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Massenunruhen in den USAAnwälte von Floyd-Familie zweifeln Obduktionsergebnis an

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis soll nun ein bekannter Gerichtsmediziner die Darstellung der Polizei unntersuchen.

Ein Foto des bei einem brutalen Polizeieinsatz gestorbenen George Floyd in Minneapolis.
Ein Foto des bei einem brutalen Polizeieinsatz gestorbenen George Floyd in Minneapolis.
Foto: Craig Lassig/Keystone

Die Anwälte des nach einem brutalen Polizeieinsatz in der US-Stadt Minneapolis gestorbenen Afroamerikaner George Floyd haben Zweifel an den Ergebnissen einer Obduktion angemeldet. Im Haftbefehl gegen einen beteiligten Polizeibeamten heisst es, Floyd sei nicht erstickt.

Zugleich kündigten die Anwälte nach einem Bericht des Fernsehsenders ABC am Freitag an, bei einem bekannten Gerichtsmediziner eine eigene Untersuchung in Auftrag zu geben.

Die beiden Anwälte von Floyds Familie, Benjamin Crump und S. Lee Merritt, sagte zum Obduktionsergebnis, man habe bereits in anderen Fällen gesehen, dass Menschen, die mit den Behörden zusammenarbeiteten, Dinge präsentierten, die eine «Illusion» seien. «All diese Dinge wie Asthma oder Herzprobleme spielen keine Rolle, solange sie (die Opfer) leben, atmen, gehen, reden. Alles ist in Ordnung – bis die Polizei sie anspricht.»

Polizist wegen Mordes angeklagt

Der Polizist, der sein Knie minutenlang auf den Nacken des verhafteten Floyd drückte, wurde inzwischen wegen Mordes angeklagt. Alle notwendigen Beweise lägen nun vor, der Polizist sei festgenommen und werde wegen Mordes und Totschlags angeklagt, sagte der zuständige Bezirksstaatsanwalt Mike Freeman am Freitag bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Die Fälle der anderen drei beteiligten Polizisten würden noch untersucht.

So schnell habe seine Behörde in einem vergleichbaren Fall noch nie eine Anklage erhoben, normalerweise dauere das mehrere Monate, sagte Freema. Er räumte ein, dass die Proteste dabei eine Rolle gespielt hätten. «Ich bin nicht unempfindlich demgegenüber, was auf den Strassen passiert.»

Der Polizist drückte sein Knie mehrere Minuten gegen den Nacken des verhafteten Floyd, Passanten filmten die Szene.
Der Polizist drückte sein Knie mehrere Minuten gegen den Nacken des verhafteten Floyd, Passanten filmten die Szene.
Bild: Keystone

Der 46-jährige Floyd war nach dem Polizeieinsatz am Montag im Spital gestorben. Infolge seines Todes war es in den vergangenen Nächten zu schweren Ausschreitungen in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota gekommen. Die vier an dem Einsatz beteiligten Polizisten wurden entlassen. Sie wurden zunächst aber weder festgenommen noch angeklagt, was zu wütenden Protesten führte.

Obamas markante Worte

Der frühere US-Präsident Barack Obama meldete sich ebenfalls öffentlich. Er sprach sich nach dem Tod von Floyd gegen anhaltenden Rassismus und die Benachteiligung Schwarzer aus. Für Millionen Amerikaner sei es auch im Jahr 2020 noch «schmerzhaft und zum Verrücktwerden «normal», wegen ihrer Hautfarbe anders behandelt zu werden», erklärte Obama am Freitag über Twitter. Das sei der Fall im Umgang mit dem Gesundheitssystem, mit der Justiz oder auch nur beim Joggen oder beim Beobachten von Vögeln, erklärte Obama unter Anspielung auf Fälle, die jüngst für Aufsehen gesorgt hatten.

«Das darf in Amerika im Jahr 2020 nicht «normal» sein», sagte Obama, der sich nur noch selten zu aktuellen politischen Themen äussert. Es sei nun die Aufgabe aller Amerikaner, aber insbesondere auch der Sicherheitskräfte, gemeinsam einen neuen Normalzustand zu schaffen, in dem «das Erbe von Fanatismus und Ungleichbehandlung nicht mehr unsere Institutionen oder unsere Herzen vergiftet».

Das Wort «Rassismus» benutzte der Afroamerikaner Obama in seiner Stellungnahme nicht. Er verwandte aber den englischen Begriff «race» (Rasse) sowie den Ausdruck «bigotry» (Fanatismus), der in den USA häufig genutzt wird, um auf das Erbe des Rassismus hinzuweisen.

