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Weniger GrenzverkehrEinkaufstourismus ist eingebrochen

Baden-Württemberg hat für Schweizer, die nur zum Posten kommen, extra eine Ausnahme von den Quarantäneregeln eingeführt. Mit mässigem Erfolg.

Nur noch wenige Schweizer kaufen ennet der Grenze ein: Parkplatz vor einem Supermarkt in Jestetten.
Nur noch wenige Schweizer kaufen ennet der Grenze ein: Parkplatz vor einem Supermarkt in Jestetten.
Foto: Madeleine Schoder / Tamedia

Das Risiko einer Corona-Ansteckung ist in Einkaufspassagen und Supermärkten grenznaher deutscher Städte wohl bedeutend tiefer als in der Schweiz. Der Ausflug über die Grenz wäre für den Grossteil der potenziellen Schweizer Kundschaft weiterhin problemlos möglich, denn er bleibt erlaubt. Trotzdem ist der Einkaufstourismus in den letzten Wochen in einem Tempo eingebrochen, das an die Zeit des Lockdown und der Grenzschliessungen Mitte März erinnert.

Das zeigen Daten des Projekts Monitoring Consumption Switzerland der Universität St. Gallen (HSG). Die Wissenschaftler werten dafür Zahlungsdaten von Debitkarten aus – unter anderem danach, wie oft sie im Ausland eingesetzt werden. Das ist zwar nicht perfekt repräsentativ für den gesamten Einkaufstourismus, dürfte die Verschiebungen im Einkaufsverhalten aber doch gut nachzeichnen.

Gaben Schweizerinnen und Schweizer in der Woche vom 12. bis zum 19. Oktober noch 25 Millionen Franken mit Debitkarten in Deutschland aus, waren es in der Woche darauf nur noch 17 und eine später noch 15 Millionen Franken.

Die einfache Erklärung dafür ist schnell gefunden: Die Corona-Fallzahlen beidseits der Grenzen stiegen in jenen Wochen stark an. Diese Entwicklungen gingen mit einer generellen Verlangsamung des gesellschaftlichen Lebens einher, was auch innerhalb der Schweiz zu einer Abkühlung des Konsums führte.

Viele kennen Ausnahmeregelung nicht

Auf den zweiten Blick ist jedoch festzustellen, dass die behördlichen Anordnungen den meisten, die üblicherweise nach Deutschland zum Einkaufen fahren würden, dies weiterhin erlauben. Deutschland hat zwar die ganze Schweiz auf seine Risikoländerliste gesetzt. Doch bestehen zahlreiche Ausnahmen, unter anderem für den Einkaufstourismus im Bundesland Baden-Württemberg.

So ist die Einreise ohne Quarantäne für Schweizer aus den beiden Appenzell, St. Gallen, dem Thurgau, Schaffhausen, Zürich, dem Aargau, den beiden Basel, dem Jura und Solothurn weiter möglich, solange sie weniger als einen Tag im Land bleiben. Aus diesen Kantonen dürften die allermeisten Schweizer Einkaufstouristen in Deutschland stammen.

Warum sind die Zahlen trotzdem so stark eingebrochen? Für Matthias Fengler, Ökonometrie-Professor an der HSG und am Debitkartenprojekt beteiligt, gibt es mehrere Erklärungen. «Zuerst sehen wir auch innerhalb der Schweiz generell eine Reduktion von Mobilität», sagt er. «Genau wie deshalb der Konsum in den Schweizer Innenstädten zurückgeht, mag dies auch auf den Einkaufstourismus Auswirkungen haben.»

«An der Nachfrage aus der Schweiz hängen viele Existenzen, Arbeits- und Ausbildungsplätze.»

Claudius Marx, Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee

Eine weitere Erklärung ist für Fengler die Reduktion allgemeiner Freitzeitaktivitäten: «Schliesslich
ist ein Ausflug nach Deutschland weit mehr als nur ein normaler Supermarkteinkauf.» Und zuletzt sei es eine Informationsfrage. «Viele Menschen wissen wohl gar nicht von den Ausnahmeregelungen in Baden-Württemberg und haben nur die grosse Schlagzeile gelesen, dass die Schweiz in Deutschland neu als Risikoland gilt.»

Auch für die Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee, die Zehntausende Unternehmen zwischen Lörrach und Bodensee vertritt, ist vor allem die Informationslage problematisch. «Wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung unsicher ist, was nun gerade erlaubt ist und was nicht, kann auch eine überkomplexe Rechtslage faktisch wie eine Grenzschliessung wirken», sagt Geschäftsführer Claudius Marx. «Viele Schweizer sind unsicher, welche Regelungen nun gelten, und bleiben lieber zu Hause.» Dabei machten Schweizer die Hälfte der Kunden aus. «An der Nachfrage aus der Schweiz hängen deswegen viele Existenzen, Arbeits- und Ausbildungsplätze.»

88 Kommentare
    laura

    Wir kaufen auch nicht in der Schweiz. Wir müssen warten....!!! Deutschland könnte für 12 Stunden die Grenzregionen öffnen, das geht. Und keine Sonderregel für einige Kantone...!!