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«Es ist ein Wettbewerb der Moralapostel»

Sieht sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit. Giuseppe Gracia kritisiert, dass sich Politiker und Journalisten zu «Heilpädagogen des sozialen Zusammenhalts» aufspielen.

BaZ: Herr Gracia, wie geht es Ihnen heute?

Mein herzliches Mitgefühl! Dann passen Sie aber bestens, wie Sie vermuten, ins «grosse, internationale Therapiehaus – ein Haus für friedliche Volksentwicklung», wie Sie die politischen Systeme in Europa und der Schweiz beschreiben.

Ihr für politische Sachbücher eher unüblich poetisches Buch widmet sich nach Ihrem letzten Roman: «Der Abschied», in welchem ein Schweizer Tennisstar vor laufender Kamera von Islamisten ermordet wird, nun der «Gewalt in der Sprache». Schiessen Sie damit nicht etwas übers Ziel, das ich irgendwo in der Rettung der Demokratie verorte, oder irre ich mich?

Die Moralapostel schreiben nun für eine gendergerechte Sprache. Die Tatsache, dass Transsexuelle eine eigene Bezeichnung für ihr Geschlecht in Form eines Sternchens kriegen, sehen Sie aber grad als Gewaltakt?

Links-liberale Dogmen? Woran machen Sie das fest?

Chapeau, Sie erfinden Beschimpfungen gegen Sie grad selber. «Katholiban» gefällt mir fast zu gut. Doch etwas ernster: Sie sind Mediensprecher von Bischof Vitus Huonder. Als Nicht-Katholikin habe ich die Botschaft Jesu immer auch als Volkspädagogik für das Werden eines guten Menschen betrachtet. Nun regen Sie sich, zugegeben sehr klug und wortgewandt, aber nichtsdestotrotz, ausgerechnet über die Volkspädagogik der Linken auf. Ist dies nicht ein Widerspruch?

Wir schreiben das Jahr 2018. Kann man da den Menschen beispielsweise wirklich nicht zumuten, das N-Wort einfach nicht auszusprechen? Oder anders gefragt: Ist die Meinungsfreiheit tatsächlich allein dadurch bedroht, dass alte weisse Männer und Frauen nicht wie bisher unbekümmert rassistische und sexistische Schimpfwörter gebrauchen dürfen?

Ist das nicht auch eine Art «Infantilisierung des öffentlichen Raums», den Sie messerscharf gegen die Political Correctness anwenden, wenn Sie darauf beharren, das N-Wort zu benutzen oder andere, veraltete Sprechakte als Verkörperung von Freiheit sehen?

Hier gebe ich Ihnen recht. Als Journalistin bin ich jedoch berufsgeschädigt und suche sofort Kategorien, die sich gut verkaufen lassen. Noch etwas Theorie, die mich interessieren würde: Von Stern-Gründer Henri Nannen wird der Satz: «Fragen Sie mich nicht nach dem Sinn des Lebens. Fragen Sie mich nach seiner Sinnlichkeit» überliefert. Der Ex-Leutnant einer Propaganda-Einheit unter den Nationalsozialisten und erfolgreichster Verleger des 20. Jahrhunderts plädierte für «echte» Erfahrung, das, was Gendertheoretikerinnen den «Ort des Sprechaktes» nennen würden. Was ist daran so falsch?

Ah, da bin ich nicht einverstanden und verweise auf meine eigenen Bücher, doch das würde nun zu weit führen. Deshalb versuche ich es nochmals anders: Könnte es nicht auch einfach sein, dass Sie als Schriftsteller und Intellektueller mitten in einem Generationenkonflikt stecken, der die «Jungen» mit deren teils naiven Wellness-Demokratie schlicht nicht mehr versteht?

Sie sind ein christlicher und katholischer Moralist, der vom Staat aber hartes Durchgreifen in puncto Recht und Ordnung inklusive Säkularisierung erwartet. Ist dies nicht ein Widerspruch?

Sagt der Katholik Gracia. Zum Schluss die Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts: Wie halten Sie es denn mit der Ungerechtigkeit?