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Rassismus im FussballEr schrieb «Gracias, negrito» – dann kam der Shitstorm

Dem uruguayischen Stürmer Edinson Cavani droht eine Spielsperre wegen Rassismus. Er habe es nur nett gemeint, behauptet er. Eine ehrwürdige Institution verteidigt den Angeschuldigten.

Er steht inmitten des Sturms: Der Fussballer Edinson Cavani beim Aufwärmen vor dem Spiel gegen Southampton am 29. November.
Er steht inmitten des Sturms: Der Fussballer Edinson Cavani beim Aufwärmen vor dem Spiel gegen Southampton am 29. November.
Foto: Pool via Reuters

Er hatte überragend gespielt, einmal mehr. Im Match gegen Southampton nach der Pause eingewechselt, bereitete der uruguayische Stürmer Edinson Cavani für sein Team Manchester United zunächst den Anschlusstreffer vor. Dann schoss er zwei Kopfballtore zum 3:2-Sieg. Das war am 29. November. Seither hat der 33-Jährige Ärger.

Auf Instagram gratulierte ihm ein Freund zur grossen Leistung, worauf Cavani mit zwei Worten reagierte: «Gracias, negrito.» Wörtlich heisst das: «Danke, Negerchen.» Oder: «Danke, kleiner Schwarzer.» Die mediale Empörung, die über den Fussballer hereinbrach, war gewaltig. Wieder ein klarer Fall von Rassismus, hiess es. Völlig inakzeptabel. Wann ist endlich Schluss mit diesen widerwärtigen Entgleisungen von Fussballern und Fans?

Keine Gnade für Rassisten

Da es in Grossbritannien in jüngster Zeit mehrere solche Vorfälle gab, hatte der englische Fussballverband schon zuvor angekündigt, unerbittlich gegen Rassismus auf und neben dem Spielfeld vorzugehen. Gegen Cavani leitete er ein Verfahren ein. Bei einem Schuldspruch drohen dem Uruguayer mindestens drei Spielsperren. Dass er den Eintrag auf Instagram schon nach wenigen Stunden löschte und sich entschuldigte, dürfte ihm wenig nützen.

Nun hat sich eine altehrwürdige Institution eingeschaltet, um Cavani zu verteidigen: Die «Academia Argentina de Letras», die argentinische Sprachakademie. Gegründet wurde sie 1931, und in ihren Statuten steht, Spanisch habe in Argentinien (und in Uruguay) Besonderheiten entwickelt, die es wert seien, von Spezialisten studiert zu werden.

Die wichtigsten Merkmale des argentinisch-uruguayischen Spanisch sind eine unverkennbare Satzmelodie, häufige Sch-Laute, grammatikalische Eigenheiten, insbesondere bei Pronomen und Verbkonjugation, sowie ein charakteristischer Wortschatz. Der international bekannteste, geradezu klischeehafte Argentinismus – gewissermassen das argentinische Grüezi – ist «boludo». Das bedeutet «Dummkopf» oder «Idiot», wird aber mittlerweile auch als locker-freundschaftliche Anrede verwendet.

Der mit Hoden Versehene

Abgeleitet ist es von «bola», die Kugel oder der Ball, und dies wiederum ist laut den meisten Linguisten eine Anspielung auf die Hoden. «Boludo» heisst also wörtlich «der mit Hoden Versehene». Mit der grössten Selbstverständlichkeit verwendet man in Argentinien und Uruguay auch die weibliche Form «boluda».

Dass der englische Fussballverband mit einer Sprachvariante, die derart seltsame Blüten treibt, überfordert ist – wen kann das verwundern?

Zum Fall Cavani sagt die argentinische Sprachakademie unmissverständlich: «Negro» sei im argentinisch-uruguayischen Spanisch in diesem Kontext keine rassistische Beleidigung, sondern im Gegenteil eine liebevolle Bezeichnung, die man unabhängig von der Hautfarbe des Angesprochenen verwende. Durch den Gebrauch der Verkleinerungsform negrito») werde dies noch gesteigert.

Der Vizepräsident der argentinischen Sprachforscher, José Luis Moure, schreibt sogar: «Wir bitten darum, dass man sich beim Betroffenen entschuldigt, weil sein guter Name ohne triftigen Grund beschmutzt wurde.»

«Rassistisch ist nicht Cavani, sondern die Anklage des englischen Verbandes.»

Andreas Beck Holm, dänischer Professor

Andreas Beck Holm, dänischer Professor für politische Philosophie, geht noch entschieden weiter: Rassistisch sei nicht Cavanis «Gracias, negrito», sondern die vom englischen Fussballverband eingeleitete Untersuchung. «Sie beruht auf kulturellem Rassismus und Ethnozentrismus», schreibt der Däne in einem Sportmagazin.

Etwas anders sieht es Gary Neville, der früher für Manchester United spielte und heute im Fernsehen als Fussballexperte auftritt. Er forderte, zur Vermeidung solcher Missverständnisse sollten ausländische Spieler vor ihrem ersten Einsatz in der englischen Liga ein «kulturelles Training» absolvieren.

Und was sagt Edinson Cavani? Trotz seiner Entschuldigung betont auch er, dass «negrito» in seiner Sprache etwas ganz anderes bedeute. «Das Allerletzte, was ich beabsichtigte, war, jemanden zu beleidigen.» Er werde sich aber dem Verdikt des Fussballverbandes beugen. Dessen Urteil fällt am 5. Januar. Bei einem Schuldspruch dürfen die Funktionäre damit rechnen, in südamerikanischen Internetforen ausgiebig als «boludos», Idioten, bezeichnet zu werden.

40 Kommentare
    ralfkannenberg

    Den zahlreichen Kommentaren ist leider zu entnehmen, dass Rassismus hier in der Schweiz - zumindest unter den Personen, die sich zu Wort melden - noch weit verbreitet ist. Hat man sich früher deswegen geschämt und seine Ideologie nur in kleiner Runde Gleichgesonnerer kundgetan, so ist man inzwischen frech geworden und versucht, den Rassismus wieder salonfähig zu machen. Hauptstrategie ist dabei die Behauptung, dass doch gar kein Rassismus vorläge und damit eine "Diskussion" anzuregen, bei der die Rassisten eine willkommene Plattform erhalten.

    Die besonders hartgesottenen Rassisten gehen sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnen diejenigen, die auf den Rassismus hinweisen, als "Rassisten". Der Mensch hat aus der Vergangenheit entweder nichts gelernt oder er verfolgt wieder das Ziel, "Andere" so wie das in den vergangenen 100 Jahren im deutschsprachigen Raum schon einmal systematisch passiert ist, auszugrenzen.