New Yorker Gouverneur steht hinter Demonstranten

Auch New Yorks demokratischer Gouverneur Andrew Cuomo sprach den Demonstranten seine Unterstützung aus. «Ich stehe – im übertragenen Sinn – auf der Seite der Demonstranten und ich denke, dass alle wohlmeinenden Amerikaner auf der Seite der Demonstranten stehen», sagte Cuomo am Freitag am Rande einer Pressekonferenz zur Corona-Krise in New York. «Genug ist genug. Dieses Land ist besser als das.» Gewalt der Demonstranten oder kriminelle Handlungen wie Plünderungen unterstütze er allerdings nicht, betonte Cuomo.

Es handele sich nicht um einen isolierten Vorfall, sondern um den neuesten in einer Reihe von immer wieder vorkommenden Vorfällen, sagte Cuomo. In New York beispielsweise war 2014 der Afroamerikaner Eric Garner nach einem Polizeieinsatz gestorben.

Heftige Prosteste nach der tödlichen Verhaftung: Viele Amerikaner prangern das brutale Vorgehen der Pollizisten in Minneapolis an.
(Video: AP)

Appell und nächtliche Ausgangssperre

Minneapolis' Bürgermeister Jacob Frey appellierte an die Menschen, sich auf friedliche Proteste zu beschränken. Plünderungen und Gewalt seien inakzeptabel. Trump hatte Frey Versagen vorgeworfen. «Entweder kriegt der sehr schwache Bürgermeister der Radikalen Linken, Jacob Frey, die Kurve und bringt die Stadt unter Kontrolle, oder ich schicke die Nationalgarde rein und erledige den Job richtig.» Frey sagte dazu: Schwäche ist es, in einer Krise mit dem Finger auf jemand anderen zu zeigen.» Minneapolis sei «verdammt stark».

Der Bürgermeister hat jedoch am Freitag eine Ausgangssperre erlassen. In der Proklamation von Frey hiess es, die Ausgangssperre gelte jeweils in der Nacht zu Samstag und Sonntag von 20.00 Uhr (Ortszeit/2.00 Uhr MESZ) bis 6.00 Uhr. Begründet wurde die Massnahme mit möglichen weiteren Unruhen. Auch der Bürgermeister der Nachbarstadt St. Paul verkündete eine nächtliche Ausgangssperre. In der Anordnung von Frey hiess es überdies, ein Verstoss könne mit einer Geldstrafe von bis zu 1000 Dollar oder Haft von bis zu 90 Tagen bestraft werden.

In anderen US-Städten gingen Menschen ebenfalls auf die Strasse, um gegen Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren – so etwa in Denver, New York, Louisville, Memphis, Columbus und Phoenix.

red/sda

62 Kommentare
    Alex Aschwanden

    Dem Rassismus allein die Schuld zu geben, greift hier zu kurz. Das Problem ist vor allem hausgemacht und systemischer Natur. Auch die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Leidtragenden vor allem die Armen sind. In der USA gilt seit jeher das Gesetz des Stärkeren. Es herrscht eine Kultur nicht unbedingt des Egoismus; aber des "jeder ist für sich selber verantwortlich". Hilfe von staatlicher Stelle kann nicht erwartet werden. Die Regierung schüttet zwar Gelder aus um Armut zu bekämpfen; aber völlig unkoordiniert an private Organisationen, an Staaten, an NGO's und es herrscht keinerlei Kontrolle wie und ob diese Gelder überhaupt eingesetzt werden. Auf deutsch gesagt; dem Staat ist es scheissegal; Hauptsache es kriegt jeder eine Mahlzeit am Tag und ist in der Lage zu Arbeiten. Alles weitere ist Luxus. Ein funktionierendes, gerechtes Sozialsystem gibt es nicht. Diese 40 Millionen US-Bürger, die zurzeit arbeitslos sind, erhalten kein Arbeitslosengeld, sondern müssen anstehen um Nahrungspakete zu erhalten. Die USA hat die höchste Zahl an Gefängnisinsassen weltweit; absolut gesehen (2 Mio.) und relativ (650 pro 100K Einwohner). Es ist offensichtlich, dass sich die USA soziologisch gesehen immer noch wilden Westen befindet und den einzelnen Bürger mehr oder weniger sich selber überlässt. Es ist nicht viel anders als zu Zeiten des Goldrauschs; die Barracken sind zwar grösser und hübscher geworden; aber das Elend genauso.