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Analyse zum Wert des LebensEine unerträgliche Debatte

In der Corona-Krise Jung gegen Alt auszuspielen, ist moralisch und wissenschaftlich unhaltbar. In allen Altersgruppen gibt es Gefährdete, von den Schutzmassnahmen profitieren alle.

Ein intubierter Patient im Corona-Spital La Carita in Locarno: Ältere Menschen erkranken öfter schwer – doch treffen kann es jeden.
Ein intubierter Patient im Corona-Spital La Carita in Locarno: Ältere Menschen erkranken öfter schwer – doch treffen kann es jeden.
Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

Nun ist sie wieder da, die Diskussion, die den Zusammenhalt der Gesellschaft zersetzt. Seit Wochen wird die Gesundheit der Alten und Schwachen gegen die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Jungen und Gesunden ausgespielt – nicht erst, seit Unternehmer Samih Sawiris in der «SonntagsZeitung» kritisierte, es gingen «Milliarden von Franken verloren, damit es einige Hundert Tote weniger gibt». So droht die Corona-Epidemie der Gesellschaft noch nachhaltiger zu schaden, als sie es ohnehin tut. Dabei ist die Debatte «Jung gegen Alt» und «Gesund gegen Krank» nicht nur aus moralischer, sondern auch aus wissenschaftlicher Sicht unerträglich.

Es ist schon so, dass die Jungen die enormen Kosten der Anti-Corona-Massnahmen noch lange zu tragen haben. Auch stimmt es, dass die Alten gesundheitlich besonders gefährdet sind; die Hälfte der Corona-Todesopfer in der Schweiz sind mindestens 84 Jahre alt. Und doch greift die Überlegung zu kurz, es würden junge Menschen Glück und Wohlstand allein für jene opfern, die «in einem halben Jahr sowieso tot wären», wie es der deutsche Grüne Boris Palmer ausdrückte. Ohne die strengen Massnahmen zur Eindämmung des Virus würden auch mehr Junge sterben. In Ländern, in denen Ärzte und Kliniken an ihre Grenzen gerieten, war das Durchschnittsalter der Toten zeitweise erschreckend niedrig. Das wäre ohne Massnahmen auch hierzulande der Fall.

Die Krise trifft alle

Noch dazu ist es falsch, dass der durchschnittliche Corona-Tote nur ein paar Monate verliert. Mehr als vier Lebensjahre sind es laut einer Schätzung von Avenir Suisse. Auch mit Krankheit lässt es sich in einem reichen Land gut leben, wenn kein Virus dazwischenkommt.

In der Schweiz gibt es 1,5 Millionen Menschen mit Bluthochdruck; von denen, die 70 und älter sind, gehört die Hälfte dazu. Es ist also kein Wunder, dass sich unter den Corona-Toten viele Hochdruck-Patienten finden. Doch auch mit Hypertonie kann man 90 Jahre und älter werden, ebenso mit anderen chronischen Leiden. Und es gibt sie eben auch, die Zwanzigjährige mit der Autoimmunkrankheit und den Mittdreissiger mit Blutkrebs. Der Verweis auf Vorerkrankungen der Opfer ist zynisch – und man gerät in Gefahr, ein Leben mit Krankheit als weniger lebenswert zu betrachten.

Selbstverständlich braucht es trotz allem jetzt Lockerungen, um die negativen Folgen der Krise zu minimieren. Es ist richtig, kluge Pläne für die Wirtschaft zu erarbeiten und den Kleinsten wieder Raum für Begegnung, Spiel und Bildung zu geben. Im Bewusstsein aber sollte bleiben: Die Krise trifft alle. Die Interessen der Alten und der Jungen, der noch Gesunden und der schon Kranken sind gar nicht so unterschiedlich. Es geht für alle um Gesundheit, um Geld – und um ein möglichst langes Leben in einer Gesellschaft, die in der Krise zusammensteht.