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Neues Buch übers Elsass erschienen«Euer dreckiger Dialekt»

Jahrzehnte arbeitete der französische Staat systematisch an der Ausrottung des alemannischen Dialekts im Osten des Landes und bestrafte Schüler für ihre Muttersprache. Nun legt ein neues Buch den behördlichen Feldzug schonungslos offen. Prädikat: beklemmend.

Menschenrecht für jedermann? Bereits das Cover des Buches lässt daran Zweifel aufkommen.
Menschenrecht für jedermann? Bereits das Cover des Buches lässt daran Zweifel aufkommen.

Bereits das Cover zeigt: Hier sind Autoren am Werk, die aufklären, informieren, aber auch anklagen wollen. Und die bereit sind, ein Thema aufzugreifen, das die Elsässer und Franzosen nach wie vor tief spaltet. In «Une langue qu’on assassine» (wie man eine Sprache umbringt) legt eine Autorengruppe um den Historiker Bernard Wittmann dar, wie der seit Jahrhunderten im Elsass heimische alemannische Dialekt nach dem Ersten Weltkrieg und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Schulen verbannt wurde. Erst seit wenigen Jahren werden zaghafte Versuche unternommen, Deutsch wieder als Zweitsprache zu etablieren.

Das Buch zeigt minutiös auf, wie der Fokus der Jakobiner in Paris nach der Französischen Revolution sich – bis heute – darauf richtet, jede andere Sprache ausser Französisch zu unterdrücken und das Volk quasi umzuerziehen. Mit Sätzen wie «Le francais c’est la langue de la Republique» (Französisch ist die Sprache der Republik) konnten sich übereifrige Beamte seit je daranmachen, Minderheitensprachen auszulöschen. Das betraf nicht nur die Basken oder Bretonen, sondern auch die Elsässer, die aufgrund der geografischen Lage und der Geschichte einen alemannischen Dialekt sprechen, der von den Franzosen mit dem Deutsch der Preussen gleichgesetzt wurde, was ein starkes Schwarzweissdenken erkennen lässt.

Eine «totalitäre Ideologie»

Dass in der deutschen Sprache zu wurzeln nicht automatisch heisst, Deutsch zu sein (oder Deutschland gut zu finden), muss man Deutschschweizern nicht erklären. Elsässer hingegen müssen sich dauernd gegenüber den Politikern mit grossen Augen für Paris und die zentralistische Politik rechtfertigen. Dabei hat Frankreich weltberühmte Elsässer wie den Zeichner Tomi Ungerer oder den Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, Theologe, Arzt und Elsässer, hervorgebracht. Schweitzer etwa hielt fest: «Wohl spreche ich von Kindheit auf Französisch gleicherweise wie Deutsch. Französisch aber empfinde ich nicht als Muttersprache, obwohl ich mich von jeher für meine an meine Eltern gerichteten Briefe ausschliesslich des Französischen bediente, weil dies so Brauch in der Familie war. Deutsch ist mir Muttersprache, weil der elsässische Dialekt, in dem ich sprachlich wurzle, deutsch ist.»

Historiker Wittmann spricht von einer «totalitären Ideologie», die in der französischen Politik bis heute weit verbreitet sei. Jede oder jeder, der sich bei den Jakobinern beliebt machen wollte, griff zur Schandkeule gegen den kulturhistorisch bedingten Elsässer Dialekt.

Der französische Groll auf die Deutschen unterschied bis in die 1980er-Jahre hinein nicht, ob jemand einfach einen oberrheinischen Dialekt sprach oder tatsächlich Deutsch war. In dem Zeitungstitel von 1961 «Votre sale dialecte – Euer dreckiger Dialekt» schwingt die ganze Diffamierung und Ablehnung mit. Deutsch zu hassen, war chic: «Der Elsässer Dialekt ist nie die Muttersprache der Elsässer gewesen, nur die französische Sprache wird als solche anerkannt», schrieb noch 1978 der damalige President des Conseil Général vom Unter-Elsass (Bas-Rhin). Mag sein, dass das in Paris gut ankam, historisch korrekt ist es nicht.

Zeitzeugen und ihre schmerzlichen Erlebnisse

Das Buch enthält eine Besonderheit: Etliche «Zeugen» stehen mit ihrem Namen dafür ein, dass sie in der Primarschule wegen ihres Dialekts gedemütigt, verhöhnt oder gar bestraft wurden. Eine heute kaum vorzustellende Pein, die diese Menschen erleben mussten, einfach nur weil sie zu Hause Elsässisch sprachen. Vor allem aber ein dunkles Kapitel eines Landes, das sich gern dafür rühmt, die Mutter der Menschenrechte zu sein und Minderheiten zu schützen, sowie die Vielfalt Europas preist.

Im Fall der Elsässer und ihrer ursprünglichen Sprache gibt es für Frankreich noch viel nachzuholen, wie das Buch eindrücklich darlegt. Sinnigerweise und als Beleg dafür, wie erfolgreich die französische Auslöschungsstrategie bereits ist, wurde das Buch auf Französisch geschrieben, auch wenn es Abschnitte hat, die auf Deutsch sind. Auf jeden Fall ist es ein wichtiger Beitrag für das historische Bewusstsein der Sprachgeschichte am Oberrhein.

«Une Langue qu’on assassine – Livre Noir du jacobisme scolaire», Salde-Verlag, 18 Euro