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Formel-1-Gigant in der KriseFerrari hat keine Sonderrolle verdient

1000. Grand Prix in der Toskana: Die Scuderia ist Tradition, ist Emotion, ist Formel 1 – und wird deshalb bevorzugt behandelt. Damit muss Schluss sein.

Ein Bild aus besseren Ferrari-Zeiten: Michael Schumacher feiert in Spa-Francorchamps seinen siebten Weltmeistertitel.
Ein Bild aus besseren Ferrari-Zeiten: Michael Schumacher feiert in Spa-Francorchamps seinen siebten Weltmeistertitel.
Foto: Keystone

Ginge es nach Niki Lauda, es gäbe eine Menge Idioten bei Ferrari. «Wer mit Ferrari siegt, ist der Grösste. Wer mit Ferrari verliert, ein Idiot.» So sagte das einst der im letzten Jahr verstorbene Österreicher, der zwei seiner drei Formel-1-Titel mit der Scuderia gewann.

Es gibt einige potenzielle Kandidaten für Laudas Liste. Und es werden immer mehr. Seit 2007 und Kimi Räikkönens Coup jagten Fahrer wie Felipe Massa, Fernando Alonso, Sebastian Vettel oder Räikkönen selbst vergeblich dem grossen Pokal hinterher. In dieser Saison ist alles gar noch schlimmer. Vettel und Charles Leclerc brauchen nur schon Glück, um überhaupt Punkte zu holen. Ferrari: auf WM-Rang 6. Ferrari: am Boden. Und ausgerechnet jetzt soll Festlaune aufkommen.

Die gebeutelte Scuderia tritt in Mugello zu ihrem 1000. Grand Prix an. 1000-mal gelitten, ge­jubelt, geflucht, geweint vor Glück und Enttäuschung – es werden heute bei der GP-Premiere auf der Ferrari-Heimstrecke in Mugello viele Bilder hochkommen aus der reichen Geschichte des Traditionsrennstalls.

Die hübschen, aber fürchterlich langsamen Rennwagen glänzen in der Toskana in Burgunderrot wie 1950, als die Italiener das Abenteuer Formel 1 antraten. Mick Schumacher dreht in jenem Auto seine Runden, in dem sein Vater vor 16 Jahren seine siebte und letzte Weltmeisterschaft gewann. Ferrari flüchtet sich in die Nostalgie.

Doch das alles kann nicht davon ablenken, in welch dramatischer sportlicher Lage sich das stolze Ferrari befindet. Dafür reichen selbst 1000 Liter Lack in Burgunderrot nicht.

Es ist Teil der Faszination für das Team, dieses ständige Blubbern unter dem Deckel, bis die Emotionen überkochen.

Der Motor ist schlecht, das Chassis ist es ebenso; Mattia Binotto glaubt, Teamchef, Technischer Direktor und Chef der Motorabteilung in Personalunion sein zu könnenes kann nicht aufgehen. Und die Posse um die Kündigung von Vettel auf Ende Saison hat just vor dem grossen Jubiläum damit geendet, dass der Deutsche freudestrahlend von seiner Zukunft bei Aston Martin (derzeit Racing Point) berichtete.

Ferrari ist Unruheherd, war es schon immer. Es ist Teil der Faszination für das Team, dieses ständige Blubbern unter dem Deckel, bis die Emotionen überkochen. Binotto, ein kühler Pragmatiker, gibt dem etwas Gegensteuer. Doch die hohe Fluktuation in der Firma dürfte auch er nicht aufhalten können, geht es weiter mit dem freien Fall.

Mugello, der kleine Lichtblick im tiefen Loch

In Mugello, immerhin das, testen die Italiener als einziges Team und haben die entsprechenden Daten vor der Premiere. Es ist nur ein kleiner Lichtblick im tiefen Loch, in dem sie stecken. Zu glauben, dass es bald besser wird, geht nur mit roter Brille.

Wegen des Coronavirus wurde die grosse Regeländerung um ein Jahr auf 2022 geschoben, 2021 wird in etwa mit den gleichen Wagen gefahren wie derzeit. Zudem können die Hersteller dann nicht mehr jedes Jahr einen komplett neuen Motor produzieren. 2021 werden die Antriebe praktisch «eingefroren», bis 2025 dürfen diese nur geringfügig weiterentwickelt werden. Es sind keine freundlichen Aussichten für Ferrari. Dann könnten 18 Jahre vergangen sein seit dem letzten Fahrer-Weltmeistertitel. Eine unerträglich lange Zeit für die Ferraristi.

