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Basel wird durchgeschütteltEs ist Zeit für einen kritischen Blick in den Spiegel

Nicht nur die Dauerbaustelle am St.-Alban-Graben sorgt derzeit für rote Köpfe. Städtische Vorzeigeinstitutionen wie der FCB und die MCH Group sind unter Druck geraten. Miteidgenossen reagieren schadenfroh. Die Stadt sollte die Krise als Chance begreifen.

Basel wird umgebaut: Baustelle am St.-Alban-Graben, wo ein unterirdisches Parking entsteht.
Basel wird umgebaut: Baustelle am St.-Alban-Graben, wo ein unterirdisches Parking entsteht.
Foto: Nicole Pont

Wenn es in diesen Tagen so etwas wie ein Sinnbild für die aktuelle, problembefrachtete Situation in Basel braucht, bietet sich die Baustelle für das unterirdische Kunstmuseum-Parking an. Im März vor einem Jahr haben dazu die Arbeiten am St.-Alban-Graben begonnen, und sie werden voraussichtlich noch bis Ende 2021 dauern.

Die Tramlinien 15 und 1 sowie die Tramhaltestelle Kunstmuseum sind dem privaten Projekt bereits zum Opfer gefallen. Erst war der Altbau des Kunstmuseums zeitweise praktisch von der Besucherwelt abgeschnitten, und jetzt mussten Teile des Antikenmuseums wegen der Erschütterungen geschlossen werden.

Beide Museen haben im Vorfeld dieser Arbeiten vor den Gefahren für das Sammlungsgut gewarntohne Erfolg. Die Lobby der Kultur scheint einmal mehr kleiner zu sein als die des Geldes. Hinter dem Parkingbau steht der Credit-Suisse-Fonds.

Schleichender Niedergang

Basel wird nicht nur durch die Bohrungen am St.-Alban-Graben kräftig durchgeschüttelt. Der Stadtkanton muss in diesem Jahr weitere Erschütterungen hinnehmen. Corona-bedingt wurden die Fasnacht, die Art Basel, alle grossen Sommerveranstaltungen, die Herbstmesse, die Baloise-Session und die Swiss Indoors bereits abgesagt. Und heute Abend wird es auch keine Bundesfeier am Rhein mit Feuerwerk geben.

Nicht dem Virus geschuldet sind die andauernden Turbulenzen um den FCB und die MCH Group. Und dass gerade diese beiden früheren Vorzeigeinstitutionen so unter Druck geraten sind, führt zu einer gewissen unverhohlenen Schadenfreude einiger Miteidgenossenvor allem aus dem Raum Zürich. Dort lassen sich die Medien genüsslich über den angeblich schleichenden Niedergang Basels aus.

In Basel selbst reagiert man darauf wie immer, indem man solche Artikel einfach ignoriert. Dabei wäre ein kritischer Blick in den Spiegel gerade jetzt durchaus angebracht. Basel ist immer schnell, wenn es darum geht, einen Titel für seine scheinbare Einzigartigkeit zur finden. Kulturstadt, Messestadt, Chemiestadt, Fussballstadt, Musikstadt, Architekturstadt, Musicalstadt sind nur einige Titel einer langen Liste, die weder hinterfragt noch aktualisiert wird.

Weichenstellung am Montag

Denn Musicals finden kaum noch in Basel statt, die architektonische Grandezza beschränkt sich auf einige herausragende Büros, aber greift kaum in den öffentlichen Raum, und der Fussball befindet sich derzeit im Abstieg.

Heiss diskutiert wird jetzt vor allem die Frage, wie lange Basel noch Messestadt bleibt. Die Baselworld ist verloren und soll durch eine Internetplattform mit dem unaussprechlichen Namen «Houruniverse» ersetzt werden. Ach ja, eine kleine Messe wird es voraussichtlich auch noch geben. Genaue Details werden irgendwann später nachgeliefert.

Doch was geschieht mit der Art Basel, der einzig noch verbleibenden Messeveranstaltung mit internationaler Ausstrahlung? Die Weichenstellung erfolgt an der Generalversammlung vom kommenden Montag. Das Unternehmen braucht dringend eine Finanzspritze. Der mögliche Einstieg von James Murdoch hat zwar einige anfänglich verschreckt. Aber die Beschwichtigung des Verwaltungsrats, dass quasi alles beim Alten bleibe, hat die Skeptiker verstummen lassen.

Doch hier tut sich schon wieder ein neues Dilemma auf, das eigentlich ein altes ist. Der bislang von Politikern dominierte Verwaltungsrat der MCH Group pocht auf möglichst viele Aktivitäten an den Messeplätzen Basel und Zürich. Die Geschäftsleitung hingegen muss Visionen für das Gesamtunternehmen entwickeln, die möglicherweise im Ausland erfolgreicher zu realisieren sind. Deshalb ist auch die Absichtserklärung der neuen Investoren, die Art Basel und andere wichtige Veranstaltungen weiterhin am Rheinknie abzuhalten, nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Die bestens etablierte und erfolgreiche Marke Art Basel lässt sich in einigen Jahren auch nach London oder Dubai transferieren, wie die Beispiele von Miami und Hongkong zeigen.

Basel muss lernen, über den Tellerrand hinauszuschauen. So schön die Stadt, die Lage am Rhein, die Steuereinnahmen durch die Chemieunternehmen und die Grosszügigkeit der einheimischen Mäzene sind, diese Gegebenheiten haben sie auch träge, dünnhäutig gegenüber Kritik und selbstverliebt gemacht.

Wer durchgeschüttelt wird, der wird zwangsweise wachgerüttelt. Die Krise ist immer auch eine Chance. Die Stadt Basel sollte sie nutzen und beweisen, dass sie ihre selbst verliehenen Titeloder zumindest einige davonauch wirklich verdient.