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Unterstützung trotz ReservenFluggesellschaften fordern Staatshilfe – egal, wie

In der Corona-Krise bleiben viele Flugzeuge am Boden. Die meisten der grossen Airlines haben eigentlich genug Geld – könnten aber trotzdem Hilfen fordern.

Welche Airline überlebt, und welche scheitert? Ein parkiertes Flugzeug der Swiss auf dem Flughafen Zürich.
Welche Airline überlebt, und welche scheitert? Ein parkiertes Flugzeug der Swiss auf dem Flughafen Zürich.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Es ist ein Beispiel vom anderen Ende der Welt: Die sowieso schon verlustträchtige Fluggesellschaft Virgin Australia will Hilfen in Höhe von 1,4 Milliarden australischen Dollar, umgerechnet rund 770 Millionen Euro, vom Staat, um die Coronavirus-Krise zu überstehen. Der viel grössere und bislang sehr profitable Rivale Qantas hat eigentlich ausgerechnet, dass er sehr lange ohne staatliche Hilfen überleben könnte. Aber weil es ja ungerecht wäre, wenn nur die Konkurrenz Geld bekäme, will die Fluggesellschaft nun doch 4,2 Milliarden Dollar zugesprochen bekommen – sie ist ja auch dreimal so gross.

Die Forderungen der beiden australischen Airlines stellen die Regierung in Canberra vor ein Dilemma, mit dem sich viele Staaten nun auseinandersetzen müssen. Einerseits haben sie durch die allgegenwärtigen Reiserestriktionen dazu beigetragen, dass die Luftverkehrsbranche in der tiefsten Krise ihrer Geschichte steckt. Doch je mehr sich die Regierungen finanziell engagieren und durch die Art und Weise, wie sie das tun, drohen sie künftig zu entscheiden, welche Fluggesellschaften überleben und welche scheitern.

Umsatz sinkt um 68 Prozent

Der Luftfahrtverband Iata prognostiziert für das zweite Quartal bereits branchenweit einen Verlust von 39 Milliarden Dollar, verglichen mit einem Gewinn von 7 Milliarden im zweiten Quartal vergangenen Jahres. Die Airlines werden demnach insgesamt 61 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln verbrennen, der Umsatz wird um 68 Prozent sinken. Hoffnung gebe lediglich «die offene Haltung» vieler Regierungen, die allgemeine Wirtschaft anzukurbeln und den Airlines direkt zu helfen, sagte Iata-Chef Alexandre de Juniac.

Die US-Regierung hat schon Ende der vergangenen Woche eine eindeutige Antwort gefunden: Alle Airlines des Landes sollen überleben, und zwar möglichst in der Grösse, die sie vor der Krise hatten. Alleine die Passagierfluggesellschaften bekommen deshalb Zuschüsse in Höhe von 25 Milliarden Dollar.

Im Gegenzug dürfen sie bis Ende September keine Mitarbeiter entlassen und müssen garantieren, ihr Streckennetz zumindest minimal zu bedienen. Die bislang zur Kurspflege so beliebten Aktienrückkäufe sind zudem bis Ende kommenden Jahres ausgesetzt. Sollte das nicht reichen, werden noch einmal Kreditbürgschaften in Höhe von 25 Milliarden angeboten. Boeing und die Zulieferindustrie wollen zusätzlich 60 Milliarden erhalten.

Die US-Airlines können angesichts dieser Aussichten ihr Glück kaum fassen und loben die Regierung und den Kongress in höchsten Tönen. Vor der Krise ging es ihnen blendend: Sie haben in den vergangenen fünf Jahren regelmässig rund die Hälfte des Gewinns der gesamten Branche gemacht, das meiste davon aber in Aktienrückkäufe und Dividenden gesteckt.

Das wäre den Konkurrenten in Europa und Asien ja noch einigermassen egal. Doch Delta hat das Geld auch dazu genutzt, um einen Weltkonzern aufzubauen, mit Beteiligungen unter anderem an Virgin Atlantic, Air France-KLM, China Eastern, Latam Airlines aus Chile und Aeroméxico. Delta ist damit zu einer ernsten Bedrohung selbst für so grosse Konkurrenten wie Lufthansa geworden. Und nun?

Billig-Airlines stehen gut da

Laut einer Analyse von Bernstein Research steht keiner der grossen europäischen Anbieter unmittelbar vor dem finanziellen Kollaps. Air France-KLM hat demnach aktuell liquide Mittel für 14 Wochen, Lufthansa für 17 Wochen und die International Airlines Group, Konzernmutter von British Airways, Iberia, Aer Lingus, Vueling und Level, für 31 Wochen.

Die grossen Billigfluggesellschaften stehen sogar noch besser da: Easyjet hat demnach Geld für 53 Wochen, Ryanair für 106 und Wizz Air gar für 144 Wochen. Darin nicht eingerechnet sind zusätzliche Kredite oder Anleihen, welche die Unternehmen verhandeln und platzieren können. Die Lufthansa etwa besitzt den Grossteil ihrer 760 Flugzeuge und könnte diese als Sicherheiten verwenden.

Gleichzeitig aber stehen deren Konkurrenten ohne staatliche Hilfen womöglich vor dem Aus. Der Reisekonzern TUI mitsamt TUIfly hat bereits die Zusage für Unterstützung bekommen, Condor hat um weitere Kredite gebeten. Und in England hat British-Airways-Konkurrent Virgin Atlantic staatlich garantierte Darlehen gefordert.

Müssten da nicht Lufthansa – zu der auch die Swiss gehört – oder IAG auch Finanzspritzen beantragen, nur, weil die nationale und internationale Konkurrenz sie auch bekommt? Auch die drei grossen Airlines vom Persischen Golf – Qatar Airways, Etihad und Emirates – dürften frisches Kapital bekommen, die grossen chinesischen Staatscarrier sowieso und viele andere auch.

21 Kommentare
    Mark W

    Wenn wir gewisse Flugverbindungen brauchen, dann soll der Staat dafür sorgen, dass diese aufrechte erhalten werden (z.B. für den Güterverkehr, den Import von essentiellen Gütern etc.).

    Fluggesellschaften zu retten, macht keinen Sinn. Die Slots an den Flughäfen würden nach einen Konkurs von einzelnen Gesellschaften sofort von anderen Gesellschaften wieder in Anspruch genommen, sie sind ja so rar, dass man zum Teil leere Flugzeuge hat fliegen lassen bis die Regeln geändert wurden.

    Es braucht vielleicht beschleunigte Konkursverfahren per Notrecht. Dann finden sich schnell wieder Käufer für die Airlines, wenn der Lockdown vorüber ist.