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Theater um LeihmütterEltern im embryonalen Ausnahmezustand

Das Geschäft mit der Leihmutterschaft ist zu einer internationalen Schattenindustrie geworden. Das Theater Freiburg beendet den Lockdown mit einer relevanten Recherche zum Thema «Global Belly».

Hier ist ein Wunschkind Vater des Gedanken: Szene aus der Dok-Performance «Global Belly» mit Atischeh Braun und Lukas Hupfeld.
Hier ist ein Wunschkind Vater des Gedanken: Szene aus der Dok-Performance «Global Belly» mit Atischeh Braun und Lukas Hupfeld.
Foto: Marc Doradzillo

Erster Ratschlag: Kommen Sie nicht zu knapp. Sie müssen noch Hände desinfizieren, Meldezettel ausfüllen, Einbahnwegesystem verstehen, immer brav Abstand halten. Und es schwitzt sich so schlecht unter der Atemschutzmaske, die ja in Deutschland Pflicht ist. Dieser Tipp gilt für werdende Theatergänger in pandemischen Zeiten.

Zweiter Ratschlag: Hören Sie aufmerksam zu. Sie müssen noch Hände in Unschuld waschen, Papierkram erledigen, Gesetzeslücken verstehen, immer brav die Agenten auszahlen. Und man kommt in Ländern wie Indien oder der Ukraine ziemlich ins Schwitzen, bis man mit Wunschbaby im Arm in den Flieger steigt. Der Tipp gilt für werdende Eltern in Zeiten der transnationalen Leihmutterindustrie.

Dieser graue Markt kennt auf den ersten Blick nur Win-win-Situationen – sowie Gesetzgeber, die das nicht wahrhaben und daher im allseitigen Einvernehmen betrogen werden wollen. Zuvorderst die Embryonenschützer im gesamten deutschsprachigen Raum. Von Risiken und Nebenwirkungen schweigen wir zunächst, das schont die Kundenseele, ist unter Marktführern üblich – und aufseiten der Tragemutter fehlt es ja keineswegs an klinischer und pharmakologischer Begleitung. Wir leben schliesslich nicht in der Steinzeit, sondern dürfen mit dem Titel der Artists in Residence am Theater Freiburg, der Dok-Theater-erfahrenen Kompanie Flinn Works, behaupten: Wir leben im, vom und aus dem «Global Belly». Konkret wie symbolisch gesprochen.

Niemand bleibt unbeteiligt

Flinn Works, das in Berlin und Kassel domizilierte Kollektiv um Sophia und Lisa Stepf, will in Freiburg drei Produktionen in ebenso vielen Spielzeiten zeigen. Zunächst eben eine um zwei Schauspieler aus dem Hausensemble bereicherte Adaption ihrer Leihmutterschaftsrecherche. Uraufführung von «Global Belly» war im Herbst 2017 in den Berliner Sophiensælen. Schon damals richtete sich das Format an einen intimen Zuschauerrahmen. Intendant Peter Carp hat also eine goldrichtige Verabredung getroffen, um das Schauspiel und sein Kleines Haus in der fragilen Post-Lockdown-Phase von Ende Juni wiederzubeleben. Und das mit gesellschaftlich relevantem Stoff in einer hochcharmanten Performance.

Flinn Works sprechen den Zuschauer zwar face-to-face an, umgehen jedoch ganz entspannt jedwede moralische Frontalunterrichtsfalle. Eingangs bezirzen die vier Performer ihr künftiges Wunschkind mit einem Lullaby. Das Banjo plingt allerdings blechern, und das Baby ist nur als Ultraschallflimmern auf einem Screen zugegen.

Dieser Screen steht wie ein technoider Hochaltar im Schnittpunkt der Sehnsuchtsgesänge. Das verleiht der Szene einen entlarvenden Touch. Ohne dass Verse wie «How long do you wanna be loved? Is forever enough?» ihre Dringlichkeit verlören.

In Vierergruppengesprächen wird das Publikum dann gewissermassen in vitro mit Stationen einer Surrogatschwangerschaft konfrontiert. Ich beispielsweise bin zunächst die werdende Mutter, also die mutmasslich unfruchtbare Kundin, und bekomme von einer ukrainischen Adoptionsvermittlungsbürokratin (Anja Schweitzer) zu spüren, dass meine Wenigkeit im laufenden Verfahren nichts zu melden habe.

Entscheidend für die Legalisierung ist der Mann, der die Vaterschaft anerkennt. Ich darf mir solange die Nerven an der Frage aufreiben, ob die Leihmutter das Baby am Ende wohl hergibt.

Zwillinge bedeuten doppelte Prämie

Dankbarer ist da die Rolle als schwuler Ehepartner von Lukas Hupfeld, der Mutter und Schwester über den Familienzuwachs informiert und sein Entzücken so wortreich, so glaubhaft zum Ausdruck bringt, dass ihm niemand gram sein könnte. Wirklich niemand? Nun ja. Der werdende Grossvater ist dem Gespräch vorsorglich ferngeblieben.

Mit wachsender Routine schlüpfe ich in weitere Rollen. Lasse mir in der Leihmüttergruppen-Sprechstunde von der verständigen Gynäkologin Atischeh Braun erläutern, dass mir eine von drei befruchteten Eizellen in meiner Gebärmutter wieder entfernt wird. Zu meiner eigenen Sicherheit. Ich trauere mehr ums entgangene Geld als um den Abortus. Atischeh Braun spendet Trost: eine doppelte Prämie sei ja auch nicht zu verachten.

Würden Sie dieser Frau Ihre Eizelle anvertrauen? Stefanie Mrachacz als professionelle kalifornische Leihmutter in «Global Belly».
Würden Sie dieser Frau Ihre Eizelle anvertrauen? Stefanie Mrachacz als professionelle kalifornische Leihmutter in «Global Belly».
Foto: Marc Doradzillo

Rasch die Perspektive gewechselt und als potenzieller Vater beim Erstkontakt in Kalifornien von der professionellen Freundlichkeit von Leihmutter Stefanie Mrachacz eingewickelt. Das soll Vertrauen einflössen. Tut es auch. Nur auf meine Frage, ob wir nicht schnell ein zweites Kind hinterherschieben könnten, will sich die Embryo-Austrägerin nicht festlegen …

Existenzielle Sehnsucht hier, nüchternes Business dort. Um diese Pole rotiert «Global Belly». Alles, was mit Bedenken gegen das Business zu tun haben könnte, soll sich das Publikum bitte schön selber denken. Das funktioniert. Gerade weil die Szenen rasch vorbei sind, sickern sie umso subtiler ins Bewusstsein ein.

Noch Tage später nagt das Gefühl an einem, vor lauter Smalltalk das Wichtigste nicht gefragt zu haben. So was auch schon mal erlebt?

Nächste Vorstellungen: 26. bis 28. Juni, Theater Freiburg (D), Kleines Haus.