Zum Hauptinhalt springen

Theater BaselEintritt für alle: Der neue Intendant krempelt das Theater um

Das Team um Intendant Benedikt von Peter will sich neue Spielräume und neue Publikumsgruppen erschliessen. Und baut das Foyer zum öffentlichen Ort aus – zugänglich auch dann, wenn keine Vorstellung ist.

Benedikt von Peter stellt zusammen mit seinem Team seine erste Spielzeit als Intendant am Theater Basel vor. Neben ihm Anja Dirks, geschäftsführende Dramaturgin und Teil der Viererspitze im Schauspiel.
Benedikt von Peter stellt zusammen mit seinem Team seine erste Spielzeit als Intendant am Theater Basel vor. Neben ihm Anja Dirks, geschäftsführende Dramaturgin und Teil der Viererspitze im Schauspiel.
Foto: Nicole Pont

Der Titel ist Programm: «Theater für alle» prangt in kapitalen Lettern auf dem Spielzeitheft, das die Pläne des neuen Basler Intendanten Benedikt von Peter und seiner Spartendirektionen zusammenfasst. Der Titel ist selbstredend auch eine alte Behauptung. Noch selten wollte ein Stadttheater im deutschsprachigen Raum keine Bühne für alle bieten. Wäre ja auch Quotenvernichtung der sinnlosen Art.

Benedikt von Peter wirkt bei seiner ersten Saisonpräsentation im Schauspielhaus Basel aber authentisch genug, um diesen Slogan, dieses «Wir sind für alle da» ernst zu nehmen. Die wichtigste Neuerung gegenüber der Ära Beck – und womöglich gegenüber allen Vorgängern, die den heutigen Theaterkomplex unterhalb der Elisabethenkirche bespielt haben – ist derzeit eine Baustelle: Das Foyer zur Grossen Bühne soll öffentlicher Stadtraum werden. Einen Namen gibt es auch: Foyer Public. Französisch ausgesprochen.

Statt also das Theater in die Stadt hinauszutragen – eine Strategie, die mithilfe von Stadtteilprojekten oder sogenannten «site-specific performances» fast schon im Mainstream angekommen ist –, geht Benedikt von Peters Team den umgekehrten Weg und will die Stadt unters Spannbetondach des Theaters holen. Das ist kein kleiner Anspruch. Wer das riesige Basler Foyer kennt, mit der tribünenbreiten Treppe, dem freien Blick über Etagen, den versteckten Nischen, sieht gleichwohl das Potenzial.

Von Peter schwebt «ein konsumfreier Raum» vor, täglich von 11 bis 18 Uhr jedem zugänglich (ausser montags, das versteht sich in Basel). WLAN für alle soll es haben. Eine Tanzfläche werde ausgelegt. Bücher- und Kinderecken werden eingerichtet. Café-Betrieb darf nicht fehlen. Und nebenbei zügelt die Billettkasse ins Foyer. Womit die «alte Billettkasse» neben dem Haupteingang frei wird als Spielort für eben jene «Nebenformate», die nach den Vorstellungen der vierköpfigen Schauspielleitung ab Herbst überall im Hause aufpoppen sollen. Vielleicht auch mal in der Kantine. Oder eben im Foyer.

Die Billettkasse wird zur Spielstätte umfunktioniert, Tickets gibt es künftig im benachbarten Foyer der Grossen Bühne zu kaufen.
Die Billettkasse wird zur Spielstätte umfunktioniert, Tickets gibt es künftig im benachbarten Foyer der Grossen Bühne zu kaufen.
Foto: Lucia Hunziker

Die feierliche Spielzeit-Eröffnung am 10. Oktober – am Tag nach der ersten Uraufführung im Schauspielhaus – ist denn auch so konzipiert, wie sich neue Hausbewohner ihren Nachbarn idealerweise vorstellen. Ein langer Tisch soll sich «ins Theater und wieder hinaus schlängeln», also über den Theaterplatz und mitten durch das Foyer. Ein «Picknick public» bei freiem Eintritt, Suppe und Brot. Das Ballett will durch die Stadt tanzen, die Reines Prochaines zum Tanztee bitten, am Abend dürfen Studierende der Musikhochschulen die Kleine Bühne «Im Flow der Apokalypse» besetzen. Für Auszubildende gelten neu Ticketpreise zwischen 10 und 20 Franken.

Corona? War einmal. Das muss man fürs Theater einfach hoffen. Geisterspiele sind für dieses klassischste aller Live-Medien schlicht keine Option. Und für den Moment stimmt ja das Timing: Von Peters Spielplankonferenz kommt kurz nach den neusten Lockerungsankündigungen des Bundesrats. Wobei Anja Dirks, geschäftsführende Dramaturgin im Schauspiel, betont, dass die Stücke im Spielplan keine direkte Antwort auf die Pandemie darstellen. Die Auswahl habe vor der Krise festgestanden.

Von Peters Plänen ist, soweit absehbar, zu attestieren, dass sie der Tat vertrauen, nicht nur grossen Worten.

Dass ein Theater, wie Benedikt von Peter sagt, eine «Passage in die Stadt» herstellen will, hören Kulturpolitiker und lokale Sponsoren natürlich immer gern. Die Frage ist, was man aus seinen Möglichkeiten macht. Von Peters Plänen ist, soweit absehbar, zu attestieren, dass sie der Tat vertrauen, nicht nur grossen Worten. Der Umbau im Foyer ist konkret. Er ist aufwendig (noch aufwendiger ist freilich die parallel laufende Sanierung der Grossen Bühne). Er ist radikal. Aber deshalb nicht gleich realitätsfern. An urbanen Räumen auf der Schnittstelle zwischen Arbeit und Freizeit herrscht in Basel kein Überangebot. Ein Tummelplatz für alle, generationenübergreifend und erst noch niederschwellig: Glückt dies nicht nur im Ansatz, wäre viel gewonnen für die Akzeptanz eines Theaters in seiner Stadt.

Der neue Basler Intendant, auch in dieser Hinsicht kein Traumtänzer, hat jedenfalls weder Mühe noch Einstiegshilfen gescheut. Neuerdings gibt es nicht mehr nur eines, sondern vier Spielplanhefte. Eines für Schulen, eines für Kinder und Jugendliche, eines auf Englisch, für die Basler Expats. Und natürlich eines «für alle», das übrigens ausdrücklich und wohltuend auf hochgestochenes Dramaturgendeutsch verzichtet.

In einer Zeit, in der «die» Gesellschaft unaufhaltsam in Gruppeninteressen zerfällt, ist mutiges Zugehen auf diese Gruppen sicher ratsam. Bleibt abzuwarten, wie die Stadt das neue «Theater für alle» annimmt. Der Intendant merkte vorsichtshalber an: «Alle – dieses Wort hat so seine Tücken.»

2 Kommentare
    M Sutter

    Schön wäre wenn die letzten verbliebenen Theatergänger vollumfänglich für ihr wertvolles Hobby selbst aufkämen.