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Corona-Ausbruch in Deutschland«Es besteht die Gefahr, dass das Virus nun wieder verbreitet wird»

Kurz vor Beginn der Sommerferien in Deutschland wird aufgrund der Infektionen beim Fleischverarbeiter Tönnies ein regionaler Lockdown verhängt. Ausreisen dürfen die Menschen dort trotzdem, auch in die Schweiz.

Unter Quarantäne: Angestellte des Fleischfabrikanten Tönnies.
Unter Quarantäne: Angestellte des Fleischfabrikanten Tönnies.
Foto: Martin Meissner/AP

Das, wovor die Menschen in Ostwestfalen seit Tagen Angst hatten, wurde am Dienstag Realität. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hat einen einwöchigen Lockdown des Kreises Gütersloh verkündet, später kurz darauf kommt auch der angrezende Landkreis Warendorf dazu. Der CDU-Politiker spricht selbst lieber von einem «Sicherheits- und Schutzpaket».

Die Abriegelung einer ganzen Region ist ein in Deutschland bisher einmaliger Vorgang – seit den Lockerungen der bundesweiten Corona-Kontaktbeschränkungen. Schuld an der «Vorsichtsmassnahme», sagt Laschet, sei der Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: 1553 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Deutschlands grösster Schlachterei sind bisher nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Das ist der grösste Infektionsherd des Landes. Seit vergangenem Mittwoch war die Zahl der Infizierten täglich gestiegen. Mutmasslich in der Zerlegeabteilung der Schlachterei hatte sich das Virus rasant ausgebreitet.

640’000 Menschen sind betroffen

Und das bedeutet jetzt: Die Landesregierung schränkt das öffentliche Leben in der ostwestfälischen Grenzregion zu Niedersachsen und das Leben von mehr als 640’000 Einwohnern in der Region massiv ein. «Wir führen wieder eine Kontaktbeschränkung wie im März ein», sagte Laschet bei einer Pressekonferenz in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Das Pandemierisiko sei vor allem dadurch erhöht, dass die Tönnies-Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern an 1300 verschiedenen Adressen im ganzen Kreis verstreut wohnen.

Einheiten der Polizei und zahlreiche Dolmetscher unterstützen die örtlichen Behörden bei der Überwachung der Quarantäneregeln. Tönnies beschäftigt vor allem Arbeitsmigranten aus Polen und Rumänien, die zumeist über ausbeuterische Werkverträge bei Subunternehmen angestellt sind.

Als erste Massnahmen waren am 17. Juni alle Kindergärten und Schulen im Kreis Gütersloh geschlossen und damit 50’000 Kinder und Jugendliche wieder nach Hause verbannt worden. Bis zum 30. Juni will Laschet im ganzen Kreis testen lassen, um Klarheit zu erhalten, ob das Virus schon auf die Bevölkerung abseits des Schlachthofs übergegriffen hat. Derzeit gebe es ausserhalb der Tönnies-Belegschaft nur 24 nachgewiesene Infektionen im Kreis, so Laschet.

In einer vom Robert-Koch-Institut präsentierten Deutschlandkarte leuchtet der Kreis Gütersloh tiefrot . Auch der benachbarte Landkreis Warendorf ist auf der Karte längst nicht mehr blassgelb wie der Grossteil Deutschlands, sondern knallrot. Der Reproduktionswert habe lange Zeit stabil unter 1 gelegen, sagt Institutschef Lothar Wieler, «aber in den letzten Tagen ist er gestiegen». Seit Sonntag liege er zwischen 2 und 3. Grund dafür seien wahrscheinlich einzelne Ausbrüche wie in Berlin, Göttingen und eben in Gütersloh.

Spricht von einem «Sicherheits- und Schutzpaket»: Ministerpräsident Armin Laschet.
Spricht von einem «Sicherheits- und Schutzpaket»: Ministerpräsident Armin Laschet.
Foto: Keystone

Warum sich gerade beim Fleischverarbeiter Tönnies im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück so viele Beschäftigte nachweislich mit dem Coronavirus infizierten und auch viele andere deutsche Schlachthöfe zu Hotspots der Epidemie wurden, erklärt Wieler mit unterschiedlichen Faktoren. Einerseits spielten die häufig beengten Wohnverhältnisse der Arbeiter eine Rolle, genau wie ihre eingeschränkten Möglichkeiten, bei der harten Fabrikarbeit Abstand zu halten.

