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Schweizer Literatur Er bietet den Dämonen die Stirn

Der französisch-schweizerische Autor und Zeichner Frédéric Pajak ist keiner, der sich schont. Jetzt wird er mit dem Grand Prix Literatur 2021 ausgezeichnet.

Sieht sich als «Überlebenden einer behaglichen Welt»: Der preisgekrönte Autor Frédéric Pajak.
Sieht sich als «Überlebenden einer behaglichen Welt»: Der preisgekrönte Autor Frédéric Pajak.
Foto: Louise Oligny

Frédéric wer? Viele werden Frédéric Pajak erst googeln müssen, um dann auf einen Künstler zu stossen, der zwar bescheiden ist in seinem Auftreten, aber drängend in seiner Arbeit zwischen Schreiben und Zeichnen.

Der 65-Jährige lebt in Arles und hat 2020 sein monumentales Epos «Ungewisses Manifest» vollendet. «Ich habe ein Buch realisieren wollen, das sich unablässig fortsetzt und nie endet», sagte Pajak noch 2017 in einem Gespräch und beendete das Magnumwerk dann doch drei Jahre später. Neun Bände, von denen fünf auf Deutsch übersetzt sind. Mehrere Tausend Seiten und Bilder.

Warum war Van Gogh getrieben?

In den Büchern porträtiert er grosse Dichterinnen und Dichter, holt vergessen geratene Maler aus der Versenkung und spürt den Ideen wichtiger Denker nach. Wie viele Persönlichkeiten vereinten sich in Fernando Pessoa? Wie unglücklich war Walter Benjamin wirklich, und wovon war Vincent van Gogh derart getrieben? Mit nüchterner Sprache erzählt er beispielsweise die Begebenheiten im Leben von Walter Benjamin; die Zeichnungen mit Tusche sind ganz unheimlich, und beides zusammen erzeugt die Wirkung, dass man Benjamins Blick einnimmt.

Alle Texte und Bilder von Frédéric Pajak werden getragen von einem melancholischen Sound in allen möglichen Formen und Farben. Den Dämonen der anderen tritt der Autor und Zeichner mit seinem eigenen Unbehagen gegenüber. Die persönliche Ungewissheit ist bei Pajak Programm. Der Künstler spricht in Interviews von sich als «Überlebender einer behaglichen Welt», der «mit armseligen Ideen und falschen Gefühlen aufgewachsen ist». Das klingt ganz schön düster und beklemmend, aber umso feinsinniger spürt er seine berühmten Figuren in den Büchern des «Ungewissen Manifests» auf, und dann wird es plötzlich hell trotz dunkler Tinte.

Vielleicht wird man in zwanzig Jahren sagen: «Was er gemacht hat, das war es!»

Pajak ist definitiv keiner, der sich schont. Vor zwanzig Jahren hat er den Westschweizer Literaturpreis Prix Michel Dentan für den Band «L'Immense Solitude» bekommen. Mit Kurzprosa und Zeichnungen zum Leben von Friedrich Nietzsche und Cesare Pavese baut Pajak eine Collage des Scheiterns. Verluste überall, zähe Trauer und den Selbstmord Paveses beschreibt Frédéric Pajak wortgewaltig und stellt dem Text Zeichnungen von Turin entgegen, der Stadt, in der Nietzsche und Pavese für kurze Momente alles ausgehalten haben.

Ein eigenes Genre

Pajaks Arbeit ist nicht nur konsequent autobiografisch, sondern auch ein ständiges Nachdenken über das Schreiben und Zeichnen an sich. Was Worte nicht einfangen, übernehmen die Zeichnungen und umgekehrt. Oder die Kunstformen stellen sich sogar gegenseitig infrage.

Was Pajak tut, wurde schon mehrfach als ganz eigenes Genre ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Schweizer Literaturpreis 2015 für den dritten Band seines «Ungewissen Manifests». Wie bietet man der Melancholie die Stirn? Frédéric Pajak beantwortet das vielleicht durch seine Kunstform. Sie ist frei, verheissungsvoll und durch und durch entschieden.

Der mit 40’000 Franken dotierte Grand Prix Literatur 2021 würdigt jetzt, beinahe retrospektiv, einen, über den man in zwanzig Jahren vielleicht sagen wird: «Was Pajak gemacht hat, das war es!»

4 Kommentare
    Ralf Schrader

    '...Pajaks Arbeit ist nicht nur konsequent autobiografisch'

    Entsetzlich, gegenständliche Kunst ist eigentlich keine Kunst. Ich will nicht lesen, was man auch erleben kann, was andere irgendwann erlebt haben, und sei es noch so selten. Für Gegenständliches, für Tagebuch- Bearbeitungen gibt es die Filmbranche. Da weiss man vorher, alle Filme taugen nichts, sind nur Zeitverschwendung, wenn man sich die dennoch anschaut.

    Literatur muss so abstrakt sein, dass filmische Darstellung sich im vorhinein ausschliesst. Kunst über Menschliches ist keine Kunst. Es ist derzeit leider anders, kein Wunder, sinkt das Niveau der Literatur so eindrücklich, dass man kaum noch Nobelpreis- würdiges findet und man bei allen Preisen überwiegend auf Zeit- bis Drittklassiges zurückgreifen muss.