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Kantone rechtfertigen sich«Es war legitim, ein positives Szenario zuzulassen»

Der oberste kantonale Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger kritisiert den Bund, er habe sich bei der Kommunikation zu stark zurückgenommen.

Der Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, Lukas Engelberger, im Oktober 2020.
Der Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren, Lukas Engelberger, im Oktober 2020.
Foto: Nicole Pont (SRF)

Herr Engelberger, weshalb haben die Kantone die Heftigkeit der zweiten Welle so stark unterschätzt?

Es war im Sommer legitim, ein positives Szenario zuzulassen. Wir wussten zwar, dass es eine zweite Welle geben könnte. Aber man hat so wenig Erfahrung mit dieser Art Pandemie, dass auch eine andere Entwicklung möglich gewesen wäre.

Aber Epidemiologen haben doch wiederholt vor genau dem Szenario gewarnt, das nun eingetreten ist.

Es gab auch andere Stimmen. Der Sommer war sehr stark von der Idee geprägt, man könne die Fälle mit einem konsequenten Contact Tracing erkennen und austrocknen. Solange die Fallzahlen im erwarteten Rahmen blieben, hat das auch gut funktioniert. Natürlich ist es im Oktober dann viel dramatischer gekommen, als wir es uns zurechtgelegt hatten. Mit dieser Dynamik konnten wir in unseren politischen Prozessen eine Zeit lang nicht Schritt halten. Wir machen das alle zum ersten Mal.

Die Politik war schlicht zu langsam.

Nein, sie hat schon reagiert. Aber die ersten Massnahmen haben die Ausbreitung des Virus nicht richtig gebremst. Man muss auch sehen, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung bis weit in den Oktober hinein klein war, starke Einschränkungen hinzunehmen.

Weshalb sterben denn nun in der Schweiz mehr Leute als in den meisten anderen Ländern?

Es ist noch zu früh, um das beurteilen zu können. Wir wissen noch nicht, ob es die Schweiz am Schluss wirklich schlimmer trifft. Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir es dem Schwelbrand im Sommer zu einfach gemacht haben, indem wir zu sehr gelockert haben. Es fällt etwa auf, dass in Deutschland früher eine breite Maskenpflicht eingeführt wurde und die Discos gar nie aufgingen.

Welche anderen Lehren ziehen Sie für eine allfällige dritte Welle?

Ich denke, dass sich der Bund in der Kommunikation eine Zeit lang zu stark aus der Verantwortung nahm. In den grossen Themen – Abstandhalten, Maskenpflicht, Homeoffice, und so weiter – gibt es nicht viel Raum für kantonale Differenzierungen. Da erwarten die Leute eine klare, schweizweite Ansage des Bundes. Die war zwischenzeitlich zu wenig deutlich.

Lesen Sie auch: Wie die Schweiz in ihre aktuelle epidemiologische Lage geraten konnte.

3 Kommentare
    Lenzi

    Generell darf man doch vermuten, dass die Furcht vor Klagen und Forderungen, im Fall eines Ausbleibens der zweiten Welle nach dem Sommer, für viele Entscheidungsträger halt doch zu schwerwiegend war. Es fehlte an Mut und Entschlossenheit zum Handeln.