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Corona in AsienExodus von Häftlingen schürt Ängste

Weil die Behörden eine Massenansteckung befürchten, kommen Zehntausende Häftlinge aus überfüllten Gefängnissen frei.

Keine Chance auf soziale Distanz: Häftlinge in einem Gefängnis in Manila.
Keine Chance auf soziale Distanz: Häftlinge in einem Gefängnis in Manila.
Foto: Ezra Acayan (Getty Images)


Indiens Verfassungsrichter sahen schon im März, was da auf die Gefängnisse ihres Landes zurollte. Sie ordneten an, dass die Haftanstalten schnellstens geleert werden sollten, um der Gefahr einer raschen Ausbreitung des Coronavirus vorzubeugen.

Schon vor der Pandemie galten die Zustände im indischen Strafvollzug als dringend reformbedürftig: Zu viele Gefangene auf engem Raum, zu wenig Personal. Und dabei hatten zwei von drei Insassen ihren Prozess oder ihr Urteil noch vor sich. Die Lage ist symptomatisch für eine überforderte Justiz, die einen riesigen Berg von Fällen abzuarbeiten hat. Es stauen sich die Verfahren, auch deshalb herrscht in den Gefängnissen oft qualvolle Enge.

Für 800 Menschen gebaut, mit 2600 belegt

Ähnliche oder noch schlimmere Verhältnisse sind in zahlreichen Staaten weiter östlich zu beobachten, von Bangladesh über Burma bis zu den Philippinen. «Soziale Distanz» können viele der Haftanstalten gar nicht durchsetzen in Corona-Zeiten . Dies hat schwerwiegende Konsequenzen, zum Beispiel im berüchtigten Zentralgefängnis in Mumbai, das für 800 Insassen ausgelegt, aber mit 2600 Menschen belegt ist. Dort sind nun 77 Häftlinge und 22 Gefängnisangestellte infiziert. Die meisten Fälle seien «asymptomatisch», wie es hiess, der Innenminister von Maharashtra will sie dennoch in Spitäler verlegen.

Bisher hat Indien 22’000 Insassen vorläufig auf freien Fuss gesetzt, andere Länder machen es ähnlich: Der philippinische Staat hat 10’000 Gefangene aus den Zellen geholt, in Indonesien wurden gemäss Presseberichten schon mehr als 30’000 Gefangene freigelassen. Der Massenexodus von Häftlingen schürt jedoch auch Ängste, nicht nur vor neuen Straftaten, sondern auch vor der Gefahr, dass unerkannte Infizierte die Krankheit weitertragen könnten.

In einzelnen Gefängnissen schlafen Insassen in Schichten.

Wie der Kriminologe Francis Pakes von der Universität Portsmouth schreibt, bilden Gefängnisse und ansteckende Krankheiten schon lange «eine tödliche Kombination». Typhus etwa war bekannt als «Gefängnisfieber». Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International brachte kürzlich schockierende Videoaufnahmen aus Kambodscha ans Licht. Darauf zu sehen waren Gefangene, die sich dicht an dicht und übereinander am Boden drängten, «eine Zeitbombe», wie Amnesty mit Blick auf Covid-19 warnte. Wie sehr das Virus in dem Land schon um sich gegriffen hat, ist schwer abzuschätzen, das Regime von Diktator Hun Sen verschleiert, wie es um Covid-19 im Land steht.

Nirgendwo haben sich die Verhältnisse so zugespitzt wie auf den Philippinen
Nirgendwo haben sich die Verhältnisse so zugespitzt wie auf den Philippinen
KEYSTONE

Von Pakistan bis nach Indonesien: In nahezu allen Staaten im südlichen Asien sind die Gefängnisse chronisch überfüllt. Doch nirgendwo haben sich die Verhältnisse so zugespitzt wie auf den Philippinen. Im vergangenen Jahr drängten sich dort 215’000 Insassen in Gefängnissen, die für lediglich 40’000 Menschen gebaut worden waren. Bis zum März 2020 eskalierte die Lage weiter. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz spricht von einer Belegung von 534 Prozent. In einzelnen Gefängnissen schlafen Insassen in Schichten; sie haben kaum frische Luft, keine Bewegung und kaum eine Chance, sich in der Hitze den Schweiss vom Körper zu waschen.

Corona-Revolten im Knast

Die Angst hinter Asiens Gefängnismauern dürfte noch wachsen. In Indonesien und in Thailand ist es bereits zu Corona-Revolten im Knast gekommen. Was die Blitzentlassungen nun bringen werden? Der Exodus taugt kaum als Ersatz für verschleppte Reformen, denn nur sie könnten die unwürdigen Bedingungen beenden. Doch daran denkt in diesen Tagen der Corona-Not niemand. Die indische Kriminologin Arpita Mitra spricht von «Zeiten der Verzweiflung, die nach verzweifelten Massnahmen rufen».

In einzelnen philippinischen Gefängnissen schlafen Insassen in Schichten; sie haben kaum frische Luft, keine Bewegung und kaum eine Chance, sich in der Hitze den Schweiss vom Körper zu waschen.
In einzelnen philippinischen Gefängnissen schlafen Insassen in Schichten; sie haben kaum frische Luft, keine Bewegung und kaum eine Chance, sich in der Hitze den Schweiss vom Körper zu waschen.
KEYSTONE