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Macron beim Velorennen Eine Geste der Gelassenheit in der Corona-Krise

Frankreichs Präsident besucht die Tour de France – trotz steigender Corona-Zahlen. Radikale Massnahmen zur Eindämmung des Virus lehnt Emmanuel Macron ab.

«Das Leben mit dem Virus weiterführen»: Emmanuel Macron bei der 17. Etappe der Tour de France am Mittwoch.
Foto: Sebastien Nogier (Keystone)

Sie sagen, die Aufgabe sei so schwer zu meistern, dass es sich anfühle, als fahre man «auf eine Wand» zu. Es sei unmöglich, einen Rhythmus zu finden, da auf jede kleine Erholungspause sofort eine umso heftigere Herausforderung folge. Die Rede ist nicht von Emmanuel Macrons Präsidentschaft, sondern von dem Aufstieg zum Col de la Loze, dem Gebirgspass, der am Mittwoch bei der 17. Etappe der Tour de France die Radfahrer zum Zittern bringen soll. Zu ihrer Aufmunterung reist nun der Staatschef persönlich an. Denn welche andere Touretappe würde zu Macron passen, wenn nicht «die Königin der Tour»?

Unerschrocken und traditionsbewusst

Das Anfeuern der Rennfahrer gehört zu den Standardterminen jedes französischen Präsidenten. Schliesslich bietet es alles: ein Ereignis, bei dem die landschaftliche Schönheit des Landes in Wohnzimmer in aller Welt übertragen wird. Eine Gelegenheit, mit begeisterten Bürgern Small Talk zu halten. Eine Möglichkeit, sich und den Franzosen die Nation so zu zeigen, wie sie alle am meisten lieben – unerschrocken, traditionsbewusst, sonnig, heiter. In diesem Corona-Sommer ist die Tour de France noch um ein Symbol reicher geworden. Sie soll beweisen, dass die Regierung die Pandemie unter Kontrolle hat. Solange die Tour weitergeht, so die Botschaft, muss sich niemand Sorgen machen.

«Die Anwesenheit des Präsidenten auf dem Parcours der Tour de France unterstreicht für die Franzosen die Wichtigkeit, das Leben mit dem Virus weiterzuführen», kommentierte das Präsidentenbüro den Auftritt bei der Tour. Bei dieser handle es sich um «eine mythische Veranstaltung, die Teil des kulturellen Erbes» sei. Tatsächlich liessen sich die Fans der Tour in den vergangenen zwei Wochen von der Pandemie nicht davon abhalten, den Fahrern zuzujubeln.

Eine Woche in Mini-Quarantäne

Während in Frankreich die Zahl der Corona-Infizierten seit Ferienende täglich in Tausenderschritten steigt, setzt die Staatsführung auf eine Strategie der Ruhe und Gelassenheit. Von Dienstag auf Mittwoch wurden innerhalb von 24 Stunden 7852 neue Infizierte registriert. Im Vergleich zum Frühjahr wurden die Testkapazitäten massiv erhöht, zurzeit werden wöchentlich mehr als eine Million Menschen getestet. Bei 5,4 Prozent der Getesteten wird eine Ansteckung mit dem Coronavirus festgestellt. Radikale Massnahmen zur Eindämmung des Virus werden von Präsident und Premier im Gegensatz zum Frühjahr jedoch abgelehnt. Von Mitte März bis Mitte Mai wurde in Frankreich einer der härtesten Lockdowns Europas verhängt.

Die Allgegenwärtigkeit des Virus hatten sie auch bei der Tour de France zu spüren bekommen. Rennleiter Christian Prudhomme war positiv getestet worden, und Premierminister Jean Castex, der mit Prudhomme bei einem Tourbesuch ein Auto geteilt hatte, musste eine Woche in Mini-Quarantäne.