Die anhaltende Erfolglosigkeit liess Präsidenten und Teamchefs der Scuderia in der Vergangenheit regelmässig mit Ausstieg aus der Formel 1 drohen. Es ging dabei auch darum, Druck zu machen auf Zampano Bernie Ecclestone. Es gelang immer wieder. Ferraris Cavallino rampante, das zügellose Pferd im Logo der Marke, wurde mit ganzen Säcken voll Zückerchen gefüttert, um es zu besänftigen. Jahr für Jahr erhält der Rennstall unabhängig von der sportlichen Leistung gegen 100 Millionen Dollar von der Formel 1, fast dreimal so viel wie Dauerweltmeister Mercedes. Und es hat als einziges Team ein Vetorecht, um Regeländerungen im Alleingang zu verhindern. Es ist ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

Ein Sonderrecht aus den Zeiten von Patron Enzo Ferrari

1981 hatte sich Patron Enzo Ferrari erfolgreich für dieses Sonderrecht eingesetzt, weil sein Team nicht aus England kam wie alle anderen und sowohl Chassis als auch Motor selbst entwickelte. «Ferrari brauchte Schutz», so sagt das Jean Todt, Teamchef in den glorreichen Schumacher-Zeiten zu Beginn der 2000er-Jahre und heute Präsident des Weltverbands FIA. Nun brauche es das nicht mehr, findet selbst der Franzose. Längst gibt es andere Teams ausserhalb Englands und mit Mercedes, Honda und Renault verschiedene Motorenbauer neben Ferrari. Dennoch hat Ecclestone den Sonderrechten immer wieder zugestimmt.

Jüngst haben es auch seine Nachfolger verpasst, daran endlich etwas zu ändern. Der US-Mediengigant Liberty Media hatte die Geschicke 2016 für acht Milliarden Dollar übernommen, mit Ideen und Visionen. Eine davon: Es soll mehr Gleichheit herrschen. Deshalb gibt es ab 2021 einen Budgetdeckel für die Teams von 145 Millionen Dollar und werden die Einnahmen gerechter auf die zehn Rennställe verteilt. Die Ausarbeitung der neuen Verträge hätte deshalb auch Anlass sein müssen, um Ferraris Macht einzudämmen.

Die Formel 1 kann eben nicht ohne Ferrari, heisst es. Nur: Umgekehrt ist es genauso, wenn nicht noch mehr.

Vor drei Wochen unterschrieben sämtliche Teams einen neuen Kontrakt bis 2025. In demjenigen von Ferrari ist das Vetorecht ebenso drin wie finanzielle Geschenke, wenngleich sie nicht mehr so gross sein dürften wie in der Vergangenheit.

Die Formel 1 kann eben nicht ohne Ferrari, heisst es. Nur: Umgekehrt ist es genauso, wenn nicht noch mehr. Die Königsklasse ist Bühne und Schaufenster für die Sportmarke, ohne die sie kaum überleben kann. Druck könnte also auch von der anderen Seite kommen. Kommt er aber nicht. Das zeigt den Stellenwert des Rennstalls. Die Angst ist zu gross, ihn zu verlieren.

Dann müsste sich Ferrari aber auch verhalten wie ein Leader

Ferrari ist Tradition, ist Emotion, ja: Ferrari ist Formel 1. Nur müssten sich die Italiener dann auch verhalten wie Leader, nur schon, um ihre Sonderrolle zu rechtfertigen und sie zu verdienen. Dabei glänzen sie immer wieder mit selbst für Formel-1-Verhältnisse ausgeprägtem Egoismus.

Toto Wolff, Teamchef von Mercedes, hatte versucht, sämtliche Rennställe an einen Tisch zu kriegen, um gemeinsam einen neuen Vertrag auszuarbeiten. Er scheiterte kläglich. Auch an Ferrari. So handelte jedes Team seinen eigenen Kontrakt mit Liberty Media aus. Eigentlich wäre es am vermeintlichen Krösus gewesen, zu vermitteln, Lösungen zu unterbreiten. Doch so funktioniert Ferrari nicht.

Die Italiener hatten auch bis zuletzt das Urteil gegen Racing Point wegen kopierter Teile von Mercedes angefochten. Es war ihnen zu mild. Selbst Renault, Initiator des Protests, hatte sich längst zurückgezogen. Ferrari folgte erst am letzten Sonntag. So verhält sich kein souveräner, selbstbewusster Anführer. Das kann die Scuderia aufgrund der schrecklich schrägen sportlichen Lage derzeit auch gar nicht sein. Umso mehr muss ihre Vorzugsbehandlung infrage gestellt werden – und die Frage erlaubt sein, wie gross der Verlust für die Formel 1 wirklich wäre, sollte Ferrari die Lust an der Königsklasse verlieren. Auch an dessen 1000. Grand Prix.