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Alarmsystem sorgt für Corona-ChaosItaliens roten Zonen droht der Weihnachts-Lockdown

Die Zahlen sind schlecht, das Land ist immer röter. Zum totalen Lockdown fehlt nicht viel. Doch plötzlich glauben sie in Rom an eine «Verlangsamung der Kurve».

Behandlung auf dem Parkplatz: In Neapel, hier vor dem Spital Cotugno, war in den Krankenhäusern drinnen in den vergangenen Tagen kein Platz mehr für neue Patienten.
Behandlung auf dem Parkplatz: In Neapel, hier vor dem Spital Cotugno, war in den Krankenhäusern drinnen in den vergangenen Tagen kein Platz mehr für neue Patienten.
Foto: Ivan Romano (Getty Images)

In Neapel und Florenz sind die Menschen an diesem Wochenende noch einmal ins Freie gegangen, einfach so, ohne triftigen Grund. Die Neapolitaner runter an die Meerpromenade und in die Gassen der Altstadt, die Florentiner für einen vorerst letzten caffè in der Lieblingsbar. Nun sind auch Kampanien und die Toskana «rot», Regionen mit «gravierender Risikolage», höchste Alarmstufe mit entsprechenden Massnahmen.

«Rot» ist kein totaler Lockdown, aber viel fehlt nicht. Sechs Regionen und die autonome Provinz Bozen, also Südtirol, gehören in diese Kategorie. Neun Regionen sind «orange», halbhohes epidemiologisches Risiko. Nur noch vier Regionen und die Provinz Trentino gelten als «gelb», also mässig gefährdet doch das kann sich rasch ändern.

Schon ein schneller Blick auf die Landkarte Italiens zeigt: Die Grundfarbe wird zusehends dunkler. Seitdem die Regierung das Ampelsystem Rot-Orange-Gelb vor zehn Tagen eingeführt hat, ist das Land immer röter geworden, auch im Süden.

Eineinhalb Millionen Tests pro Woche

Jeden Tag kommen zwischen 30’000 und 40’000 Neuinfektionen dazu, die Auslastung der Intensivabteilungen in den Spitälern hat überall die kritische Schwelle von 30 Prozent überstiegen, in manchen Regionen sogar deutlich. Und auch die Betten für weniger stark betroffene Covid-19-Patienten sind an vielen Orten voll belegt. Vor den Spitälern Cotugno und Cardarelli in Neapel sind Patienten auch in ihren parkierten Autos behandelt worden, weil drinnen kein Platz mehr war.

Die Italiener testen mittlerweile so viel wie zum Beispiel die Deutschen: Ungefähr 1,5 Millionen Proben werden jede Woche ausgewertet. Die Positivitätsrate liegt in Italien bei 16 Prozent. Der R-Wert, der das Tempo der Ausbreitung misst, beträgt 1,4: Das Virus ist also schnell unterwegs. Und die Zahl der Todesfälle ist so erschreckend hoch wie während der akuten Phase der ersten Welle, mehr als 500 pro Tag.

Dennoch findet man nun plötzlich Grund für Optimismus. «Es gibt eine erste, klare Verlangsamung der Kurve», sagte Franco Locatelli, der Präsident des wichtigsten Beratergremiums im Gesundheitsministerium. Auch die Zahl der Einweisungen auf die Intensivstationen hat sich zuletzt stabilisiert. Doch kritisch, sagt Locatelli, sei die Lage noch immer.

Unsichere Daten und politische Zerwürfnisse

Es läuft ein Rennen mit der Zeit. Wer in einer Region lebt, die «rot» in die Weihnachtstage geht, darf nicht einmal vor die Haustür. Die Farben folgen einer komplexen Berechnung, basierend auf 21 Kriterien, unter anderem dem R-Wert, der Inzidenz pro 100’000 Einwohner, der Anzahl belegter Intensivbetten. Im Gegensatz zum Frühling, als die Regierung das ganze Land in den Lockdown geschickt hatte, sollten die geografischen Unterschiede bei der epidemiologischen Entwicklung diesmal berücksichtigt werden – wissenschaftlich, mit einem Algorithmus: politisch möglichst unangreifbar.

Doch das klappte nicht so gut, weil die Zahlen für die Berechnung aus den Regionen selbst kommen und wohl nicht immer stimmen. Die Gouverneure rebellieren, mal für eine Einrötung, mal dagegen, je nach Stimmung in der Bevölkerung. Kampanien zum Beispiel hätte schon ganz zu Beginn «rot» sein müssen, wurde es aber erst jetzt, weil dort die politische Stimmung aufgeheizt ist und viele Neapolitaner um ihre Existenz bangen.

Die Zoneneinteilung, so löblich sie ist, verkam zur Konfusion. Das Nachrichtenmagazin «L’Espresso» schreibt von einem «Caos cromatico», einem Farbenchaos.

11 Kommentare
    Reinhild Asmuth

    Es ist immer gut, mit den Nachbarländern zu vergleichen. Doch wie sagt ein Sprichwort: jeder kehre vor seiner eigenen Tür- heute in den Mittagsnachrichten hörte man, dass in der Romandie die Särge in der Warteschleife stehen und die Bestattungsinstitute am Limit sind.

    Besser zusehen, dass man die Pandemie im eigenen Land in den Griff bekommt!