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Knie-Premiere in BernEndlich wieder Zirkus-Spektakel

Am Freitag feierte der Circus Knie in Bern seine verspätete Premiere. Die Artisten und Komiker boten dem maskierten Publikum eine magisch-wagemutige Show.

Na also, geht doch: Nach einigem Probieren stimmt der Schriftzug, die Zirkussaison ist eröffnet.
Na also, geht doch: Nach einigem Probieren stimmt der Schriftzug, die Zirkussaison ist eröffnet.
Foto: Enrique Muñoz Garcia
Maskenpflicht im Zelt: Eine Zirkussaison unter speziellen Voraussetzungen.
Maskenpflicht im Zelt: Eine Zirkussaison unter speziellen Voraussetzungen.
Foto: Enrique Muñoz Garcia
Ursus und Nadeschkin ritten nicht nur auf Kartonrössern.
Ursus und Nadeschkin ritten nicht nur auf Kartonrössern.
Foto: Enrique Muñoz Garcia
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Die Show im Zirkuszelt beginnt mit einer Mikrofonpanne und einem Schreibfehler. Ursus und Nadeschkin – sie behalf sich mit einem Handmikrofon – brauchen ein neues Foto fürs Plakat. Darauf steht nämlich Eink anstatt Knie. Das Komiker-Duo reicht die Buchstaben ins Publikum, wo bereits der nächste Schreibfehler produziert wird. Als dann die Buchstaben richtig formiert sind, ist das neue Promofoto im Kasten.

Diese erste Nummer von Ursus und Nadeschkin, die heuer durchs Programm führen, war allerdings anders einstudiert. Die Buchstaben hätten durch die ganze Manege wandern sollen. Damit sich niemand mit dem Coronavirus ansteckt, änderte das Komikerduo den Ablauf so ab, dass die Buchstaben zu einer einzigen Person gehen. Trotz allem war Ursus im Vorfeld überzeugt, dass die Nummer funktionieren wird. «Kinder finden es zum Schreien, wenn Erwachsene Schreibfehler machen.» Und er hat recht behalten.

Quelle: Keystone

Die Premiere nimmt mit einer heissen Feuerschau, Saltos und Motorengeknatter an Fahrt auf und läutet am Freitag die Tournee 2020 des Circus Knie mit einem halben Jahr Verspätung ein. Die Premiere wurde nicht in Rapperswil SG gefeiert, wo der Zirkus zu Hause ist, sondern in Bern auf der Grossen Allmend. Anstatt an 36 Spielorten ihr Chapiteau aufzubauen, zieht die Knie-Familie dieses Jahr nur zehnmal um. Die Westschweiz und das Tessin sind komplett gestrichen. Dafür läuft die Tour sechs Wochen länger als gewöhnlich bis Ende Jahr. An Silvesterabend wird die Show in Luzern zum letzten Mal aufgeführt.

Maskiertes Lachen und Klatschen mit Anlauf

Bis im März studierten die Knie-Artisten die Show ein. Die lateinamerikanischen Motorradfahrer übten Saltos, die Hochseiltänzer rannten über ihr Seil, die Dresseure trainierten die Pferde, und die Komiker erfanden Witze am Laufband. «Wir waren parat und wollten vors Publikum», sagt Nadeschkin rückblickend. Dann kam der Lockdown, sie musste ihren Sohn Sidney nicht nur wieder in der Schule anmelden, sondern sogar daheim unterrichten. «Alles war so traurig», sagt die 51-Jährige.

Die entscheidende Änderung ist die Grösse des Publikums: Anstatt 2100 Personen können noch 1000 einer Show beiwohnen, alle ab 12 Jahren mit Schutzmasken. Das Publikum wird in vier Sektoren aufgeteilt, und die Zuschauer vermischen sich weder in der Pause beim Getränkestand noch auf dem WC. Nach jeder Aufführung werden die Stühle desinfiziert. Jede zweite Sitzreihe ist gesperrt. «Aber die Gäste sind kulturell ausgehungert, und deshalb wird die Stimmung nicht darunter leiden», sagt der 50-jährige Ursus. Und Nadeschkin hat auch einen passenden Witz dazu: «Ihr habt jetzt doppelt so viel Platz, um fürs Klatschen auszuholen.»

Während 2019 ein Rekordjahr wurde, da der Zirkus sein 100-jähriges Bestehen feierte, dürfte dieses Jahr der Negativrekord registriert werden. Doch der Vorverkauf läuft laut der artistischen Leiterin Géraldine Knie gut. Wie es ab Oktober weitergeht, wenn wieder über 1000 Personen Kultur- und Sportveranstaltungen verfolgen dürfen, werde derzeit intern besprochen.

Keine halben Saltos, dafür eine Rennkuh

Das Knie-Erlebnis ist und bleibt spektakulär, pompös, tollkühn, elegant, wagemutig und schillernd. Für die Akrobaten und Artisten sei es einfacher, ohne Publikum zu proben, als für die Komiker. Die Witze leben von der Reaktion des Publikums. «Aber wir geben alles. Schliesslich macht man ja nicht einen halben Salto, sonst bricht man sich das Genick», sagt Ursus. Normal sei indes, nach den ersten Shows alles anzupassen, was nicht die gewünschte Reaktion hervorgerufen hat.

