Zum Hauptinhalt springen

Erfolg für LGBTI-Bewegung«Ein wichtiges Signal gegen die Hetzer»

Die Belgierin Petra De Sutter ist die erste europäische Transperson in einem Ministeramt.

Als Kind wurde sie gehänselt, jetzt ist sie Ministerin in der belgischen Regierung: Petra De Sutter.
Als Kind wurde sie gehänselt, jetzt ist sie Ministerin in der belgischen Regierung: Petra De Sutter.
Foto: Imago 

Es ist bemerkenswert, dass der grosse Medientrubel um Petra De Sutter bisher ausgeblieben ist. Die 57 Jahre alte Grüne gehört der neuen belgischen Regierung an und ist als stellvertretende Premierministerin zuständig für den öffentlichen Dienst. Der Moment, in dem sie vor König Philippe I. den Amtseid ablegte, war jedoch historisch: De Sutter ist die weltweit erste Transperson, die ein Ministeramt übernimmt.

Von einem «Meilenstein» spricht die Organisation Ilga Europe, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgenderpersonen (LGBTI) einsetzt, und auch der Professorin für Gynäkologie ist die Bedeutung ihrer neuen Position bewusst. Oben auf ihrem Twitter-Profil hat Petra De Sutter eine Nachricht fixiert: «Ich bin stolz darauf, dass in Belgien und den meisten Teilen der EU die Geschlechtsidentität einen nicht als Person definiert und kein Thema ist.» Zugleich hoffe sie, dass ihre Ernennung «eine Debatte in jenen Ländern auslösen kann, in denen dies noch nicht der Fall ist».

Der Hashtag #fighttransphobia im Tweet bezieht sich auf die Anfeindungen, denen Transmenschen weltweit ausgesetzt sind. Auch De Sutter kämpfte gegen Widerstände. Als Kind wurde sie in ihrer Jungenschule gehänselt. Klassische Musik und Bücher wurden ihr Zufluchtsort, bevor sie studierte. Sie habe sich immer als Frau gefühlt, sagte sie der Website «Sisters of Europe», und sich nicht versteckt, sondern gegen sich selbst gekämpft. Damals, ohne Internet, hatte sie kaum Zugang zu Informationen und stürzte sich in die Arbeit. Sie spezialisierte sich auf Reproduktionsmedizin und hat 550 wissenschaftliche Artikel verfasst.

Sie musste durch die Hölle gehen

Ihre Transition begann De Sutter 2004 im Alter von 40 Jahren, als sie bereits einen Lehrstuhl in Gent innehatte. Die Universität habe sie verteidigt, während sich Kollegen, Bekannte und Freunde von ihr abwandten. Sie sei «durch die Hölle» gegangen, berichtete sie, doch keine Patienten hätten sie verlassen, weil sie endlich frei und glücklich gewesen sei.

2014 kandidierte sie vergeblich für das Europaparlament, aber sie vertrat die flämischen Grünen im Europarat sowie im belgischen Senat; damit ist sie die erste offen transsexuelle Belgierin, die auf einer Wahlliste stand. 2019 glückte der Einzug ins Europaparlament, wo sie als erste Grüne den Vorsitz im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz übernahm. De Sutter ist überzeugt, dass sich Frauen in den Parlamenten nicht nur um Kultur und Soziales, sondern auch um Finanzen und Wirtschaft kümmern sollten: «Alles wird über den Haushalt geregelt.»

Jetzt wird De Sutter als Frau angesprochen

Der deutsche Abgeordnete Andreas Schwab berichtet, De Sutter habe die Sitzungen stets selbstbewusst und kompetent geleitet und sich um Ausgleich bemüht. Sticheleien oder Anspielungen hat Schwab nie bemerkt, und schnell hätten sich alle Mitglieder über die Parteigrenzen hinweg daran gewöhnt, die hochgewachsene De Sutter als Frau anzureden. Die Grünen-Fraktion wird also nicht nur ihre Expertise als Ärztin vermissen. In Corona-Zeiten hat sie vielen vieles erklärt – und geduldig zugehört. Das dürfte ihr in der komplizierten Politik Belgiens helfen: Die Regierung besteht aus sieben Parteien und hat erst knapp 500 Tage nach der Wahl die Arbeit aufgenommen.

Die Deutsche Terry Reintke, die mit De Sutter in der LGBTI-Gruppe des Europaparlaments zusammengearbeitet hat, sieht in der Berufung «ein wichtiges Signal gegen die Hetzer, die nicht nur in Osteuropa Transmenschen als Gefahr für die Familie und Gesellschaft» darstellten.

Als Antrieb nennt De Sutter den Kampf für mehr Gerechtigkeit. Der Heinrich-Böll-Stiftung verriet sie, wie sie zu den Grünen kam: Sie hatte über Umweltgifte geforscht und bemerkt, wie lasch die Auflagen für diese Schadstoffe waren. Im gleichen Interview wurde sie gefragt, welche Schauspielerin sie darstellen sollte, wenn ihr Leben verfilmt werden würde. Ihre Antwort: Meryl Streep.

7 Kommentare
    Bernhard Piller

    Ich weiss nicht, warum jemand je auf die Idee gekommen ist, man müsse Transmenschen in eine Gruppe mit Homosexuellen, Lesben, Bisexuellen etc einteilen als Gegenpol zu den Heterosexuellen. Warum soll ein Transmensch nicht heterosexuell sein?