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Es bleibt viel Raum für Fantasie

Ernst und weniger ernst gemeinte Bücher rund um die Teilchenbeschleunigung. Eine Übersicht.

Die Faszination der Forschung im Cern – hier eine Aussenansicht des «Globe» – hat nicht nur mit der Grösse der Apparaturen zu tun, sondern auch mit den Spekulationen über mögliche Folgen der Experimente.
Die Faszination der Forschung im Cern – hier eine Aussenansicht des «Globe» – hat nicht nur mit der Grösse der Apparaturen zu tun, sondern auch mit den Spekulationen über mögliche Folgen der Experimente.
Keystone

Cern-Spinnerei – ein Roman mit Hochspannung

An einem heissen Augusttag steigt eine Besuchergruppe hinunter ins Cern. Plötzlich ein Störfall, ein Ruck. Wenn die Besucher heraufkommen, ist alles wie zuvor. Alles bleibt. Genau das ist die Katastrophe in diesem auch sprachlich kühnen Roman von Thomas Lehr. Die Welt ist eingefroren im Stillstand der Zeit. Die Leute auf den Strassen: ein Skulpturenpark. Am Himmel, hart wie Granit, hängt ein Flugzeug, bewegungslos. Die Segel der Boote: wie weisse Scherben, hineingesteckt in die blaue Eishaut des Sees. Nur die Cern-Besucher leben in einer Zeitblase weiter. Manche hausen wochenlang in ihren Hotelzimmern wie in Grabkammern. Andere wandern durch totenstille Städte nach Hause und sehen ihren Liebsten beim Seitensprung, versteinert, unantastbar, «auskristallisiert im Fixierbad der Welt». Wissenschaftlich wenig haltbar, aber die zwischenmenschliche Versuchsanordnung hat Hochspannung.

> Thomas Lehr: «42». Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2005. 368 S., Taschenbuch.

Zu Physik und Religion – von einem Prof, der inkognito blieb

Unter dem Pseudonym Siegfried Müller-Markus reflektierte ein österreichischer Physikprofessor 1986 über die Trennung von Naturwissenschaften und Religion seit dem 19. Jahrhundert. Losgelöst von der Religion konnte sich die Physik selbstverwirklichen. Aber letztlich, so der Autor, werden Religion und Naturwissenschaft zwangsläufig wieder unter ein Dach zurückkehren. Er liefert dafür kapitale Argumente. Seinen Lehrstücken über die Schönheit der Formeln und die metaphysischen Grundlagen der Physik erliegt jeder Phileiner. Die zweite Hälfte des fast 400-seitigen Werks ist exklusiv der Quantenphysik gewidmet und enthält die stärksten Argumente für die Wiedervereinigung von Physik und Religion. Der Autor zeichnet den Forschergeist von Niels Bohr und Max Planck und belegt anhand von Zitaten die Plötzlichkeit, mit der sie ihre Formeln fanden. Dabei halten sich Physik und Metaphysik stets die Waage.

> Siegfried Müller-Markus: «Der Gott der Physiker», Birkhäuser Verlag, 1986, 373 Seiten.

Dan Brown und sein Roman einer Verschwörung

Vom enigmatischen Treiben im Cern hat sich auch Dan Brown beflügeln lassen. Im Entrée seines Wälzers liegt die gebrandmarkte Leiche des Teilchenphysikers Leonardo Vetra. Der Symbologe Robert Langdon liest das Symbol des totgeglaubten Geheimbunds der Illuminaten von seiner Brust ab. Dieser hat aus dem Cern eine Schatulle mit Antimaterie entwendet, um eine Bombe zu basteln. Ziel ist der Vatikan. Browns Roman hat so viel Wirbel verursacht, dass die Genfer Forschungsstätte veranlasst war, eine FAQ-Website mit «Facts & Fiction» über Antimaterie aufzuschalten. Der Bestseller ist ein Beispiel für die Mystifizierung wissenschaftlicher Orte. Ob Alchemie oder Teilchenphysik: Da erzeugen ein paar überdurchschnittlich Gescheite in einem Geheimlabor suspekte Substanzen. Wir freuen uns, wenn uns einer in die frevlerischen Stätten blicken lässt, auch wenn er uns Sand in die Augen streut.

Dan Brown: «Illuminati». Bastei Lübbe Verlag 2003. 800 Seiten.

Der Roman über Versuche, die noch gar nicht stattfanden

Die für Ende August geplanten Versuche am Genfer Cern werfen bereits Schatten in der populären Literatur voraus. «Credo» (Originaltitel: «Blasphemy») heisst der Thriller, den der 52-jährige US-Amerikaner Douglas Preston geschrieben und pünktlich zum Beginn der Experimente am Genfer Cern auf den Markt gebracht hat. Der studierte Mathematiker hat die Versuchsanordnung mit dem Teilchenbeschleuniger LHC eingehend studiert und um sie herum eine Romanhandlung erfunden, in welcher es gehörig menschelt. Schon der Teilchenbeschleuniger selbst trägt einen menschlichen Namen: Isabella, und die Experten in der Forschungsstation verleugnen trotz der hier aufgeworfenen metaphysischen Fragen ihre Diesseitigkeit auf keiner Seite. Preston ist ein Hardliner: Es gebe keine religiöse Frage, sagte er in einem Interview, die nicht in eine überprüfbare Hypothese umformuliert werden könne.

Douglas Preston: «Credo». Verlag Droemer Knaur, 2008. 624 Seiten.

Der Rockmusik-Doktor erklärt die Entstehung der Welt

Mit seiner Band griff er nach den Sternen. Und auch im Privatleben zog es den Queen-Gitarristen in höhere Sphären. 1974 hatte er seine Laufbahn als Astrophysiker unterbrochen, um in der Rockmusik neue Saiten aufzuziehen. 2007 vollendete der 60-Jährige seine Dissertation, worin er erklärt, dass sich Staubwolken im Sonnensystem in die gleiche Richtung bewegen wie die Planeten. Zudem hat er sich in den letzten Jahren auch mit dem Urknall beschäftigt. Mithilfe zweier britischer Wissenschaftler verfasste er die dramatische Chronik des Kosmos. «Bang! Die ganze Geschichte des Universums» heisst das Buch, das überaus gute Kritiken erhalten hat: «Ein gut verständlicher Parforce-Ritt durch Raum und Zeit, durch Theoriengebäude und Methodik der Astrophysik ist das Buch ein Genuss für den Einsteiger», war in der «Welt» zu lesen.

Brian May, Patrick Moore, Chris Lintott: «Bang! Die ganze Geschichte des Universums», Kosmos Verlag, 192 Seiten.

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