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SeitenblickeEine Basler Mäzenin

Sibylle Geiger hat für die Kunst gelebt und die Kunst gefördert. Vor einem Monat ist sie gestorben.


Sibylle Piermattei-Geiger
Sibylle Piermattei-Geiger
Foto: Kulturstiftung Basel H. Geiger

Mit 16 Jahren belegt sie im Jahr 1946 den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule, und im Alter von 19 Jahren verlässt sie ihre Heimatstadt, um in Paris eine Schule für Bühnen- und Kostümbildung zu besuchen. Sibylle Geiger war keine typische höhere Tochter aus der Basler Gesellschaft. Die Familie sah sie eher als Pianistin denn als Kostümbildnerin. Doch die unkonventionelle junge Frau ging schon früh ihren eigenen Weg. In Paris begegnete sie Persönlichkeiten wie Alberto Giacometti, César oder Juliette Greco. Lernte die Welt des Theaters, der Oper und des Balletts kennen. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Grossvater Hermann Geiger, der damals in Basel die Goldene Apotheke betrieb.

1952 wird Sibylle Geiger Assistentin beim damals bekannten Bühnenbildner Gerd Richter am Staatstheater in Stuttgart. Dabei wird sie auch für Herbert von Karajan tätig. Weil ihre Familie mit dem ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss verwandt ist, kann sie in Berlin nicht offiziell in der Ostzone arbeiten. Für die Eröffnung der Lindenoper mit Mozarts «Don Giovanni» entwirft sie zwar die Kostüme, doch nur ihr Mentor Gerd Richter wird im Programmheft erwähnt.

Überhaupt wird die berufliche wie auch private Beziehung zu dem 30 Jahre älteren Richter von der Familie in Basel nicht gerne gesehen. Sie kehrt in die Schweiz zurück und wird in Luzern als Kostümbildnerin verpflichtet und arbeitet an diesem Dreispartenhaus Tag und Nacht an Kostümen für Oper, das Ballett und das Schauspiel. Es kommt zu einem Burnout, und sie reist zu ihrem Vater, der die Basler Heilstätte in Davos leitet, um sich zu erholen.

Eine künstlerisch inspirierende Zeit erlebt Sibylle Geiger später auf der Tournee mit der grossartigen Tänzerin und Choreografin Katherine Dunham. Aus deren Truppe sind Ballettlegenden wie Alvin Ailey hervorgegangen. Die Europatournee wird zwar zum finanziellen Fiasko, für Sibylle Geiger bedeutet sie aber einen wichtigen Meilenstein in ihrer Karriere. In Mailand und Rom arbeitet sie in den Sechzigerjahren für kleinere Theaterproduktionen. Weil sie kaum etwas verdient, muss sie ihr Mobiliar verkaufen und Deutschunterricht geben.

Durch einen jungen Regisseur kommt sie zum Film. In Italien boomen gerade die sogenannten Spaghetti
Western. Sibylle Geiger entwirft für verschiedene Filmproduktionen die Kostüme. In Rom lernt sie auch ihre grosse Liebe – Rocco Piermattei – kennen, der aus einer der ältesten Familien der Stadt stammt. Die beiden heiraten im Jahr 2000 und finden im toskanischen Casale Marittimo ihr Zuhause.

Der Grossvater Hermann Geiger schuf mit Gaba (Goldene Apotheke Basel) ein international erfolgreiches Unternehmen, das durch Produkte wie die Elmex-Zahnpasta und die Meridol-Mundspülung bekannt wurde. 2004 wird die Firma an die Colgate-Palmolive-Gruppe verkauft, und Sibylle Piermattei-Geiger profitiert als eine der Erbinnen von diesem Deal. Da ist sie allerdings schon 74 Jahre alt und nicht gewillt, ihren bisherigen Lebensstandard zu ändern und jetzt plötzlich als Millionärin aufzutreten.

Sie und ihr Mann beschliessen eine Kulturstiftung zu gründen, die in Cecina Ausstellungen organisiert, die gratis sein sollen und möglichst viele Menschen ansprechen. Über 30 Ausstellungen finden statt, darunter solche über Jean Tinguely, Ernst-Ludwig Kirchner, Alberto Giacometti und zuletzt über die Nacktheit in der antiken Kunst – eine Zusammenarbeit mit dem Antikenmuseum Basel.

Aus Altersgründen entscheidet Sibylle Piermattei-Geiger, die ihren Wohnsitz immer in Basel behalten hat, die Stiftung in Italien zu schliessen. Stattdessen gründet sie hier die Kulturstiftung Basel H. Geiger. Auch sie hat den Zweck, Kunst und Kultur einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. Mit grossem Enthusiasmus und der ihr typischen Zielstrebigkeit verfolgte und förderte sie die Vorbereitungen für die erste Ausstellung der neuen Stiftung über zeitgenössische Kunst in der Karibik. Sie war glücklich über den gefundenen Standort an der Spitalstrasse 18 und das langsam erwachte Interesse an dieser neuen Kulturinstitution.

Als Mäzenin im besten Sinne hielt sie sich stets im Hintergrund und verweigerte Interviews über ihre Person. An Diskussionen um die Ausrichtung der neuen Stiftung nahm sie hingegen rege teil. Sie wollte Ausstellungen, die sich vom gängigen Kunstbetrieb abheben, die überraschen und faszinieren.

In der kommenden Woche werden die Räume der Kulturstiftung Basel H. Geiger eröffnet. Sibylle Piermattei-Geiger wird an der Vernissage nicht dabei sein. Sie starb am 15. Juli an den Folgen eines Krebsleidens im Alter von fast 90 Jahren.