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Alt-Bundesrat René Felber ist totEr wollte die Schweiz in die EU führen

1991 verkündete René Felber als erster Bundesrat, die Schweiz solle der Europäischen Gemeinschaft beitreten. Nun ist der Neuenburger 87-jährig gestorben. Ein Nachruf.

Alt-Bundesrat René Felber im Juni 2016 in Neuenburg.
Alt-Bundesrat René Felber im Juni 2016 in Neuenburg.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Der Tod René Felbers ruft bewegende Momente in der jüngeren Geschichte Europas in Erinnerung. Der Neuenburger Sozialdemokrat stand dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheit (EDA) vor, als im November 1989 die Berliner Mauer fiel und das «geteilte Deutschland» sich im Juli 1990 wieder vereinigte. In der Amtszeit von Aussenminister Felber, die von Januar 1988 bis März 1993 dauerte, löste sich die Sowjetunion auf. Dagegen strotze die Europäische Gemeinschaft (EG) mit damals zwölf Mitgliedstaaten vor Anziehungskraft auf die anderen Staaten im Westen und im Osten des Alten Kontinents.

Nach der Wende von 1989 herrschte in Europa Aufbruchstimmung. Sie zwang den Bundesrat, die Stellung der Schweiz im sich rasch ändernden europäischen Umfeld zu überdenken. Felber hatte im Gegensatz zu seinem Vorgänger an der Spitze des EDA und Neuenburger Parteigenossen, Pierre Aubert, die grosse Bedeutung der europäischen Integration früh erkannt. Er war überzeugt, die Schweiz müsse sich nicht nur am Binnenmarkt seiner wichtigsten Handelspartner beteiligen, sondern als Mitglied der EG auch Europas Zukunft mitgestalten.

Mängel des EWR erkannt

Anfänglich hatte der Bundesrat gehofft, die Schweiz erhalte durch das Abkommen über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) genügend Einflussmöglichkeiten auf die Brüsseler Steuerungszentrale der EU, die damals noch Europäische Gemeinschaft hiess. Das traf aber nicht zu. Als in der Nacht auf 22. Oktober 1991 in Luxemburg das Ergebnis der zähen Verhandlungen zwischen den Partnerstaaten der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und der EG über den EWR feststand, verkündete Felber als erster Bundesrat: «Die Vollmitgliedschaft in der EG ist nicht mehr eine Option, sondern das Ziel der schweizerischen Integrationspolitik.» Der Aussenminister wurde dabei vom freisinnigen Wirtschaftsminister Jean-Pascal Delamuraz sekundiert, der den EWR als «ideale Vorbereitungsplattform für eine schweizerische EG-Mitgliedschaft» bezeichnete.

Bundesrat René Felber bei einem Interview, aufgenommen im November 1989.
Bundesrat René Felber bei einem Interview, aufgenommen im November 1989.
Foto: Keystone

Die beiden als «Euroturbos» verschrienen welschen Bundesräte prellten mit der neuen Standortbestimmung aber nicht vor. Ein an den Verhandlungen Beteiligter bezeugt, dass der EWR wegen der mangelnden Mitbestimmungsmöglichkeit für eine Mehrheit des Bundesrates «als permanente und längerfristige Grundlage für die Beziehungen zwischen der Schweiz und der EG nicht in Frage kam». Im Mai 1992 drängte Bundespräsident Felber auf einen Entscheid, der EG das Beitrittsgesuch einzureichen. Mit vier zu drei Stimmen folgte ihm der Bundesrat auf diesem Weg, den das Volk jedoch sechs Monate später durch sein knappes Nein zum EWR-Vertrag verbaute.

Die Sicht des Neuenburgers auf Europa war auch durch seine Erfahrungen aus dem Leben an der Landesgrenze geprägt.

