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Streit zwischen Ankara und ParisErdogan beleidigt Macron – Frankreich zieht Botschafter ab

Nach einem verbalen Angriff des türkischen Präsidenten auf den französischen Staatschef hat Frankreich seinen Botschafter in Ankara zu Konsultationen zurückgerufen.

Zwist zwischen der Türkei und Frankreich: Emmanuel Macron wirbt für einen Islam, der «mit den Werten der Republik» vereinbar ist.
Zwist zwischen der Türkei und Frankreich: Emmanuel Macron wirbt für einen Islam, der «mit den Werten der Republik» vereinbar ist.
Foto: Ludovic Marin (Keystone/23. Oktober 2020)

Nach einem verbalen Angriff des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf den französischen Staatschef Emmanuel Macron hat Frankreich seinen Botschafter in Ankara abberufen. «Die Worte von Präsident Erdogan sind inakzeptabel», zitierte die französische Nachrichtenagentur AFP am Samstagabend die Begründung aus dem Élyséepalast. «Wir lassen uns nicht auf unnütze Auseinandersetzungen ein und akzeptieren keine Beleidigungen», hiess es demnach weiter. Man fordere den türkischen Präsidenten auf, den Kurs seiner gefährlichen Politik zu ändern.

Erdogan hatte zuvor am Samstag bei einem Kongress seiner Partei AKP in Kayseri in Zentralanatolien gegen «besorgniserregende Anzeichen einer wachsenden Islamfeindlichkeit in Europa» gewettert. Als Beispiel nannte er unter anderem Macron, der nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty vor gut einer Woche dem radikalen Islamismus in Frankreich den Kampf angesagt hatte. Paty war von einem 18-Jährigen mit russisch-tschetschenischen Wurzeln getötet worden, nachdem er im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte.

Der Élysée merkte dem Bericht zufolge an, dass nach der Ermordung Patys keine «Botschaft des Beileids und der Unterstützung» vonseiten Erdogans erfolgt sei. Macron wirbt für einen Islam, der «mit den Werten der Republik» vereinbar ist. Die strikte Trennung von Staat und Kirche gilt als ein Grundprinzip der französischen Verfassung.

Macron gehöre in psychologische Behandlung

«Was für ein Problem hat diese Person namens Macron mit dem Islam und Muslimen?", fragte Erdogan bei der Veranstaltung am Samstag. Macron gehöre in psychologische Behandlung, fügte der türkische Präsident hinzu. Sein französischer Amtskollege verstehe die Glaubensfreiheit nicht.

Bei derselben Veranstaltung hatte sich Erdogan auch kritisch zu einer Polizeirazzia in einer Berliner Moschee geäussert. Am Mittwoch hatten etwa 150 Polizisten in der deutschen Hauptstadt mehrere Firmen und eine Moschee wegen des Verdachts auf Corona-Subventionsbetrug durchsucht. Erdogan hatte den Vorgang zuvor auf Twitter als rassistisch und islamfeindlich bezeichnet.

Verbalattacken Erdogans gegen Macron sind nicht unbedingt neu. Im vergangenen November hatte der türkische Präsident bereits die psychische Gesundheit des Franzosen in Frage gestellt. Damals hatte Macron dem Verteidigungsbündnis Nato den «Hirntod» attestiert. Erdogan sagte anschliessend, Macron solle besser seinen eigenen Hirntod untersuchen lassen.

Lange Liste von Streitigkeiten

Beleidigungen und Provokationen von Erdogan habe es im Laufe des Sommers fast jede Woche gegeben, zitierte AFP den Élyséepalast. Diesmal gehe es aber auch um «den Kontext».

Die Liste der aktuellen Streitpunkte zwischen Paris und Ankara ist lang: Unter anderem hatte Macron im Seegebietsstreit zwischen den EU-Ländern Griechenland und Zypern auf der einen Seite und der Türkei auf der anderen zur symbolischen Unterstützung Griechenlands zusätzliche Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer geschickt und sich offen für zusätzliche Türkei-Sanktionen gezeigt. Frankreich hatte ausserdem die Einmischung der Türkei in den Konflikt in Berg-Karabach scharf kritisiert. Aserbaidschan kann sich in dem Konflikt mit Armenien um die seit Jahrzehnten zwischen beiden Ländern umstrittene Südkaukasusregion auf seinen «Bruderstaat» Türkei berufen.

SDA/red

88 Kommentare
    Ursula Schüpbach

    „Erdogan hatte zuvor am Samstag bei einem Kongress seiner Partei AKP in Kayseri in Zentralanatolien gegen «besorgniserregende Anzeichen einer wachsenden Islamfeindlichkeit in Europa» gewettert.“

    Erdogan ist halt nicht in der Lage dazu, vermittelnd einzugreifen. Man kann derb wirkende Zeichnungen z.B. von „Charlie Hebdo“ auch einfach doof finden, deshalb muss man bestimmt nicht jemanden ermorden. Diese Zeichner haben auch immer wieder die kath. Kirche und ihre Mythen auf die Schippe genommen. Kann mir nicht vorstellen, dass das der Vatikanstaat unbedingt lustig fand. Als sie nach dem Attentat in Frankreich von sehr rechten Pegida-Geistern in Deutschland vereinnahmt wurden, setzte es auch dazu Zeichnungen ab, die auf die Ähnlichkeit von Islamisten und Rechtsextremen, Neonazis etc. zielten bzgl. Radikalität. Und eine eher hohle Böhmermann-Provokation wurde von Erdogan ja auch zum Staats-Drama hochstilisiert. Der hat ja keine Ahnung davon, was da oft so zu „Merkel“ zirkuliert, auch im Netz. Als Bundeskanzler hätte Erdogan womöglich schier jede Minute einen Tobsuchtsanfall.