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Statt-FasnachtFänschterle rund um den Rümelinsplatz

Basels gute Fasnachtsgeister präsentieren sich hinter Schaufenstern. Sie zeigen Passanten, wie Schnitzelbangg-Helgen entstehen oder eine Larve perfekt cachiert wird.

Lampenkünstler Pascal Joray zeigt am Dienstag, wie eine Steckenlaterne bemalt wird.
Lampenkünstler Pascal Joray zeigt am Dienstag, wie eine Steckenlaterne bemalt wird.
Foto: Nicole Pont

Fasnacht hinter Glas?

Ist das nicht wie Rollmops aus der Dose?

NA GUT – ICH WAR SKEPTISCH.

Allerdings: Die Idee, Basels gute Fasnachtsgeister für einmal sichtbar zu machen, faszinierte. Die Joray-Brothers Pascal und Nicolas sind darauf gekommen – Gregor Muntwiler von der Galerie Eulenspiegel kam mit ins Boot. Und plötzlich waren rund um den Rümelinsplatz, das Hotel Basel und das Gerbergässlein 30 Geschäftsleute bereit: «Also – da ziehen wir mit! Wir stellen die Vitrinen zur Verfügung – und machen lebende Schaufenster daraus!»

WENN MAN SICH DIESE SHOW AM DIENSTAGMITTAG REINGEZOGEN HAT, WAR PLÖTZLICH ALLE SKEPSIS AUF DEM MOND. UND MAN MUSSTE SICH FRAGEN: WESHALB IST NOCH KEINER VORHER AUF DIESE IDEE GEKOMMEN?

Kinder, Grosse, Alt und Jung vergnügten sich beim Fänschterle. Es gab Überraschungen – beispielsweise im Hotel Basel. Da sassen stumme Fasnachtsfiguren am Tischchen. Und schütteten sich einen hinter die Ohren. Natürlich unbeweglich – Ditti eben. Plötzlich aber winkte der Nuntius mit der purpurnen Schleife dem Kind am Fenster zu. Langsam. Wie eine Aufziehpuppe. «ER BEWEGT SICH», schreit die Kleine. Und ein junger Mann errötet: «Die elegante Lady in Schwarz hat mir einen Kuss zugeschickt – ich schwöre es euch!»

Sprechende Fotos

Die Idee kam von den Kerzedrepfli. Ihre Fellini-Figuren sind noch keusch. Nie an einer Fasnacht gelaufen. Nun wurden sie in dieses Puppenspiel integriert. MEGAMEGAMEGA!

Faszinierend dann auch: die sprechenden Fotos von Nicolas Joray (man lud sich den Podcast runter und hörte die guten Geister im Interview, wie sie die letzte Corona-Fasnacht erlebt haben). Bruder und Lampenkünstler Pascal wiederum pinselte an einer Steckenlaterne. Und zeigte, wie man Farben mischt, während Doris Hummel im Basler Outfit als Kostümnäherin ihre Bernina rasseln liess.

Kostümnäherinnen (es gibt auch Kostümschneider – dies nur wegen der genderrichtigen Form und der Political Correctness), Laternenmaler und -innen, Larvenmacher – aber auch Pfeif-Instruktorinnen und Trommellehrer – ihre Gesichter kennt man nicht. Und jetzt hat Corona das Handtuch geworfen: «So. Vielleicht solltet ihr mal über die Bücher gehen – neue Töne finden … und die Scheinwerfer auch einmal auf die Stars im Hintergrund werfen…»

Aha-Effekt

Et voilà – es wurde ein super Zyschtig hinter Glas. Ein «Fasnachtsfänschterle» mit Aha-Effekt. Wer hat zum Beispiel schon mal zuschauen dürfen, wie ein Schnitzelbangg-Helgen entsteht – bei Alexia Papadopoulos war man live dabei. Trommelass Thomas Kissling ruesste in der Galerie Eulenspiegel ganz speziell «dr grien Hund». Bei Giselle Janser wiederum wagte sich eine kleine Plüsch-Löwin ans Piccolo – und fauchte bravourös erste Töne. Bei Daniel Ebner konnte jeder zusehen, wie eine Larve makellos cachiert wird.

Und ganz wunderbar: La grande Dame der Fasnachtsgoschdym – die Malerin und Kostümzeichnerin der legendären «Goschdym-Kischte», Rose-Marie Joray, begrüsste ebenfalls huldvoll und mit der nötigen Distanz einer Lady ihre Fans. Auf die Frage «Gibt es bei der Fasnacht ein Aufhören?», winkte die 92-jährige Künstlerin lächelnd ab: «Blödsinn – Fasnacht ist wie Kunst. Es steckt ganz tief in einem – bis zum letzten Atemzug. Man lebt und stirbt damit!»

Das Kunstprojekt «Statt-Fasnacht» rund um den Rümelinsplatz war somit ein Volltreffer, eine Bereicherung in der Basler Fasnachtsgeschichte. Parallel dazu werden in der Galerie Eulenspiegel «Fasnachts-Helge» von Künstlerinnen und Künstlern der grossen Szene ausgestellt – eine Benefiz-Veranstaltung für die guten unsichtbaren Geister hinter den drei grossen Tagen. «Denn die Corona-Situation», so Joray, «hat alle Fasnachtsschaffenden bös am Nerv getroffen.

Die Ausstellung bringt jetzt einen Tropfen auf den heissen Stein. Aber dafür sind wir dankbar – und noch mehr: dass wir als Gemeinschaft zeigen konnten, was und wie viel hinter der Fasnacht steckt, bis es einmal so weit ist und es (hoffentlich) wieder vieri schloht…»