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Tamedia-NachbefragungFrauen sagten klar Ja zur Konzerninitiative

Die Schweizer Stimmbevölkerung ist tief gespalten. Dies zeigt die Nachbefragung zu den beiden eidgenössischen Initiativen vom 29. November.

Wählerinnen werfen ihre Wahl- und Abstimmungszettel für die eidgenössischen Vorlagen in die Urnen (29. November 2020).
Wählerinnen werfen ihre Wahl- und Abstimmungszettel für die eidgenössischen Vorlagen in die Urnen (29. November 2020).
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Erst seit dreissig Jahren sind die Frauen in der ganzen Schweiz stimmberechtigt – am 27. November 1990 zwang das Bundesgericht die Appenzeller dazu, ab sofort auch die weibliche Hälfte der Bevölkerung mitreden zu lassen.

Wie unterschiedlich der Blick der Geschlechter auf bestimmte Sachfragen sein kann, zeigt sich am heutigen Abstimmungssonntag besonders deutlich: Hätten nur die Frauen abgestimmt, wäre die Konzernverantwortungsinitiative mit 55 Prozent Ja-Stimmen komfortabel angenommen worden. Hätten die Männer allein entschieden, wäre das Volksbegehren hingegen nur auf einen bescheidenen Ja-Anteil von 43 Prozent gekommen.

Das zeigt die repräsentative Nachbefragung von Tamedia und «20 Minuten» mit 14’470 Teilnehmern. Generell zeichnet die Umfrage das Bild einer tief gespaltenen Schweiz. Nicht nur zwischen den Geschlechtern, auch zwischen Stadt und Land, zwischen den Generationen und zwischen den Einkommensklassen tun sich Gräben auf.

So haben 58 Prozent der Städter und Städterinnen ein Ja in die Urne gelegt. Wären nur Menschen zur Abstimmung geschritten, die ihren 50. Geburtstag noch nicht gefeiert haben, hätten die Initianten ebenfalls jubeln können: Die Altersgruppen der 18- bis 49-Jährigen stimmten mehrheitlich Ja, während die älteren Stimmbürger die Initiative verwarfen.

Und schliesslich spielten auch Bildung und Einkommen eine Rolle beim Stimmentscheid: So schnitt die Konzernverantwortungsinitiative bei Menschen mit Universitäts-, Fachhochschul- oder Gymnasialabschluss besonders gut ab.

Ständemehr – noch zeitgemäss?

Unter dem Strich überstimmte die konservative, ländliche Schweiz also die progressiven, urbanen Bevölkerungsgruppen. Für die Initianten besonders schmerzlich ist die Tatsache, dass insgesamt zwar eine Volksmehrheit von 50,7 Prozent der Initiative zustimmte, das Anliegen aber dennoch am Ständemehr scheiterte.

Bereits ist denn auch eine neue Debatte über Sinn und Unsinn dieser Abstimmungsregel entbrannt. Das Ständemehr gehöre «auf den Müllhaufen der Geschichte», twitterte Juso-Chefin Ronja Jansen. Ganz ähnlich sehen dies laut Tamedia-Nachbefragung 41 Prozent der Befragten: Sie sind der Meinung, eine Mehrheit im Volk müsse für die Annahme einer Initiative ausreichen. Insbesondere SP- und Grünen-Wähler stellten sich auf diesen Standpunkt.

45 Prozent der Umfrageteilnehmer stehen hinter dem Prinzip des doppelten Mehrs. 14 Prozent gaben keine Meinung dazu ab.

Ein ähnliches Muster wie bei der Konzernverantwortung zeigt sich bei der zweiten nationalen Initiative, «Für ein Verbot der Finanzierung von Kriegsmaterialproduzenten». Auch diesem Anliegen standen Frauen, Städter und Junge tendenziell positiver gegenüber. Allerdings fällt die Zustimmung über alle Bevölkerungsgruppen geringer aus, sodass die Initiative selbst bei einer rein weiblichen Wählerschaft durchgefallen wäre. 49 Prozent der Frauen sagten Ja, 51 Prozent legten ein Nein in die Urne.

Alle Resultate und die wichtigsten Reaktionen zur Konzern- und zur Kriegsmaterialinitiative finden Sie in unserem Ticker.

14’470 Personen aus allen Landesteilen haben vom 26. – 29. November an der Tamedia-Nachbefragung teilgenommen. Die Resultate wurden nach demografischen, geografischen und politischen Variablen gewichtet sowie mit den effektiven Abstimmungsresultaten abgeglichen. Der Fehlerbereich beträgt ± 1.5 Prozentpunkte.