt die automatische Kennzeichnung von Gesichtern, jede Person in einem Bild mit deren Facebook-Profil zu verbinden. Gerade hat Facebook bekannt gegeben, dass seine Software inzwischen so zuverlässig ist wie das Menschenauge. Einige Computer ersetzen das Zugangspasswort durch eine Gesichtserkennung, die mit der eingebauten Webcam gemacht wird. Auch für Smartphones gibt es bereits solche Anwendungen.

Doch was ist, wenn das Gesicht ein falsches ist, eine Maske? «Bei einer harten Maske, etwa aus Spezialharzen, kann unsere Software feststellen, dass sie sich nicht so bewegt wie ein echtes Gesicht», sagt Sébastien Marcel, Leiter des gerade gegründeten Schweizer Zentrums für biometrische Forschung am Idiap-Institut in Martigny VS. «Auch die Oberflächentextur einer Maske unterscheidet sich von einem Gesicht.»

Lächeln ist kein Problem

Doch Marcel wüsste nicht, dass sich Forscher ausdrücklich mit Silikonmasken beschäftigen. Für sein Institut, das im Auftrag der EU-Kommission geforscht hat, mit der ETH Lausanne kooperiert und zu den führenden seiner Art in Europa gehört, waren diese Masken bisher einfach zu teuer, um sie in die Studien miteinzubeziehen.

Kriterien wie Beweglichkeit oder Textur sind bei Silikonmasken unerheblich. Der Träger einer solchen Maske kann auf Wunsch blinzeln oder lächeln oder den Kopf bewegen, als handle es sich um ein echtes Gesicht. Auch die Beschaffenheit einer Silikonmaske ist jener der menschlichen Haut sehr ähnlich; bei hochwertigen Masken werden sogar einzelne Poren oder Muttermale reproduziert. «Das kann ein guter Maskenbildner auch», sagt Marcel. «Es ist alles eine Frage der Zeit und des Geldes.»

Zudem geht es bei der Fahndung nach einem Bankraub mit Silikonmaske nicht darum, das falsche Gesicht mit einem bekannten zu vergleichen, sondern um die Suche nach dem echten ­Gesicht des Täters unter der Maske. Für Verbrecher mit Silikonmaske ist die Sicherheitskamera nicht der grösste Feind, sondern der grösste Verbündete. Die Polizei sucht nach einer völlig falschen Person; der Abgleich mit den Datenbanken vorbestrafter Täter oder mit Passfotos bringt nichts. Es kann sogar passieren, wie im Fall des Polen Conrad Zdzierak, dass ein völlig Falscher der Tat verdächtigt und positiv identifiziert wird.

Marcel schlägt vor, in solchen Fällen weitere biometrische Kriterien zu nutzen, etwa die einzigartige Art, wie jeder Mensch läuft. «Der charakteristische Schritt kann in einem Video analysiert werden», sagt der Experte. «Er ist schwer zu verfälschen und leicht zu erkennen.» Und unabhängig davon, ob das Gesicht überhaupt zu sehen ist. An der Universität von Southampton in England wird die Schrittanalyse seit Jahren verfeinert; ihre Experten traten schon in mehreren Gerichtsverfahren auf.

Hightech und Blödheit

Zum Verhängnis wurden den bisher überführten Maskentätern allerdings nicht Hightechanalysen von Videobildern, sondern ihre eigenen Lowtech­fehler. Zdzierak wurde von einer Freundin der Polizei gemeldet, die in seinen Sachen die Silikonmaske und einen Haufen Geldbündel entdeckt hatte.

Und einer der Täter von Queens, Edward Byam, war so dumm, sich in Zeiten des «Like»-Buttons und der Sorglosigkeit im Netz an die Gepflogenheiten sozialer Medien zu halten. «Ich bin äusserst zufrieden mit der CFX-Arbeit an dieser Maske», schrieb er in einer E-Mail an den Lieferanten. «Der Realismus dieser Maske ist unglaublich.» Elektronisch «maskiert» war er nicht. Er bedankte sich mit seinem echten Namen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch