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Thomas GottschalkForever Thommy

Keiner zelebrierte das samstägliche Hochamt des Unterhaltungsfernsehens wie Thomas Gottschalk. Nun wird er 70 - und ist immer noch so, wie man ihn aus der Glotze kennt.

«Das Unsinnige mit dem Sinnlosen zu verbinden, war immer meine Lieblingsbeschäftigung», sagt der Fernsehmoderator Thomas Gottschalk.
«Das Unsinnige mit dem Sinnlosen zu verbinden, war immer meine Lieblingsbeschäftigung», sagt der Fernsehmoderator Thomas Gottschalk.
KEYSTONE

Als Thomas Gottschalk am Freitag bei SWR 3 Vorabendradio machte und wieder mal entsetzlich aufgeblähte Rockmusik spielte von lederbehosten Föhnfrisuren aus den Achtzigerjahren, da gab es auch wieder diesen unvermeidlichen Standardseufzer der einst berühmtesten Showblondine des deutschen Fernsehens. «Zu meinen Zeiten», sagte Gottschalk, und da klang dann wieder mit, wie sehr er sich aus ebendiesen Zeiten gefallen fühlt. Er ist noch da, bespielt die Medien aktiv wie schon länger nicht, aber seine Welt ist das irgendwie nicht mehr.

Heute warnt er öffentlich, dass der Drang der Fernsehmacher, ihr Glück online zu suchen, in die Irre führe. Da offenbart er sich als lebender Rückkanal in analoge TV-Tage. Als er gross war, gab es das Digitale höchstens als Randaspekt. Jetzt ist das Digitale gross, und er sagt Jammersätze, die mit «zu meinen Zeiten» beginnen.

Wenn er an diesem Montag seinen 70. Geburtstag feiern darf, dann wird er trotzdem nicht alt. Alt sind andere. Oder abgetreten. Oder tot. Gottschalk ist noch da, immer noch. Er klammert sich an den Wunsch, den ihm einst Bob Dylan mit dem Song «Forever Young» ins Ohr setzte. «Mögest du eine Leiter zu den Sternen bauen, jede Stufe erklimmen und für immer jung bleiben», hat der Nobelpreisträger gesungen, und der ewige Junge aus Kulmbach hat sich dran gehalten. Er hat die Leiter gebaut, und er war schon ganz oben. Dass er jetzt irgendwo im Mittelfeld kraxelt, geschenkt. «Forever Young» steht auch auf dem Buchdeckel seiner Erinnerungen mit dem Titel «Herbstbunt» allerdings mit einem Fragezeichen versehen. Aber das Fragezeichen darf man nicht ernst nehmen, das ist nichts als vorbeugende Koketterie.

Die Kunstfigur Thomas Gottschalk sucht man vergeblich

Wenn Medienvertreter sonst Zeitgenossen treffen, die sich beruflich erfolgreich im Scheinwerferlicht sonnen, dann geht es oft darum, den Menschen hinter der öffentlichen Kunstfigur zu entdecken, zu zeigen, wer dieser Typ wirklich ist. Bei Thomas Gottschalk ist das vergebliche Liebesmüh, denn der ist im wirklichen Leben genauso, wie man ihn von der Glotze kennt. Der Mann verstellt sich nicht. Man hat das oft erlebt, und deshalb verwundert es auch nicht, als er auf eine Interviewanfrage schon nach zehn Minuten mit einer laxen Absage antwortet. «Formulier frei von der Leber», mailt er, schiebt dann aber noch eine Bitte nach: «Es wäre schön wenn ich den Text überleben würde. Ich habe trotz Corona noch Spass auf der Tanzfläche!»

Man kriegt eben von ihm immer das, was man kennt, mindestens aber erahnt. Als man noch dachte, dass es einer wie er nicht mehr so richtig bringt, dackelte man ihm halt eine Weile nach und registrierte, wie die Menschen da draussen auf ihn reagieren. Sie schauen, sie bleiben stehen, sie rufen laut «Thooooomas Gottschalk». Dann bleibt er in der Regel stehen, und wenn es irgendwie geht, dann kriegt jeder eine Erinnerung. Früher waren das Autogramme, heute sind es Selfies.

Selbst abgebrühte Proleten drängen sich zu ihm und wollen das Foto, und sei es nur, um die Oma zu beeindrucken. Man weiss halt, dass die Oma den Thommy mag, dass auch die Mama den Thommy mag. Nicht für das, was er heute so tut, sondern für das, was er repräsentiert. Auf seine Art ist Gottschalk ein medialer Fluxkompensator, der den Weg ins Gestern eröffnet, in jene Tage, da die Familie samstags noch gemeinsam auf der Couch hockte und «Wetten, dass..?» schaute. Der Papa hatte Spass an den Baggern, die Mama an des Moderators modischen Entgleisungen, und die Kinder warteten auf «Take That».

Keiner beherrschte die Kunst, das samstägliche Hochamt des Unterhaltungsfernsehens zu zelebrieren, wie Gottschalk. Da stört es auch nicht, dass sein letztes Antreten schon achteinhalb Jahre zurückliegt, dass er im Fernsehen seitdem unendlich viel versucht hat und unendlich oft gescheitert ist, dass seine Mühle in Malibu abbrannte und seine Ehe in die Brüche ging. Gottschalk bleibt der von «Wetten, dass..?», ein auf seltsame Art beinahe asexuelles Monument einer vergangenen Epoche.

Im Herbst sollte er «Wetten, dass..?» noch einmal moderieren, quasi im Gedenken an sich selbst. Inzwischen ist die Sendung wegen der Corona-Krise auf das kommende Jahr verschoben. Es ist aber absehbar, dass man ihm auch dann noch einmal seine ewige Gestrigkeit vorwerfen wird, dass dann Vorhaltungen kommen, er interessiere sich zu wenig für seine Gäste und so weiter. Auch die Kritik an ihm ist inzwischen so absehbar wie sein unter dem Gute-Laune-Kleid verstecktes Selbstmitleid.

Aber das bedeutet nicht, dass für ihn Schluss ist. Solange er auf der Strasse noch funktioniert, ist er dabei. Erst wenn niemand mehr kommt und ein Selfie mit ihm will, erst dann fällt der öffentliche Gottschalk in sich zusammen, erst dann ist Schluss mit der Karriere.

Im «Handelsblatt» sprach er kürzlich über seine Rente

Den Kampf gegen die Vergreisung hat er als seine letzte grosse Herausforderung definiert. Was bliebe ihm auch sonst an Zielen? Er habe es ja weitgehend geschafft, das Motto seines Opernhelden Papageno aus der «Zauberflöte» nachzuleben, schreibt er: «Stets lustig, heissa hopsassa.»

Er sass neben Dieter Bohlen in der «Supertalent»-Jury, er hatte eine frühe Late Show, selbst eine Literatursendung hat man ihm angedient. Auf Twitter war er unterwegs und hat sich erfreut an der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde. Bis er gemerkt hat, dass der Lieferzwang des Mediums mehr Privates offenbarte, als lästige Paparazzi jemals hätten ausforschen können.

Inzwischen ist Gottschalk zumindest versicherungstechnisch im Ruhestand. Er erhalte 915,79 Euro Rente, verriet er kürzlich dem «Handelsblatt», was allerdings kein Grund ist, ihn bei den laufenden Grundrentendebatten zu berücksichtigen. Finanziell kommt er klar. Die langen ZDF-Jahre haben zwar weniger eingebracht, als ihm gelegentlich angedichtet wurde, dafür aber waren die Werbeverträge lukrativ. «Ich habe für Dinge geworben, die meinem Kontostand mehr brachten als den Leuten, die sie kauften», schreibt er. Inzwischen wirbt er für Hörgeräte. Um die Antwort, ob er die wirklich braucht, macht er einen charmanten Bogen. Auch dazu gibt es ein passendes Zitat aus seiner Feder. «Wer wie ich immer gute Laune verbreiten möchte, der muss auch mal flunkern.»

Zurzeit flunkert er am liebsten im Radio. Weil seine neue Frau in Baden-Baden wohnt, moderiert er nun halt beim SWR. Dort können sie einen brauchen, der seine Bedeutung auf keinen Fall überbewertet sehen will. «Das Unsinnige mit dem Sinnlosen zu verbinden, war immer meine Lieblingsbeschäftigung», sagt er. Man hätte es sich fast denken können.

Auch im Fernsehen hat er passablen Erfolg. Bei RTL ist er Teil einer lustigen Unsinnsshow namens «Denn sie wissen nicht, was passiert», gemeinsam mit Kumpel Günther Jauch und Barbara Schöneberger. Als die Sendung kürzlich über 3,3 Millionen Zuschauer erreichte, jubelte man im Sender. Zur Erinnerung: Anfang der Neunzigerjahre schaffte Gottschalk im Alleingang mehr als 20 Millionen. Aber das war aus seiner Sicht ja auch «zu meinen Zeiten».