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Liberaldemokraten in GrossbritannienEine Aussenseiterin will ihre Partei auf Kurs bringen

Sie wurde an einem Parteitag festgenommen, outete sich kürzlich als pansexuell – jetzt ist Layla Moran die Favoritin für den Vorsitz der Liberaldemokraten. Die ehemalige Lehrerin will keine strikte Anti-Brexit-Strategie mehr.

Kam mit ihrem Outing einer Boulevardkampagne zuvor: Layla Moran.
Kam mit ihrem Outing einer Boulevardkampagne zuvor: Layla Moran.
Foto: Dan Kitwood (Getty)

Viele Menschen mussten erst einmal nachlesen, was pansexuell ist, als Layla Moran sich outete. Sie tat das im Januar dieses Jahres – wenige Wochen bevor sie ankündigte, für den Parteivorsitz der britischen Liberaldemokraten zu kandidieren. Moran sah sich dazu aber auch gezwungen, weil ein Boulevardblatt mit einem Artikel drohte, den sie als «sensationsgierig und schlüpfrig» bezeichnete; und sie wollte doch erst ihrer 92-jährigen Grossmutter erklären, dass es «nicht auf die physischen Attribute ankommt, sondern auf das, was eine Person ausmacht».

Persönliche Rückschläge überwunden

Also machte sie selbst reinen Tisch, wie sie das schon mehrere Male zuvor gemacht hatte: Als sie über ihre Depression zu Studienzeiten sprach, weil sie so übergewichtig war. Mittlerweile ist sie sehr schlank, sie hat sich den Magen verkleinern lassen. Oder als sie wegen eines handfesten Streits mit ihrem damaligen Freund auf einem Parteitag kurzzeitig festgenommen wurde. Die Beziehung ging danach sehr schnell in die Brüche. Mittlerweile lebt sie mit der ehemaligen Pressesprecherin der Partei zusammen und hat erklärt, dass sie in der Liebe genderneutral orientiert sei.

Nun startet an diesem Mittwoch die sogenannte Leadership Challenge der Lib Dems; neben ihr bewerben sich bislang zwei weitere Kandidaten, darunter der amtierende Vorsitzende Ed Davey. Im Vereinigten Königreich dauert dieser Prozess immer seine Zeit, Kandidatenkür und Urwahl enden im August. Dann soll der oder die neue Parteichefin endlich mit neu gewonnener Autorität in die politische Debatte im Land eingreifen – gerade noch rechtzeitig womöglich, bevor endgültig darüber entschieden wird, wie und mit welchem Vertrag Grossbritannien die Europäische Union verlässt.

Der Anti-Brexit-Kurs war erfolglos

Es war die radikale Gegnerschaft zum Brexit gewesen, welche die bislang letzte Parteichefin, Jo Swinson, im vergangenen Jahr zur alles entscheidenden Frage im Wahlkampf gemacht hatte. Die damalige Parteiführung wollte den Ausstieg aus der EU komplett rückgängig machen. Swinson rechnete für diesen Kurs mit einer so grossen Wählerzustimmung für ihre kleine Partei, dass sie sich in der Wahlkampagne als mögliche Premierministerin präsentierte.

Bei den Wählern kam das nicht sonderlich gut an, überdies unterschätzten die Lib Dems, wie sehr die Briten den ganzen Streit satt hatten. Bekanntlich holten die Tories mit ihrem Plädoyer «Get Brexit done» eine 80-Sitze-Mehrheit im Unterhaus. Die Liberalen legten zwar bei den absoluten Stimmen zu, verloren aber letztlich sogar einen Parlamentssitz. Swinson konnte nicht einmal ihren eigenen Wahlkreis halten.

Moran, 37 Jahre alt, holte bei der Dezemberwahl hingegen sogar etwa 8000 Stimmen mehr als zuvor. Nun hat sie gute Chancen, den Neustart der Partei zu organisieren. Die Tochter eines Briten und einer Palästinenserin hat eine bewegte Jugend hinter sich; ihr Vater war EU-Diplomat auf internationaler Mission, und die Familie zog mehrmals um. Mit zwölf Jahren blieb Moran erstmals länger an einer Schule. Später studierte sie Physik und Vergleichende Erziehungswissenschaften und arbeitete eine Weile als Lehrerin für naturwissenschaftliche Fächer, bevor sie 2017 ins Parlament gewählt wurde.

«Zu lange gegen etwas statt für etwas definiert»

Seither ist sie Bildungsexpertin ihrer Partei und setzt auf Chancengleichheit, Ökologie und Sozialpolitik als Fundamente einer liberalen Partei. Sie habe, schreibt sie in ihrem Wahlmanifest für die kommende Urwahl, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: «Wir haben uns zu lange gegen etwas statt für etwas definiert. Wir haben viele Sympathien verspielt, als wir 2010 in eine Koalition mit den Tories eingetreten sind. Wir haben unseren Biss verloren und unsere Visionen vergessen.»

Der BBC sagte Layla Moran, die Wähler hätten den Plan, die Brexit-Entscheidung schlicht zu revidieren, als «von oben herab» empfunden. Sie trage dafür eine Mitverantwortung. Jetzt wolle sie «zuhören und lernen».