Felber schmerzte diese Niederlage. Denn er war überzeugt, dass die Schweiz eine aktive Rolle im grossen europäischen Einigungswerk spielen musste. Und er war kein Politiker, der seine Überzeugungen wie Hemden wechselt.

Die Sicht des Neuenburgers auf Europa war auch durch seine Erfahrungen aus dem Leben an der Landesgrenze geprägt. Felber, der mit 31 Jahren den Beruf des Lehrers mit dem des Politikers vertauschte, hatte 16 Jahre die Exekutive des Uhrenstädtchens Le Locle an der Grenze zu Frankreich präsidiert. Weitere sechs Jahre hatte er als Neuenburger Staatsrat in jenem Grenzkanton regiert, dessen Bevölkerung sich in Abstimmungen häufig am EU-freundlichsten zeigte.

Hang zum Einzelgänger

Der Neuenburger Sozialdemokrat sass zwar von 1967 bis 1981 im Nationalrat und führte 1980 die Bundeshausfraktion in einer spannungsgeladenen Zeit souverän. Er fühlte sich aber in der Rolle des Exekutivpolitikers wohler als auf einem Parlamentariersessel. Im Bundesrat verstand er sich der Linke Felber sehr gut mit dem anderen Romand, dem Bürgerlichen Delamuraz, obschon – oder vielleicht gerade weil ihr politisches Temperament nicht unterschiedlicher hätten sein können. Delamuraz war gesellig, wollte geliebt werden und liebte den grossen Auftritt. Felber dagegen neigte zum Einzelgänger, tauschte sich in seinem Departement mit einem kleinen Kreis von Vertrauten aus und bearbeitete die wichtigen Dossiers möglichst diskret.

René Felber verlässt nach seiner Wahl zum Bundesrat am 9. Dezember 1987 in Begleitung seiner Frau Luce das Bundeshaus in Bern.
René Felber verlässt nach seiner Wahl zum Bundesrat am 9. Dezember 1987 in Begleitung seiner Frau Luce das Bundeshaus in Bern.
Foto: Keystone

Der Bundesrat mit dem markanten Schnauz und den melancholischen Augen war kein Liebling der Medien. Felber war wenig zugänglich, gab oft mürrisch Auskunft. 1992, im Jahr der grossen europapolitischen Weichenstellungen in der Schweiz, schwächte eine Krebsoperation den Aussenminister. Die Folgen dieser Krankheit zwangen Felber, Anfang 1993 den Rücktritt aus dem Bundesrat zu erklären. Am 18. Oktober 2020 ist er im Alter von 87 Jahren verstorben. Florence Nater, die Präsidentin der SP Neuenburg, bestätigte am Sonntagabend eine entsprechende Information des Online-Portals Arcinfo.

103 Kommentare
    Peter Geissmann

    2 Generationen des vergangenen Jahrhundert, - Politiker, Funktionäre, Schwärmer, grosse und kleine Leute - leuchten als flammende Visionäre eines vereinigten Europas bis in unsere Tage hinein. Heute ist diese einstmals grosse Vision schlapp und abgewirtschaftet. Zentralismus, Diktat, die Rolle des schwachen Trabanten der USA und NATO, Währungs- und geopolitisches Versagen, die Unfähigkeit das interne Nord/ Süd Gefälle in den Griff zu bekommen..... usw. usf., haben die Vision Europa für die Schweiz in blaue Luft aufgelöst. Eigenverantwortung ist das Losungswort von heute - Eigenverantwortung in Sachen Corona wie auch in Sachen Europa. Eigenverantwortung wird uns in die Wiege gelegt, - als unumstössliches Muss. Wer dieses Muss nicht begriffen hat, wird vom Leben bestraft. Eigenverantwortung und Gemeinschaftssinn betrachte ich als die Grundfesten der Schweiz. Der jahrzehntelange Blick nach Brüssel hat uns reifen lassen. Dieser Weg war unvermeidlich, wie auch die Vision von Herr BR Felber.