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«Krimi der Woche»Erstach der 16-Jährige seinen Vater?

Eine Frau heiratet den Ex ihrer Schwester und zieht deren Kind gross. Obendrauf kommen häusliche Gewalt und ein Mord. Davon erzählt Alafair Burke in «Die perfekte Schwester».

Wer hat den Anwalt erstochen? Darum und um ein kompliziertes Beziehungsgeflecht geht es im Krimi von Alafair Burke.
Wer hat den Anwalt erstochen? Darum und um ein kompliziertes Beziehungsgeflecht geht es im Krimi von Alafair Burke.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Der erste Satz

Ich stand in einem perlenbesetzten Kleid von Versace (geliehen) und zwölf Zentimeter hohen Stilettos (nie mehr getragen) auf den Stufen des Metropolitan Museum of Art – und fiel damit meiner eigenen Schwester in den Rücken.

Das Buch

Chloe Taylor ist eine arrivierte Journalistin, preisgekrönte Chefredaktorin eines einflussreichen Frauenmagazins und Buchautorin. Eine Person des öffentlichen Lebens in New York. Ihr Mann Adam Mackintosh ist Partner einer bedeutenden Anwaltskanzlei. Und sie haben einen 16-jährigen Sohn, Ethan. Die kleine Familie gibt ein glanzvolles, strahlendes Bild ab. Bis zur Nacht, in der Chloe ihren Mann erstochen auffindet.

Chloe ist die «bessere» von zwei Schwestern, wie es im englischen Originaltitel des Thrillers «Die perfekte Schwester» der amerikanischen Autorin Alafair Burke heisst. Ihre Schwester Nicky ist chaotisch, hatte Drogen- und Alkoholprobleme. Ihr Mann liess sich deswegen scheiden und erhielt das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn. Er zog mit ihm weg von Cleveland nach New York – wo er schon bald Nickys Schwester Chloe heiratete. Inzwischen nennt Ethan längst Chloe «Mom».

Aufgrund der Ermordung von Adam wird diese doch etwas pikante Familienkonstellation des New Yorker Promi-Paares publik. Dann wird der Teenager Ethan auch noch als Mörder seines Vaters vor Gericht gestellt. Der Skandal ist perfekt. Und der Prozess zeigt: Chloe, die sich für von Gewalt betroffene Frauen engagiert, hat früher selbst unter einem gewalttätigen Ehemann gelitten und die Beziehung trotzdem weitergeführt. Gleichzeitig bringt die gemeinsame Sorge um Ethan die beiden entfremdeten Schwestern – die leibliche Mutter Nicky und die Stiefmutter Chloe –, die den Prozess täglich mitverfolgen, einander wieder näher. Geschildert werden die Ereignisse aus der Sicht Chloes, die als Icherzählerin natürlich parteiisch berichtet.

Alafair Burke, nicht nur erfolgreiche Krimiautorin, sondern auch Rechtsprofessorin und ehemalige Staatsanwältin, mischt in der Geschichte geschickt Elemente von Psychothriller, Gerichtsdrama und «Whodunnit»-Krimi mit Feminismus light und Glamourszenenklatsch.

Die Beziehung zwischen den beiden ungleichen Schwestern ist nur eines der Themen dieses raffiniert geplotteten Buchs. Ein anderes sind rüdeste Beschimpfungen und Drohungen in den sozialen Medien, denen Chloe ausgesetzt ist, schon bevor ihre Fassade einstürzt. Sie hoffe, schreibt Alafair Burke in einer Anmerkung, dass der Roman «zum Nachdenken über die häufig geschlechtsspezifische Natur von Drohungen anregt sowie über Missbrauch und Gewalt in unserer Kultur». Das sind hehre Ziele – daneben bietet der Thriller zumindest spannende und intelligente Unterhaltung. Mit einer überraschenden Lösung des verzwickten Mordfalls.

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★☆
  • Spannung: ★★★★☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamtwertung: ★★★★☆

Die Autorin

Die Rechtsprofessorin und ehemalige Staatsanwältin kämpft mit ihren Krimis dafür, dass Frauen nicht geschlechtsspezifisch bedroht und misshandelt werden.
Die Rechtsprofessorin und ehemalige Staatsanwältin kämpft mit ihren Krimis dafür, dass Frauen nicht geschlechtsspezifisch bedroht und misshandelt werden.
Foto: Deborah Copaken/PD

Alafair Burke ist 1969 in Fort Lauderdale im US-Bundestaat Florida geboren, aufgewachsen ist sie grösstenteils in Wichita, Kansas. Dort war ihre Mutter, Pearl Pai Chu, Schulbibliothekarin und ihr Vater, der später als Krimiautor berühmt gewordene James Lee Burke, Englischlehrer.

Alafair Burke studierte zunächst Psychologie am Reed College in Portland, Oregon, danach Rechtswissenschaften an der renommierten Stanford Law School im kalifornischen Palo Alto, wo sie als eine der Besten ihres Jahrgangs abschloss. Sie war danach juristische Mitarbeiterin an einem Berufungsgericht, bevor sie Bezirksstaatsanwältin in Portland, Oregon, wurde. Dort spielen auch ihre drei ersten Kriminalromane mit Bezirksstaatsanwältin Samantha Kincaid, die ab 2003 erschienen.

2007 begann sie eine Serie mit Ellie Hatcher, Detektivin bei der Polizei in New York; zwei dieser fünf Romane sind auch auf Deutsch erschienen. In den letzten Jahren war Burke zudem Co-Autorin von fünf Krimis der berühmten «Queen of Suspense» Mary Higgins Clark, die im Januar dieses Jahres mit 92 Jahren verstorben ist.

Alafair Burke hat bisher 13 eigene Romane veröffentlicht. Zuletzt auf Deutsch erschienen ist «The Wife» (2019). Daneben ist sie Rechtsprofessorin an der Hofstra University School of Law in Hempstead auf Long Island bei New York. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann im New Yorker Stadtteil Manhattan.

Alafair Burke: «Die perfekte Schwester» (Original: «The Better Sister», HarperCollins, New York 2019). Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt. Aufbau Taschenbuch, Berlin 2020. 376 S., ca. 19 Fr.