Zum Hauptinhalt springen

Superspreader-Event in ChinaFrau steckt durch Liftfahren 71 Personen an

Obwohl sie niemandem begegnete und keine Symptome zeigte, löste eine Chinesin einen Superspreader-Event aus. Forscher diskutieren zwei Szenarien.

Gefahr lauert nicht nur an den Knöpfen: Im Lift können sich Forschern zufolge Aerosole befinden, an denen Coronaviren haften.
Gefahr lauert nicht nur an den Knöpfen: Im Lift können sich Forschern zufolge Aerosole befinden, an denen Coronaviren haften.
Foto: Greg Baker/AFP

Sie hatte keine Symptome und war nach ihrer Rückkehr aus den USA negativ auf das Coronavirus getestet worden. Trotzdem sollte sich die Frau aus der chinesischen Provinz Heilongjiang in Quarantäne begeben. Sicher ist sicher. Schliesslich hatte es in der Region schon seit etwa einer Woche keinen Covid-19-Fall mehr gegeben.

Die Chinesin – von Forschern A0 genannt – tat wie ihr geheissen und infizierte dennoch andere Menschen. Offensichtlich war der Test falsch-negativ und die Frau asymptomatisch gewesen, berichten die Forscher, die sich dem Fall wissenschaftlich angenommen haben, im Fachjournal «Emerging Infectious Diseases», das von der US-Gesundheitsbehörde CDC herausgegeben wird.

Schlaganfall führt Behörde auf die Spur

Niemand ahnte, dass etwas nicht in Ordnung war, bis ein Mann ohne offensichtliche Verbindung zur USA-Rückkehrerin einen Schlaganfall erlitt. Der Patient wurde wegen diesem in zwei Spitälern behandelt, wobei er stets in Begleitung seiner beiden Söhne war. Dann entdeckten die Ärzte, dass er mit Sars-CoV-2 infiziert war.

In der Folge zeigte sich, dass im Zuge seiner Spitalaufenthalte weitere Menschen angesteckt worden waren: Mindestens 28 Personen wurden im ersten Krankenhaus infiziert, im zweiten 20 weitere. Daraufhin nahm sich die chinesische Gesundheitsbehörde China CDC des Ausbruchs an und stellte fest, dass sich das Virus von den zuvor in China aufgetretenen Stämmen unterschied, sondern eher jenen in Übersee ähnelte.

Übertragungsort Lift

Wo aber könnte sich der Schlaganfallpatient infiziert haben? Weitere Nachforschungen ergaben, dass er gemeinsam mit seinen Söhnen eine Party besucht hatte, bei der auch eine Nachbarin aus dem Haus der USA-Rückkehrerin anwesend war. Diese – im Bericht als B1.1 bezeichnet – war zwischenzeitlich auch mit Sars-CoV-2 infiziert und hatte ihre Mutter und deren Lebenspartner infiziert. Doch auch sie war A0 nie begegnet. Die beiden Frauen hatten lediglich denselben Lift benutzt, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten.

Bei einer erneuten Untersuchung wies A0 Antikörper gegen das Coronavirus auf, was auf eine frühere Infektion hindeutet. Entsprechend ziehen die Forscher den Schluss, dass das Virus nur im Lift übertragen worden sein kann: «Wir glauben, dass A0 eine asymptomatische Trägerin war und B1.1 durch Kontakt mit Oberflächen in dem Fahrstuhl des Hauses infiziert wurde.» Sie fügen an, dass bei keinem anderen Bewohner das Virus nachgewiesen wurde.

Auch Aerosole kommen in Betracht

Es ist jedoch noch eine andere Erklärung als die Übertragung via den Oberflächen möglich: jene durch die Luft. Mittlerweile wisse man, dass Lifte regelrechte Hotspots für Viren seien, so Eberhard Bodenschatz, Professor für Fluidphysik, Strukturbildung und Biokomplexität am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen gegenüber NDR, nachdem es in der deutschen Stadt Anfang Juni 2020 zu zwei Corona-Ausbrüchen in Hochhäusern gekommen war. «In Aufzügen hat man nicht nur das Problem, dass es sehr enge Räume sind, sie sind ausserdem oft schlecht oder gar nicht belüftet.»

Wie wichtig gutes Lüften während der Pandemie ist, haben gerade erst 239 Fachleute aus aller Welt erklärt. In einem offenen Brief appellierten sie an die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Gefahr durch Aerosole nicht zu unterschätzen: Es lägen immer mehr wissenschaftliche Beweise vor, dass die weniger als fünf Mikrometer kleinen Tröpfchen – und damit auch darin gebundene Sars-CoV-2-Partikel – bei stehender Luft stundenlang in der Luft hängen bleiben. «In Innenräumen kann die Konzentrationen signifikant sein», sagt Andre Prevot, Professor am Paul-Scherrer-Institut in Villigen. «Damit ist die Chance einer Ansteckung beträchtlich.»

red