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Angriff auf die Über-App WechatEine App, um sie alle zu knechten

US-Präsident Trump hat Wechat verbannt, die wichtigste App Chinas. Das kleine Programm kann viel mehr, als Europäer gewöhnt sind – die US-Regierung sieht darin eine Gefahr.

Auch die App Wechat wird in den Streit zwischen der US-Regierung und dem chinesischen Staat hineingezogen.
Auch die App Wechat wird in den Streit zwischen der US-Regierung und dem chinesischen Staat hineingezogen.

Treffen sich zwei Chinesen zum ersten Mal, ist meist eine der ersten Fragen, die es zu klären gilt, wer nun wessen Bildschirm scannt. Du? Oder ich? Dann zücken beide ihre Smartphones, und nach wenigen Augenblicken sind sie verbunden per Wechat. Die App bestimmt in China den Alltag. Man kann damit telefonieren und chatten, aber auch fast überall bezahlen. Selbst in den schmutzigsten Garküchen hängt ein entsprechender QR-Code, rasch das Handy drauf gerichtet – und schon ist die Rechnung beglichen.

Wechat ist eine Art Schweizer Taschenmesser, vollgestopft mit Hunderten Funktionen. Eine so mächtige App findet sich ausserhalb Chinas nicht. Wechat arbeitet mit sogenannten Miniprogrammen: Apps in der App, Dienste, die nur innerhalb von Wechat laufen. Restaurants können per Miniprogramm ihre Speisekarte veröffentlichen, Bestellung mit einem Klick inklusive. Aber auch die Corona-App, die man dieser Tage vorzeigen muss, wenn man ein Café betritt oder mit dem Schnellzug fahren möchte, ist ein solches Miniprogramm.

Viele Chinesen gehen daher längst nicht mehr in einen Internetbrowser, sondern erledigen alles per Wechat – ohne den Dienst wäre ihr Leben kaum noch vorstellbar. Für die neuen kalten Krieger in Washington ist Wechat jedoch die eine App, um sie alle zu knechten.

Der Tech-Krieg eskaliert

Im Streit mit China hat sich US-Präsident Donald Trump nun diesen wichtigen Alltagshelfer vieler Chinesen vorgenommen. Mit einer Verfügung erliess er ein Verbot jeglicher «Transaktionen», die mit Wechat zu tun haben. Nach 45 Tagen, spätestens am 20. September, muss der Dienst aus den App Stores in den Vereinigten Staaten verschwunden sein. In einer zweiten Anordnung setzte er der Videoapp Tiktok dieselbe Frist. Der Tech-Krieg der zwei Grossmächte eskaliert also weiter.

Einen Tag vor Trumps Bann hatte sein Aussenminister Mike Pompeo die «Clean Network Initiative» verkündet. Sie ist nicht weniger als ein Versuch der Vereinigten Staaten, ein China-freies Internet zu schaffen. Die US-Regierung bezichtigt Peking, mithilfe der chinesischen Digitalkonzerne Amerikaner auszuspionieren. Chinas Staatsführung erinnert im Gegenzug daran, wie die NSA über US-Netzwerke wie Facebook wiederum Nutzer überwacht. Kritiker sprechen schon von einer amerikanischen Firewall, die Chinas Abschottung seines Internets nachahme – mit dem Unterschied, dass sie nur ein bestimmtes Land aussperren soll statt den Rest der Welt.

Im Falle Tiktoks ist nun das Ultimatum ausbuchstabiert, das sich schon am Wochenende angekündigt hatte: Tiktok-Eigner Bytedance hat immerhin noch die Chance, die App zu verkaufen, Gespräche mit Microsoft laufen. Analysten taxieren den Wert der Videoapp, die vor allem bei Teenagern beliebt ist, auf 50 Milliarden Dollar. Mit Wechat zielt Trump auf etwas viel Grösseres. Tencent, der Konzern, der sich hinter Wechat verbirgt, ist an der Börse in Hongkong notiert und umgerechnet mehr als 550 Milliarden Euro wert.

Der Staat liest bei Wechat direkt mit

Mit einem Studienfreund hat Aufsichtsratschef Ma Huateng, der sich selbst Pony nennt, 1998 das Unternehmen gegründet. Zunächst programmierten sie einen Instant-Messenger und nannten ihn OICQ. Das Kürzel stand für Open ICQ. Prompt wurden sie von AOL verklagt, weil der Name zu sehr an ICQ erinnerte, einen damals populären Dienst der Amerikaner. Aus OICQ wurde QQ, ein grosser Erfolg mit Millionen Nutzern in China. Weil Tencent in den ersten Jahren rote Zahlen schrieb, brauchten Ma und sein Kompagnon Geld. 2001 stieg deshalb der südafrikanische Medienkonzern Naspers ein. Noch heute halten die Südafrikaner gut ein Drittel der Anteile, die heute Milliarden wert sind, vor allem wegen der App Wechat, Ma Huatengs grösstem Wurf. Anfang 2011 kam der Dienst auf den Markt.

