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Urs Kryenbühl schwer verletztUnd wieder kommt die Frage auf: Wie viel Spektakel ist zu viel?

Gehirnerschütterung, Schlüsselbeinbruch, Kreuzbandriss: Zwölf Jahre nach Daniel Albrecht verunfallt Urs Kryenbühl in Kitzbühel schwer. Der Zielsprung führt zu einer Grundsatzdiskussion.

Auf dem Weg ins Spital: Urs Kryenbühl war vor seinem Abtransport ansprechbar und erkannte seinen Trainer.
Auf dem Weg ins Spital: Urs Kryenbühl war vor seinem Abtransport ansprechbar und erkannte seinen Trainer.
Foto: Christian Bruna (Keystone)

Es ist keine schlechte Fahrt von Urs Kryenbühl. Der Schwyzer biegt in den Zielhang ein, alles ist gut, er ist schnell. Mit 147 Kilometern pro Stunde rast er auf den Zielsprung zu – dann kriegt er Oberluft.

Kryenbühls Skispitzen senken sich gefährlich, zeigen immer weiter nach unten, er kriegt Vorlage. Der Schweizer wird, so wird es später der Italiener Dominik Paris sagen, zum Passagier, er hat keine Kontrolle mehr. Es ist ein schrecklicher Sturz.

Kryenbühl fällt vornüber, er schlägt hart auf, bleibt liegen. Einer seiner Ski ist durchgebogen, fast zu einem rechten Winkel. Der bald 27-Jährige probiert sich aufzurappeln, als Betreuer sich zu ihm auf den Weg machen. Es gelingt ihm nicht. Immerhin ist er ansprechbar, erinnert sich an seinen Namen und seine Startnummer. Und er erkennt einen seiner Trainer.

Der schwere Sturz von Urs Kryenbühl beim Zielsprung von Kitzbühel.
Video: SRF

Das Rennen wird unterbrochen, im Zielraum herrscht Stille, Fahrer probieren zu erklären, was sie genau gesehen haben. «In der Luft kannst du nichts mehr machen», sagt Paris, auch er ist ratlos, probiert mit Gesten aufzuzeigen, was schieflief bei Kryenbühl. «Es ist scheisse», sagt er irgendwann, schüttelt den Kopf. «So was tut mir immer sehr leid», man wolle ja, dass jeder Athlet ins Ziel komme. Während er spricht, dröhnen hinter ihm die Rotoren des Helikopters, der den Verunfallten ins Spital von St. Johann bringt.

Dort ergeben erste Untersuchungen, dass Kryenbühl eine Gehirnerschütterung erlitt, dazu einen Bruch des rechten Schlüsselbeins und einen Riss des Kreuz- und Innenbandes im rechten Knie. Voraussichtlich wird der Schwyzer am Samstag in die Schweiz zurückkehren. Dabei war er so gut in die Saison gestartet, in Val-d’Isère und Bormio stand er auf dem Podest. Noch am Mittwoch zeigte er sich guter Dinge, war froh, wieder am Hahnenkamm zu sein.

Ist Kitzbühel noch sicher?

Nun führt der Zielsprung einmal mehr zu einer Grundsatzdiskussion. Ist Kitzbühel noch sicher? Ist es nötig, nach ohnehin schon kräfteraubenden 3300 Metern mit über 140 km/h einen solchen Sprung zu meistern? Wie viel Spektakel ist zu viel? Kitzbühel ist auch ohne den Sprung das aufregendste Rennen des Winters, mit der Kante kurz vor dem Ziel wird es noch einmal riskanter.

Paris plädierte noch kurz nach dem zweiten Training dafür, die Stelle zu entschärfen, man komme da in einer Geschwindigkeit, die keine Fehler erlaube. Hannes Reichelt fand den Sprung «grenzwertig». Am Donnerstag war der Franzose Johan Clarey am gleichen Ort gestürzt, er bleib unverletzt. «Wir haben schon im ersten Training gesagt, dass der Sprung ordentlich ist, aber im Training fährt auch jeder etwas humaner drüber», sagt der Deutsche Josef Ferstl. Carlo Janka nennt den Sprung «eine tickende Zeitbombe.»

Beim Crash von Kryenbühl werden Erinnerungen wach an den Horrorsturz von Daniel Albrecht. Der Walliser geriet am gleichen Ort in Rücklage, erlitt dabei ein Schädel-Hirn-Trauma und lag drei Wochen im Koma. Es ist am ersten Renntag auf den Tag genau zwölf Jahre her. Danach wurde der Sprung wesentlich entschärft, er war nur noch eine Welle. Erst in den letzten Jahren wurde er wieder gefährlicher. «Es ist doch so», sagt Ferstl, «es muss erst etwas passieren, damit man wieder runtergeht. Und jetzt stehen wir wieder hier. Muss das ein?» Er ergänzt: «Spektakel ist das eine, aber unsere Sicherheit ist auch wichtig.» Die Veranstalter geben später bekannt, dass die Stelle abgetragen wird. Dazu wird Neuschnee erwartet, am Samstag wird es keine weiten Sprünge zu sehen geben.

Kryenbühl ist nicht der einzige, der verunfallt

Es war in den letzten Jahren in Kitzbühel aber bei weitem nicht nur Albrechts Unfall, der solche Fragen aufwarf. Hans Grugger erwischte es 2011 in der Mausefalle gleich nach dem Start, er befand sich gar in Lebensgefahr und beendete kurz darauf seine Karriere. Weiter unten, bei der Traverse, traf es vor fünf Jahren Aksel Svindal, Hannes Reichelt und Georg Streitberger. Schon da wurden Stimmen laut, die sagten, Kitzbühel sei zu gefährlich geworden. Weil man dem Spektakel alles unterordnet.

Auch in diesem Jahr sorgte die berüchtigte Traverse kurz vor dem Zielhang für einen Ausfall. Noch vor Kryenbühl war Ryan Cochran-Siegle nach der Einfahrt in diese ins Sicherheitsnetz geprallt. Auch der US-Amerikaner, einer der Favoriten des Rennens, musste abtransportiert werden. Er erlitt eine leichte Halswirbelfraktur, noch ist nicht klar, wie lange er ausfallen wird. Anders ist es bei Kryenbühl. Er wird in diesem Winter keine Rennen mehr bestreiten.

80 Kommentare
    Gustav Natterer

    Warum wird nicht der Veranstalter des jeweiligen Skizirkus für Unfälle voll haftbar gemacht? Die Unfallversicherungen sollten eigentlich Regress machen. So wären die Veranstalter gezwungen die Pisten sicherer, sprich weniger schnell zu machen. Das wollen diese aber wahrscheinlich nicht, weil dann der Nervenkitzel der Zuschauer kleiner wäre.

    Verantwortung tragen ist für Viele ein Fremdwort.