Zum Hauptinhalt springen

Abstimmungskampagne mit Fake News?Er wird weiter geschossen – so oder so

Für den Feldhasen ändert sich mit dem neuen Jagdgesetz nichts. Trotzdem nutzen ihn die Umweltverbände für ihre Kampagne. Dies sei unlauter, kritisieren bürgerliche Politiker.

Der Feldhase gehört zu den bedrohten Tierarten. Letztes Jahr wurden hierzulande 1669 Feldhasen geschossen.
Der Feldhase gehört zu den bedrohten Tierarten. Letztes Jahr wurden hierzulande 1669 Feldhasen geschossen.
Foto: Stefan Gerth (Keystone) 

Das Visier ist auf den Feldhasen gerichtet. «Töten statt schützen?», steht darüber geschrieben. Mit diesem Sujet trommeln Naturschützer gegen das revidierte Jagdgesetz, das am 27. September an die Urne kommt. Im Lager der Befürworter, dem die bürgerlichen Parteien angehören, ist man empört: Die Gegner würden suggerieren, der Feldhase sei direkt von der Gesetzesänderung betroffen; dabei ändere sich nichts für ihn. Der Walliser Nationalrat Franz Ruppen (SVP) sagt: «Ich halte diese Art von Werbung nicht für lauter.» Bei den Gegnern ortet der SVP-Politiker einen «Argumentationsnotstand».

In der Tat bleibt alles beim Alten. Der Feldhase, dessen Bestände in den letzten Jahrzehnten stark geschrumpft sind, ist heute schon jagdbar und wird es bleiben, unabhängig vom Volksverdikt. Die Naturschützer bestreiten dies nicht. Sie wehren sich aber gegen den Vorwurf der Täuschung. «Wir zeigen mit unserer Kampagne auf, dass das revidierte Gesetz nicht zeitgemäss ist», sagt Jonas Schmid vom WWF Schweiz. Es handle sich um eine verpasste Chance, weil diverse Tiere, darunter auch der Feldhase, nicht unter Schutz gestellt worden seien.

«Politische Lügen»

Der Abstimmungskampf hat in den letzten Tagen an Fahrt aufgenommen. Ständerat Beat Rieder (CVP) zum Beispiel spricht von einer der «grössten politischen Lügen», die ihm je zu Ohren gekommen sei. In Rage bringt Befürworter wie ihn die Aussage der Umweltverbände, wonach das neue Gesetz den Artenschutz schwäche. Das Gegenteil sei der Fall, entgegnen sie und verweisen auf eine Reihe von Neuerungen: So müssen die Kantone die Jagd künftig explizit nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit planen.

Für die Waldschnepfe wird die Schonzeit um einen Monat verlängert, zwölf Wildentenarten sind gar nicht mehr jagdbar. Zudem unterstützt der Bund die Kantone finanziell dabei, Lebensräume von Wildtieren und Vögeln aufzuwerten. All dies seien langjährige Forderungen der Umweltverbände, die mit dem Referendum nun gefährdet würden, sagen bürgerliche Politiker.

Mehr Artenschutz? Eine «Mogelpackung» sei dies, sagt WWF-Experte Schmid. Was er meint, zeigt ein Blick zurück auf die Entstehung der Gesetzesrevision. Parlamentarier wie Beat Jans (SP), Isabelle Chevalley (GLP) oder Nik Gugger (EVP) stellten während der Beratung Anträge, die potenziell gefährdeten Arten Schneehuhn und Birkhahn sowie die bedrohten Arten Waldschnepfe und Feldhase unter Schutz zu stellen.

«Unzeitgemässe Jagd»

Die jüngst publizierte eidgenössische Jagdstatistik 2019 weist mehr als 4100 Abschüsse für diese vier Tierarten auf: 1669 Feldhasen, 247 Schneehühner, 383 Birkhähne sowie 1819 Waldschnepfen. Dies bei vergleichsweise kleinen Beständen in der Schweiz. Am grössten sind sie noch beim Schneehuhn mit geschätzten 12’000 bis 18’000 Tieren. «Mit dem revidierten Jagdgesetz wird diese unzeitgemässe Jagd über Jahrzehnte hinaus verlängert», sagt Werner Müller, Geschäftsführer des Verbands Birdlife Schweiz.

Allerdings werden diese Tiere längst nicht in allen Kantonen bejagt, sei es, weil sie schlicht nicht überall vorkommen – oder aber, weil ihr Bestand zu gering ist. Im Kanton Luzern etwa ist die Feldhasenpopulation rückläufig, nun gilt für das Jagdjahr 2019/2020 ein Abschussmoratorium.

»Wir würden einen Verzicht auf die Jagd auf Schneehuhn und Birkhahn begrüssen.»

Simonetta Sommaruga, Umweltministerin

Die Anträge scheiterten allesamt. Die bürgerliche Mehrheit wollte davon nichts wissen – auch jene Politiker nicht, die nun versichern, das neue Gesetz bringe einen Gewinn für den Artenschutz. Exemplarisch zeigt sich die «Mogelpackung» nach Ansicht der Umweltverbände bei den Wildentenarten. Zwölf davon sind mit dem Gesetz neu nicht mehr jagdbar. Allerdings werden diese heute schon kaum geschossen, 108 waren es letztes Jahr. Dem gegenüber stehen mehr als 4700 getötete Stock-, Krick- und ReiherentenArten, die auch weiterhin jagdbar sind.

Vergeblich hatte Umweltministerin Simonetta Sommaruga das Parlament um einen stärkeren Artenschutz ersucht, namentlich beim Schneehuhn und bei Birkhahn. Bei beiden Arten mahnte die SP-Magistratin 2019, «gibt es Hinweise, dass die Jagd einen negativen Einfluss auf die Bestandsentwicklung haben kann». Hinzu komme der Klimawandel, der insbesondere das Schneehuhn, das in der alpinen Zone lebe, und dessen Lebensraum unter Druck setze. «Einen Verzicht auf die Jagd auf diese beiden Berghühnervögel würden wir deshalb begrüssen.» Heute verteidigt Sommaruga das Gesetzals einen «klassischen schweizerischen Mittelweg».