Und der Humor fehlt nicht: Ursus stakst in einem violett glänzenden Hosenanzug auf die Bühne, jongliert gekonnt mit Ringen, und um seine Knie dreht ein Hula-Hoop-Reifen. Seine Nummer wirdwie könnte es anders sein von Nadeschkin sabotiert. Sie erscheint mit einer Kuh, der Rennkuh Flash. Das Jonglieren verkommt zur Nebensache, denn Flash jagt Ursus quer durch die Manege. Der nimmt seine Beine unter die Arme und rennt, so schnell er kann, übers Sägemehl. Einer der Momente, die Gross und Klein das sonst omnipräsente Virus vergessen lässt.

Der Kitsch-Moment

Feuer frei: Nicht nur die Tänzerinnen heizen dem Publikum ein.
Feuer frei: Nicht nur die Tänzerinnen heizen dem Publikum ein.
Foto: Enrique Muñoz Garcia

Neu ist die in der Manege montierte bewegliche Bühne, die Wasser auffängt und sogar Feuer unbeschadet übersteht: Genau damit wird das Publikum auf die Show eingestimmt, riesige Feuersäulen schiessen in die Höhe, die Hitze ist nicht nur in der ersten Reihe spürbar. Beim Auftritt der Tänzerinnen und Tänzer erlebt man ein Wechselbad der Gefühle. Romantik, als der Paartanz im Höhepunkt gipfelt. Auch ein wenig Erotik, als der plötzlich einsetzende Regen die Tänzerin duscht.

Der Schreckmoment

Halsbrecherische Stunts: Ein Motorradfahrer fliegt durch das Zirkuszelt.
Halsbrecherische Stunts: Ein Motorradfahrer fliegt durch das Zirkuszelt.
Foto: Peter Schneider (Keystone)

Die Tour 2020 startet mit Motorradfahrern, die über eine Schanze mit unfassbaren Stunts und ohrenbetäubendem Motorenlärm quer durch die Manege fliegen. Das Spektakel wiederholt sich später im unumstrittenen Finale, in dem alle Fahrer in einer Metallkugel ihre Runden drehen. Man will sich die Augen zuhalten, sicher, dass es zum Unfall kommt, doch die tollkühne Frau und die todesmutigen Männer wissen genau, was sie tun.

Der Jöö-Moment

Früh übt sich: Die erst neunjährige Chanel Marie Knie mit ihrem Pony Angel.
Früh übt sich: Die erst neunjährige Chanel Marie Knie mit ihrem Pony Angel.
Foto: Peter Schneider (Keystone)

Chanel Marie Knie, die 9-jährige Tochter von Géraldine Knie, kommt mit ihrem Pony Angel in die Manege. Im Gegensatz zum Andalusier, den Vollblut-Arabern und den Friesländern, die später auftreten, weckt das kleine Geschöpf Beschützerinstinkte und Märchensehnsüchte. Spätestens als Chanel Marie Knie mit ihrem 19-jährigen Halbbruder Ivan Knie eine synchrone Nummer aufführt, ist es um jeden Menschen, der ein Herz hat, geschehen.

Der Überraschungsmoment

Sidney, der Sohn von Ulknudel Nadeschkin, und Raul, der Sohn der Knie-Physiotherapeutin, umrunden die Manege unter einem Regenschirm. Sie lenken davon ab, dass Ursus und Nadeschkin sich umziehen. Mit ihrem süssen Lächeln und dem tollpatschigen Versuch, einander zu kreuzen, haben sie das Publikum sofort in der Tasche. Als Raul dann die grosse Metallkugel allein in die Manege zieht, möchte man ihm unter die Arme greifen. Die Gestik des kleinen Showmans zeigt, dass er alles im Griff hat.

Der Gänsehautmoment

Keine Spur von Höhenangst: Eine wandernde Menschenpyramide auf dem Hochseil.
Keine Spur von Höhenangst: Eine wandernde Menschenpyramide auf dem Hochseil.
Foto: Enrique Muñoz Garcia

Die Hochseiltänzer, die zeitweise unauffindbar sind und von Ursus und Nadeschkin gekonnt ersetzt werden, balancieren nicht nur übers Seil, viel lieber tanzen und rennen sie. Sie bauen eine zweistöckige Menschenpyramide, bei der die untersten Männer auf dem Seil in schwindelerregender Höhe stehen, auf ihren Schultern ist ein weiteres Seil installiert. Darauf balancieren weitere Männer, und zuoberst stellt sich der letzte Artist auf die Stuhllehne. Immer wenn man denkt, das kann man nicht mehr toppen, setzen diese Hochseilkünstler im wahrsten Sinne einen obendrauf. Und das Kinn bleibt garantiert unten.

Der Retromoment

Vor 18 Jahren traten Ursus und Nadeschkin zum ersten und letzten Mal im Knie auf. Für die aktuelle Saison haben sie die Nummer mit den unkontrollierbaren Kartonrössli ausgegraben. Die Musik fängt passend an, den abrupten Wechsel zu Weihnachtsmusik goutiert das Komikerduo überhaupt nicht. Sie streiten sich in gewohnter Sturheit und lassen das Orchester einige Instrumente ausprobieren. Am Schluss haben sie dann doch einen Konsens. Wenn auch die Melodie für Géraldine Knie zu sehr in der Vergangenheit liegt, wird für die Kartonpferde-Nummer DIE Zirkusmusik schlechthin gespielt.