So praktisch Wechat im Alltag auch ist, die App ist zur vielleicht wichtigsten Andockstation für die Agenten des kommunistischen Überwachungsapparates geworden. Der Staat liest bei Wechat direkt mit, Gespräche werden überwacht, Dateien und Fotos ausgewertet. Es besteht also jene Nähe zum Staat, die die Regierung in Washington moniert. Bei Tiktok ist die Beweislage schwieriger. In der Volksrepublik ist die Videoapp selbst nicht verfügbar, die dortige Schwester-App heisst Douyin. Der Mutterkonzern Bytedance sagt, beide Systeme seien streng voneinander getrennt.

Tiktok zeigt sich schockiert

Bei Tiktok ist man seit Trumps Verbotsankündigung vergangene Woche im Krisenmodus. Die Reaktion auf das Dekret klingt fast verzweifelt: «Wir sind schockiert von der aktuellen Verfügung.» Die US-Regierung handele nicht rechtsstaatlich, man werde sich vor amerikanischen Gerichten zur Wehr setzen. Tencent gibt lediglich bekannt, die Verfügung zu prüfen.

«Tiktok und Wechat werden künftig sehr wahrscheinlich nicht mehr durch die App Stores von Apple und Google angeboten werden können, denn das würde Transaktionen mit den Mutterunternehmen beinhalten», sagt John Lee vom Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin. «In Anbetracht der globalen Marktdominanz der mobilen Betriebssysteme von Apple und Google wären die beiden Apps dann auch in vielen Ländern ausserhalb der USA vermutlich nicht mehr erhältlich.» Vor allem für in den Vereinigten Staaten lebende Chinesen ist das ein Problem. Wie sollen sie künftig Kontakt mit der Heimat halten? Wechat ist ihre Verbindung nach Hause.

In China wird mit Wechat alles erledigt: Vom Einkaufen über QR Codes bis zum Chatten und Telefonieren.
In China wird mit Wechat alles erledigt: Vom Einkaufen über QR Codes bis zum Chatten und Telefonieren.
REUTERS

Weiterhin verwenden könnten Nutzer in den Vereinigten Staaten die Apps, indem sie ein sogenanntes Virtual Private Network – kurz VPN – verwenden. Sie sind die Schleichwege ins unzensierte Internet und in China weit verbreitet. Mit ihnen gelangt man über Server ausserhalb Chinas auf die gesperrte Webseiten. Nur so kann man von China aus Facebook oder den Kurznachrichtendienst Twitter nutzen. Alternativ könnten Nutzer ihre Ländereinstellung im App Store ändern.

Allerdings untersagen zum einen die Verfügungen des US-Präsidenten, das Verbot zu umgehen. Zum anderen wäre der Umweg über ausländische App Stores hinfällig, wenn das Verbot sich nicht nur auf die US-Plattformen von Google und Apple auswirkt, sondern weltweit gilt. Doch das ist nur eines der vielen Details, die bislang unklar sind. Es kommt auf die Umsetzung durch das Handelsministerium in Washington an.

Tencent hat überall im Silicon Valley investiert

Trumps vage formulierte Verordnung zu Wechat gibt seiner Regierung Spielraum, stiftet aber auch Verwirrung. Denn: Tencents Geld ist überall im Silicon Valley investiert. Der Konzern ist am Musikdienst Spotify genauso beteiligt wie am Elektroautobauer Tesla. Wörtlich liest sich die Verfügung des Präsidenten auch so, als hätte sie auch Auswirkungen auf eine Branche, die bislang noch nicht im Fokus des Streits der beiden Grossmächte steht: die Computerspiele-Industrie. Tencent hat sich nämlich über die Jahre bei den grossen Spiele-Studios wie Blizzard und Epic Games eingekauft. An Riot Games hält der Konzern gar hundert Prozent.

Muss Tencent seine Anteile an amerikanischen Unternehmen wegen des Trump-Erlasses verkaufen, würde der grösste Videospiel-Konzern der Welt zerbröckeln. Deshalb stand die Branche Freitagfrüh zwischenzeitlich unter Schock: Droht beliebten Spielen, wie etwa dem Blockbuster «League of Legends» von Riot Games abgeschaltet zu werden, wie es Tiktok widerfahren könnte? Nein, sagte ein Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Bloomberg, es gehe nur um Wechat, nicht um Tencent, auch wenn das Unternehmen im Dekret genannt werde. Da hatte das Weisse Haus seine Verfügung aber schon veröffentlicht und Tencent an der Börse in Hongkong zwischenzeitlich mehr als 25 Milliarden Euro an Wert verloren.

Und nun? Für Merics-Forscher Lee ist das erst der Anfang. Die Führung in Peking habe sich bereits auf diesen Schritt vorbereitet, sagt er. «Der neue Entwurf eines Datensicherheitsgesetzes ermöglicht Vergeltungsmassnahmen gegen Staaten, die China aufgrund von Investitionen in oder Handel mit Daten, Datenentwicklung oder Technologien diskriminieren.»