Ist Altsein nichts wert?

Die Antwort auf eine Frage zum Verhältnis der Generationen.

«80 Jahre jung» – die Formulierung spricht Bände über unsere Sicht aufs Altwerden. Foto: iStock

«80 Jahre jung» – die Formulierung spricht Bände über unsere Sicht aufs Altwerden. Foto: iStock

Peter Schneider@PSPresseschau

Seit einiger Zeit lese ich bei Gratulationen immer wieder, dass Leute 85, 90 oder gar 96 Jahre jung werden. Mir tut das weh. Ich bin bald 84 Jahre alt. Ich habe in den Jahren manches erlebt, habe jetzt aber auch gewisse Altersbeschwerden. Das gehört dazu, wie auch viele schöne und auch traurige Erinnerungen. Aber wenn man von mir schreiben würde, dass ich 84 Jahre jung werde, würde ich mich nicht ernst genommen fühlen. Ich hätte das Gefühl, dass Altsein nichts wert ist, dass nur Jungsein zählt. Warum gratulieren denn diese Leute den alten Menschen, wenn sie diese doch nicht ernst nehmen? Bin ich wohl zu empfindlich, wenn mir dies wehtut?
V.B.

Liebe Frau B.

Sie sind nicht zu empfindlich; vielmehr empfinden Sie diese Art von Gratulationen genau als das, was sie sind: ein Symptom der Herablassung gegenüber sogenannten hochbetagten Menschen. Von jemandem zu sagen, er sei 84 Jahre jung, hat den Anschein freundlicher politischer Korrektheit und ist doch nur Ausdruck der üblichen Altersdiskriminierung.

Nimmt man Netflix als Barometer für den Zeitgeist, ist nicht auszuschliessen, dass dem Alter wieder mehr Respekt gezollt wird.

Irgendwann zwischen 80 und 100 beginnt es, dass der Geburtstag eines alten Menschen gefeiert wird wie ein Kindergeburtstag. Mit demselben süssen Lächeln, mit der die Erwachsenen der 7-Jährigen versichern, jetzt sei sie ja schon eine ganz Grosse, versichern dieselben Erwachsenen ihrer Oma, sie sei an ihrem Jubeltag 84 Jahre jung geworden. Was wiederum bedeutet, dass man die 84-Jährige in etwa auch so ernst nimmt wie die 7-Jährige. Man spricht lieber über sie als mit ihr. Denn was soll man mit einer 84-Jährigen noch Vernünftiges reden, ausser ihr zu versichern, sie sei trotz ihres Alters immer noch total wach im Kopf? (Danke für Obst.) Die den Alten attestierte Jugendlichkeit ist ein vergiftetes Kompliment mit Zuckerguss, so schmeichelhaft wie die Aussage, man sehe für sein Alter aber noch gut aus.

So weit die schlechte Nachricht. Die gute: Nimmt man Netflix-Serien als Stimmungsbarometer für den Zeitgeist, dann ist mindestens nicht auszuschliessen, dass dem Alter wieder mehr Respekt gezollt wird (um es mal vorsichtig auszudrücken und nicht gleich aus jedem Furz im populärkulturellen Wasserglas einen Orkan zu machen). Serien wie «Grace und Frankie» mit Jane Fonda, Lily Tomlin, Sam Waterston und Martin Sheen oder «The Kominsky Method» mit Alan Arkin und Michael Douglas (er ist mit 75 der jüngste dieser Hauptdarsteller) zeigen die Welt alter Menschen aus deren eigener Perspektive. Als ernst zu nehmende Akteure mit einer je eigenen Geschichte und einer Individualität, die sich nicht in einer hohen Altersangabe erschöpft.

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