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Die beste Schweizer Judoka erklärtEvelyne Tschopp, wie legt man eine Gegnerin auf den Rücken?

Wieso die Baselbieter Judoka vor dem Wettkampf in die Sauna geht und Schwitzanzüge aus Plastik trägt.

Evelyne Tschopp (blau) benutzt am liebsten den O uchi gari oder den Uchi mata, um die Gegnerin auf den Boden zu werfen.
Evelyne Tschopp (blau) benutzt am liebsten den O uchi gari oder den Uchi mata, um die Gegnerin auf den Boden zu werfen.
Foto: Paco Lozano

Sie kommen gerade von einem Turnier in Qatar. Wie muss man sich einen Wettkampf in dieser Zeit vorstellen?

Mit vielen Corona-Vorschriften. Man muss zwei negative Tests innerhalb von fünf Tagen vor dem Wettkampf mit einem Abstand von mindestens 48 Stunden vorweisen, damit man kommen darf. Vor Ort wird nochmals getestet. Bis das negative Resultat vorliegt, darf man das Zimmer nicht verlassen. Nach dem negativen Bescheid kann man sich zwar in der Hotel-Bubble frei bewegen. Allerdings sind die Fitnessräume und Saunen geschlossen. Das ist für uns als Sportler, die in Gewichtsklassen antreten, mühsam.

Wieso spielt die Sauna eine Rolle?

Weil sie für einige Athleten eine gängige Methode ist, um am Abend vor dem Wettkampf das Gewicht auf die Waage zu bringen, das einem erlaubt, in der gewünschten Gewichtsklasse starten zu können. Ohne die Möglichkeit in der Sauna oder auf dem Laufband zu schwitzen, ist es schwieriger, das Wunschgewicht zu erreichen. Wir müssen nun im Gang joggen, damit wir ins Schwitzen kommen.

Wie läuft ein Wettkampf im Judo ab?

Man hat ein K.o.-System wie im Tennis. Dabei sind die besten acht Athleten der Weltrangliste gesetzt, sie treffen frühestens im Viertelfinal aufeinander. Im Gegensatz zum Tennis hat man die Möglichkeit, bei einer Viertelfinal-Niederlage in einer Hoffnungsrunde trotzdem noch Dritter zu werden.

Im Judo gibt es verschiedene Wertungen, die man im Kampf erhalten kann. Wie funktioniert dieses System?

Nach der letzten Regeländerung ist es simpel: Wenn man es schafft, den Gegner auf den Boden zu bringen, ohne dass er auf dem Bauch oder platt auf dem Rücken liegt, dann ist dies ein Waza-ari. Dies entspricht einem halben Punkt. Gelingt dies zweimal, ist der Kampf vorbei. Die zweite Möglichkeit, den Kampf vorzeitig zu beenden, nennt sich Ippon. Einen Ippon erreicht man, wenn es gelingt, den Gegner platt auf den Rücken zu werfen. Falls kein Ippon erreicht wird, gewinnt derjenige, der nach Ablauf der Zeit mehr Punkte geholt hat.

Ein Kampf dauert vier Minuten. Was passiert, wenn danach noch kein Sieger feststeht?

Im Judo gibt es kein Unentschieden. Falls nach vier Minuten kein Sieger feststeht, wird weitergekämpft. An der Weltspitze entscheiden sich die Kräftemessen vermehrt in der Zusatzzeit. Aber auf diesem Niveau kann es auch ganz schnell gehen. Ein kleiner Fehler und man liegt geschlagen auf dem Rücken.

Welche Möglichkeiten hat man denn, einen Gegner auf den Rücken zu legen?

Aus dem Stand versucht man, den Kontrahenten mit einem Wurf auf dem Boden zu bringen. Ich verwende am liebsten den O uchi gari, einen Fusswurf, und den Uchi mata, einen Fuss-Hüft-Wurf. Am Boden kann man festhalten, würgen oder auf den Ellenbogen hebeln. Es ist aber längst nicht alles erlaubt. Gewisse Techniken sind gar so gefährlich, dass sie verboten wurden.

