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Vuelta-Sieger RoglicErst nach der bittersten Niederlage übertrifft er alle

Dass der Slowene das letzte grosse Rennen der Saison gewinnt, passt zur Radsaison 2020. Weil sie verrückt war – und Primoz Roglic eine der zentralen Figuren.

Ein Glas auf diese verrückte Saison: Roglic stösst mit seinen Teamkollegen auf den Vuelta-Sieg an.
Ein Glas auf diese verrückte Saison: Roglic stösst mit seinen Teamkollegen auf den Vuelta-Sieg an.
Foto: Getty Images

An diesem zweiten Novembersonntag erreicht das Peloton tatsächlich Madrid. Nach Radfahren ist den Profis so spät im Jahr gewöhnlich nicht mehr zumute. Im November treffen sie sich gerne zu Teambildungscamps, wo zwar sportliche Aktivitäten im Zentrum stehen – aber meist weit weg vom Zweirad.

Doch 2020 ist auch im Radsport anders – und doch nicht. Der kühne Plan, den die wichtigsten Rennorganisatoren und der Weltverband UCI während des europaweiten Lockdown im Frühling ausheckten, ist tatsächlich aufgegangen. Dass er das ist, lässt auch viele Beteiligte staunend zurück, der Tweet des Belgiers Thomas De Gendt steht stellvertretend dafür.

Tatsächlich gelang dem Radsport das Kunststück, unter diesen aussergewöhnlichen Umständen von August bis Anfang November eine fast normale Saison hineinzuquetschen. Von den ab August geplanten Rennen fielen nur Paris–Roubaix und das Amstel Gold Race der zweiten Corona-Welle zum Opfer. Die Massnahmen funktionierten sehr gut. Die Teams bewegten sich so strikt innerhalb ihrer Blasen, dass die Zahl der positiven Fälle fast schon unglaublich tief ausfiel.

Geradezu ein Beispiel von Resilienz

Und es passt zu dieser komprimierten Saison, dass das letzte Rennen von Primoz Roglic gewonnen wird, der sich damit zur Symbolfigur dieser Saison 2020 macht. Der Slowene hat die Dinge, die er in den vielen Rennwochen seit August erlebt hat, mit einer geradezu unglaublichen Resilienz hingenommen. Resilienz wird vom Duden als «psychische Widerstandskraft» definiert. Und etwas ausführlicher als die «Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen». Insofern ist es nur logisch, dass Roglic im Corona-Jahr, in dem die psychische Widerstandskraft von uns allen geprüft wird, sich mit dem Vuelta-Sieg auch zum sportlich herausragenden Fahrer der Saison macht.

Der 31-Jährige startet nach der Corona-Pause im August brillant: Er dominiert die Tour de l’Ain und auch am Critérium du Dauphiné, wo er nach einem Etappensieg aber aufgibt, wegen Schmerzen als Folge eines Sturzes. Er will ja nicht die Tour de France gefährden, sein Saisonziel. Zu dieser startet er als grosser Favorit, auf einer Stufe mit Titelverteidiger Egan Bernal. Nur fährt der nie auch nur ansatzweise auf dem Niveau vom Vorjahr. Roglic hingegen erfüllt die Erwartungen, dominiert zusammen mit seinem Team Jumbo-Visma die Tour fast nach Belieben. Nach neun Tagen übernimmt er die Gesamtführung und lässt in der Folge nie einen echten Zweifel zu, dass diese Tour mit dem ersten Sieg eines Slowenen überhaupt enden wird.

Das tut sie dann auch – aber nicht so, wie das Roglic und alle Zuschauer erwartet haben: Am Tag vor der Triumphfahrt nach Paris wird er im Zeitfahren von Landsmann Tadej Pogacar überflügelt. Roglic erreicht das Ziel in La Planche des Belles Filles als geschlagener Mann. Ein Häufchen Elend sitzt da im gelben Einteiler am Boden.

Ein gelbes Häufchen Elend: Im Ziel von La Planche des Belles Filles realisiert Roglic, dass er soeben die Tour de France verloren hat.
Ein gelbes Häufchen Elend: Im Ziel von La Planche des Belles Filles realisiert Roglic, dass er soeben die Tour de France verloren hat.
Foto: Getty Images

Später an der Pressekonferenz sagt er, auf seine weiteren Pläne angesprochen: «Im Moment habe ich keinen klaren Plan, da ist nichts in meinem Kopf.» Es würde niemanden überraschen, wenn er nach der Tour die Saison für beendet erklären würde. Längst nicht jeder Profisportler kommt von so einer Niederlage zurück. Roglic aber? Eine Woche nach der monumentalen Schlappe fährt er die Rad-WM, eines der härtesten Rennen des Jahres – und verpasst eine Medaille im Endspurt nur ganz knapp.

Nach 30 Renntagen in 2 Monaten noch die Vuelta

Auch so will er die Saison nicht abschliessen – Stichwort Resilienz. Wieder eine Woche später gewinnt er Lüttich–Bastogne–Lüttich – praktisch aus dem Nichts: Es ist seine erste Teilnahme an diesem Radmonument. Und so tritt er nach einer weiteren Woche Rennpause in Spanien zur Vuelta an. Diese Grand Tour hat er 2019 erstmals gewonnen. Aber hat er nun noch die Kraft dafür, nach 30 Renntagen in 2 Monaten?

Sieg aus dem Nichts: Roglic übersprintet in Lüttich den zu früh jubelnden Weltmeister Alaphilippe.
Sieg aus dem Nichts: Roglic übersprintet in Lüttich den zu früh jubelnden Weltmeister Alaphilippe.
Foto: Getty Images

Er hat: Roglic gewinnt vier Etappen – und doch wird es einmal mehr sehr, sehr knapp. Auf der letzten Bergetappe am Samstag kommt Richard Carapaz noch bis auf 25 Sekunden heran. Was letztlich die Differenz macht? Auch die vier Etappensiege: Jeder wurde mit zehn Bonifikationssekunden belohnt.

Eine Grand Tour dank Bonussekunden gewinnen: Gibt es doch gar nicht. Ausser eben 2020.

Der letzte Sieger der Radsaison 2020: Primoz Roglic lässt sich vor der Madrider Stadthalle feiern.
Der letzte Sieger der Radsaison 2020: Primoz Roglic lässt sich vor der Madrider Stadthalle feiern.
Foto: Getty Images
4 Kommentare
    Simon Thomet

    Gratulation für einen sehr schönen Artikel über einen aussergewöhnlichen Radfahrer und Menschen. Ich habe das Glück, Mit Primoz eine Freundschaft zu teilen und der Artikel fasst das Phänomen Roglic für mich sehr passend zusammen; mit dieser gelebten Resilienz ist er ist mir ein Vorbild in vielen Lebensbereichen!