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Christine Richards RundschauFrohe Ostern mit Corona?

Im Jahr 2020 haben die hohen christlichen Feiertage eine besondere Bedeutung.

«Das Osterlamm», ein Gemälde des Spaniers Francisco de Zurbarán aus dem Jahr 1639.
«Das Osterlamm», ein Gemälde des Spaniers Francisco de Zurbarán aus dem Jahr 1639.
© Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid

Heute ist Gründonnerstag, das letzte Abendmahl. Morgen ist Karfreitag, die Kreuzigung. Jesus starb für die Menschheit – stellvertretend. Der Gottessohn nahm die Schuld der Menschen auf sich, er sühnte sie mit dem eigenen qualvollen Tod. Damit wir die Sündenstrafe nicht am eigenen Leib büssen müssen. Damit wir nicht unerlöst sterben müssen. Gott ist letztlich gut, dachte ich. An Ostern 2020 aber wird in aller Welt gestorben. Leichen werden mit Gabelstaplern in Kühlwagen verladen. Lieber Gott, hast du deinen Sohn und den Sinn des Opfertods vergessen? Gibt es eine Auferstehung? Soll jetzt auf Erden ewiger Karfreitag sein?

In Zeiten von Corona kann man schon mal auf den Gedanken kommen, dem Herrgott sein Ostern zurückzugeben. Ich brauche keine albernen Schoggi-Figuren und keine Frühlingsferien; es gibt freie Tage schon jetzt im Überfluss. Herr im Himmel, es reicht. Ich habe insgeheim immer gehofft, dass am Ostersonntag das Elend vorbei sei. Dass das Leben im gewohnten Dreischritt weitermarschiert: Erst die Sünde, dann die Busse, dann die Erlösung von dem Übel. In die Gegenwart übersetzt hiesse das: Erst Wildtiere essen in China, Fussball-Spass in der Lombardei, Skizirkus in Ischgl, Karneval in Rio; dann in der Fastenzeit die weltweite schwere Prüfung durch Corona – und an Ostern, endlich, kommt die erlösende Botschaft. Die Infektionsraten sinken, die Zahl der Toten nimmt ab, die Schulen öffnen wieder; allgemeine Auferstehung in Beruf und Freizeit.

Diese Hoffnung jedoch war trügerisch. Keiner kann voraussagen, wann die Seuche ihren Höhepunkt erreichen wird. Keiner weiss, in welcher Gestalt das nächste Virus kommen wird. Lieber Gott, welches Interesse kannst du an leeren Gotteshäusern und an Osterbotschaften per Video haben?

Return to Sender

Gott schweigt. Der Versuch scheitert, ihm das Osterfest per Paketdienst zu retournieren. Empfänger nicht zu ermitteln. Entweder hat der Herr im Himmel Besseres zu tun (was eigentlich?), oder er ist im Universum verschwunden, es dehnt sich bekanntlich aus. Mir jedenfalls antwortet Gott nicht. Das spirituelle Bedürfnis aber bleibt. Im Kindergottesdienst sagte unser Pfarrer einst: «Wir stehen alle in Gottes Hand.» Wie tröstlich das damals war. Mein Vater meinte: «Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.» Ein Bischof schrieb einen Satz, den man zweimal lesen sollte: «Machs wie Gott, werde Mensch.»

Ostern und Weihnachten erzählen von der Menschwerdung Gottes. Zu dieser Menschwerdung gehört der Schmerz und zum Menschsein die Kultur. Schmerz bedeutet, ein schweres Kreuz tragen zu müssen. Kultur bedeutet, an der Überwindung von Schmerzen zu arbeiten. Das Geistige zählt. Kultur ist immer auch Opfersubstitution. Das heisst: Ich ersetze das Blutopfer durch eine symbolische Handlung. Nach dem Menschenopfer kam das Tieropfer; nach dem getöteten Lamm Gottes kam das Lamm aus Kuchenteig; nach Mord und Totschlag kamen kultivierte Ersatzhandlungen, symbolische Aktionen, sprachliche Auseinandersetzungen, Medien, Bücher, Bilder, Theater: Das ist Kultur. Das ist menschenwürdige Kultur.

Pausbackiger Hase

In den letzten Jahrzehnten hat sich die westliche Kultur rasant fortentwickelt. Die Gemälde von Kreuzigung, Schmerz und Auferstehung sind in Museen verschwunden; die Kunst ist abstrakt geworden. Das armselige Kuchenlamm mit seiner Siegesfahne für Auferstehung ist fast schon vergessen. Das Lamm Gottes wurde verdrängt durch pausbackige Schoggi-Hasen mit Mickey-Mouse-Gesichtern und durch andere Errungenschaften der Konsumkultur.

Ostern 2020 im Zeichen von Corona wird nicht fröhlich sein. Aber auch nicht banal, kein leeres Ritual wie früher. Dieses Osterfest kann zurückführen auf jenen Schmerz, der am Anfang von Kultur war. In wahrer Kunst steckt stets ein Splitter von Schmerz und Wandlung. Wer in diesen Tagen Tote zu beklagen hat, dem wird Kulturtheorie nicht helfen. Aber vielleicht tröstet Kunst, ein Dichterwort von Goethe: «Alles geben die Götter, die unendlichen, / Ihren Lieblingen ganz, / Alle Freuden, die unendlichen, / Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.»