Der Sport dürfte also ein gewisses Verletzungsrisiko aufweisen.

Das ist richtig. Oft kommen Kreuzbandrisse vor, aber auch Schulterverletzungen und immer wieder kleinere Verletzungen an den Fingern vom Griffkampf, weil man oft irgendwo hängen bleibt oder die Daumen verdreht. Mit einem Tape ist man in diesem Fall meist trotzdem einsatzfähig.

Körperkontaktsportarten sind wegen der Einschränkungen der Behörden in der Schweiz zurzeit nur limitiert erlaubt. Können Sie trotzdem ins Dojo gehen?

Ja, als professionelle Sportlerin darf ich das. Allerdings nur unter Auflagen. Mein Training besteht im Normalfall ohnehin aus fünf Teilen: Kraft, Ausdauer, Technik, Gleichgewichtsübungen und Wettkampftraining.

Gewisse Techniken sind gar so gefährlich, dass sie verboten wurden.

Evelyne Tschopp

Was geht einem während dem Kampf durch den Kopf?

Ganz ehrlich, nicht sehr viel. Ich konzentriere mich darauf, dass ich Schritt für Schritt denke, nicht auf die laufende Zeit oder den Kampfstil des Gegners achte und mich nur auf meine Fähigkeiten fokussiere.

Wie entscheidend ist das Mentale allgemein?

Es macht einen erheblichen Teil aus. Man hat vier Minuten Zeit, kämpft Frau gegen Frau und weiss genau, dass ein Fehler das Turnier kosten kann. Dazu gibt es rund um einen Wettkampf viele weitere Faktoren, die einen ablenken können. Das Gewicht, die Auslosung, die Turnierorganisation. Muss man gegen einen Gegner kämpfen, der einem nicht liegt oder gegen den man schon oft verloren hat? Da ist es wichtig, dass man sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Was kommt alles in Ihre Wettkampftasche?

Sicher viel zu trinken und Salzstängeli für nach dem Wägen, weil man vorher viel rausgeschwitzt hat. Dann der Judogi, der Anzug im Judo, ein weisses Wettkampf-Shirt und der Schwitz-Anzug, der dazu dient, das Gewicht zu senken. Man muss sich einen Plastikanzug vorstellen, der null atmungsaktiv ist und in dem man schon schwitzt, wenn man sich nur bewegt. Nicht fehlen darf natürlich auch der Gürtel, der den Rang eines Judokas zeigt.

Erklären Sie.

Bei den Kindern haben die Gürtel verschiedene Farben. Man beginnt mit dem weissen und arbeitet sich vor bis zum schwarzen. Sie stehen dafür, wie viele Techniken die Judokas bereits kennen. Bei den Profis haben alle einen schwarzen Gurt, also die Meisterwürde erreicht. Aber auch hier gibt es Unterschiede: Man kann zehn sogenannte Dans erwerben. Ich habe den zweiten. Man muss allerdings nicht einen bestimmten Dan haben, um einen Wettkampf zu gewinnen. Ein hoher Dan ist keine Garantie für Erfolg.

Evelyne Tschopp – hier an der Europameisterschaft 2018 in Israel – hat schon zwei EM-Bronzemedaillen gewonnen.
Evelyne Tschopp – hier an der Europameisterschaft 2018 in Israel – hat schon zwei EM-Bronzemedaillen gewonnen.
Foto: Keystone

Judo wurde in Japan entwickelt. Kommen von dort auch die besten Judokas?

Die Japaner sind definitiv stark. Aber es gibt auch andere Nationen mit ausgezeichneten Athleten. Bei den Frauen sind dies Frankreich und Brasilien. Aber die grösste Dichte hat unbestritten Japan.

Wo steht die Schweiz?