Andererseits könnten auch die kühle Temperatur in den Betrieben und die feuchte Luft, die ansteckende Aerosole begünstigt, zu mehr Übertragungen führen. Welcher Punkt den Ausschlag gebe, sei allerdings noch eine «offene Frage», sagt Wieler.

Wann kommt die zweite Welle?

Genauso offen lässt Wieler, wann sein Institut nicht mehr von einzelnen Ausbrüchen in Deutschland, sondern von einer handfesten zweiten Welle der Epidemie sprechen werde. Wenn die Zahl der Infektionen steige, die Krankheitsverläufe schwerer würden und die Klinikbetten knapp, werde «man irgendwann einen Schwellenwert haben, wo man von einer zweiten Welle spricht», sagt er. Den Ausschlag gebe auch, ob es sich bei den Covid-19-Ausbrüchen weiter um regionale Phänomene handle oder ob Infizierte das Virus quer durch die Republik trügen und die Zahlen an immer mehr Orten stiegen.

«Es gab keine Reiseeinschränkung, wir haben keine Ausreiseverbote erteilt.»

Ministerpräsident Armin Laschet

Folgt man dieser Logik, müsste Ministerpräsident Laschet nun mit seinem Gütersloher und Warendorfer Lockdown dafür sorgen, dass die Menschen in den kommenden Wochen nicht samt Virus an die Ostsee fahren oder in die Alpen – damit aus einem westfälischen Problem keines für ganz Deutschland und angrenzende Staaten wie die Schweiz wird. Doch das tat er nicht.

Auf die Frage, ob die Menschen jetzt ihre Sommerferien absagen müssten, antwortete Laschet: «Es gilt das Gleiche wie im Lockdown, den wir hatten. Es gab kein Verbot, es gab keine Reiseeinschränkung, wir haben keine Ausreiseverbote erteilt, zu keiner Minute. Man kann jetzt den Menschen sagen, die ihren Urlaub planen wollen, dass sie das natürlich machen können.»

Wie geht es nun weiter? Der Bürgermeister informiert Tönnies-Mitarbeitende über die Quarantänemassnahmen.
Wie geht es nun weiter? Der Bürgermeister informiert Tönnies-Mitarbeitende über die Quarantänemassnahmen.
KEYSTONE

Doch im nächsten Atemzug appellierte der 59-Jährige an die Menschen, «jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren. Das wird auch kontrolliert werden, die Frage ist, in welcher Form.» Man wolle durch das regionale Herunterfahren verhindern, dass Massnahmen für das ganze Land nötig würden. Noch am Sonntag hatten der Ministerpräsident und sein Arbeits- und Gesundheitsminister bei einem Besuch in Gütersloh für kurzfristige Erleichterung in der Region gesorgt, als sie einen Lockdown zwar androhten, aber noch nicht verkündeten. Zwei Tage später ist alles anders.

Bayern verlangt ein Zeugnis

Die Massnahme jetzt kommt für die Ostwestfalen und die Münsterländer zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, am Samstag beginnen die sechswöchigen Sommerferien im bevölkerungsreichsten Bundesland. «Ich habe das rechtlich prüfen lassen, es ist kompliziert», sagt Laschet. Jetzt lächelt er so, wie er immer lächelt, wenn er versucht, etwas zu erklären, was kompliziert ist und von dem er weiss, dass es ihn in Schwierigkeiten bringen könnte. Das verhängte Kontaktverbot und die Lockdown-Massnahmen «gelten immer nur bezogen auf den Kreis». Heisst also, wer Gütersloh verlässt, ist vom Lockdown befreit? Ja, für die Bewohner und Bewohnerinnen gelte kein generelles Ausreiseverbot, so Laschet.

Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der seit Tagen vehement den Lockdown in Gütersloh gefordert hatte, warnt nun davor, dass Menschen aus dem betroffenen Kreis in die Ferien fahren, ohne zuvor getestet worden zu sein. «Dann besteht die Gefahr, dass das Virus aus Gütersloh wieder verbreitet wird», sagte der Epidemiologe.

Die Bundesländer Bayern und Mecklenburg-Vorpommern haben bereits reagiert. Dort dürfen nur Ostwestfalen, die einen negativen Corona-Test vorlegen, Ferien machen.

Die Schutzanzüge werden wieder gebraucht: Medizinisches Personal der Bundeswehr bereitet sich darauf vor, die Tönnies-Mitarbeitenden auf Covid-19 zu testen.
Die Schutzanzüge werden wieder gebraucht: Medizinisches Personal der Bundeswehr bereitet sich darauf vor, die Tönnies-Mitarbeitenden auf Covid-19 zu testen.
KEYSTONE