Wir haben immer wieder gute Athleten. Allerdings fehlt die Masse, und dies, obwohl Judo eigentlich bekannt ist. Viele haben als Kind den Sport einmal begonnen. Aber die wenigsten bleiben dabei, weil die Aussichten nicht rosig sind. Die Anerkennung eines Randsportlers ist in der Schweiz nicht gross. Und ein gutes Einkommen kann man hier mit dem Sport auch nicht erzielen. Durch die Sporthilfe, Preisgelder und die Unterstützung von privaten Sponsoren kann man sich über Wasser halten. Aber wir bekommen keinen Lohn vom Verband und auch keine dicken Preisgelder. Es ist ein Nullsummenspiel.

Welche Eigenschaften muss man mitbringen, um ein guter Judoka zu werden?

Bescheidenheit, Durchhaltevermögen, Motivation und der Wille, sich stets zu verbessern. Vor allem Ersteres ist wichtig. Es gehört sich nicht, auf der Judomatte zu prahlen. Dazu sollte man nicht allzu verletzungsanfällig sein. Ansonsten gibt es keinen Prototyp Judoka.

Wird im Judo oft gedopt?

Das ist eine heikle Frage (lacht). Es ist sicher vermessen, zu sagen, keiner wäre gedopt. Aber das kann keine Sportart behaupten, wenn man ehrlich ist. Judo ist jedenfalls ein Sport, in welchem Doping nicht alles ist. Klar, man kann sich Vorteile verschaffen. Aber es muss so viel zusammenpassen, um erfolgreich zu sein, dass man nicht sagen kann, dass man nur wegen Dopings gewinnt. Ausserdem bringt beispielsweise ein Mittel, das den Muskelaufbau fördert, auch Probleme mit den Gewichtsklassen. In der Schweiz kommt man sowieso kaum in Versuchung. Wir werden streng kontrolliert.

Wir bekommen keinen Lohn vom Verband und auch keine dicken Preisgelder. Es ist ein Nullsummenspiel.

Evelyne Tschopp

Wie sieht denn das Schweizer Kontrollsystem aus?

Die besten Athleten sind in einem Kontrollpool. Man muss jeden Tag angeben, wo man trainiert und schläft. Wenn man Reisen unternimmt, die länger als zwei Stunden dauern, muss man diese ebenfalls melden. Nehmen wir beispielsweise ein Trainingslager: Man muss dokumentieren, mit welchem Bus, Flugzeug oder Zug man anreist. Ausserdem muss man angeben, wann man im Hotel anzutreffen ist. Während des Hotelaufenthalts kann jederzeit unangemeldet kontrolliert werden. Und das wird auch regelmässig gemacht. Bei mir stand ein Kontrollteam schon einmal um 6 Uhr morgens vor der Tür für einen Urintest.

Sie waren bereits 2016 für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifiziert. Was waren Ihre Eindrücke damals?

Es war ein cooles Erlebnis. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Einlaufen ins Maracanã vor 80’000 Zuschauern. Und das Leben im olympischen Dorf mit all diesen Profis aus unterschiedlichen Sportarten und Ländern. Man sieht auch die Stars, die man sonst nur im Fernsehen sieht. Als beispielsweise Novak Djokovic trainierte, ging das halbe Dorf zuschauen. Für uns Judokas war auch der Medienrummel ungewohnt. Wir mussten seitenlange Anordnungen lesen, was man auf Social Media posten darf. Das war Neuland für uns.

Werden Sie auch in Tokio am Start sein?

In meiner Gewichtsklasse buhlen Fabienne Kocher und ich um das Olympiaticket. Momentan habe ich zwar die Nase vorn, bis zu den Olympischen Spielen kann aber noch einiges passieren. Jemand von uns beiden wird die Schweiz aber in Tokio vertreten. Bei den Männer sind Nils Stump und Ciril Grossklaus auf einem guten Weg.

Was sind sonst Ihre sportlichen Ziele?

Nach zwei Bronzemedaillen möchte ich gern einmal den Final einer EM erreichen. Auch eine Top-5-Klassierung an einer WM wäre schön. Wenn die Tagesform passt und ich etwas Glück mit der Auslosung habe, sollte dies sicher möglich sein. Auch in Qatar war ich nicht weit entfernt, und es war praktisch die gesamte Weltspitze am Start. Ohne die Verletzung hätte ich definitiv um die Medaillen kämpfen können.