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Nachruf auf Professor Luzius WildhaberEin Wanderer zwischen innen und aussen

Verwurzelt im humanistischen Basel, war das Werk des Lehrers und Richters Luzius Wildhaber von gelebter Weltoffenheit geprägt.

Luzius Wildhaber (1937–2020) war eine der herausragenden Persönlichkeiten der Universität Basel und des internationalen Rechts.
Luzius Wildhaber (1937–2020) war eine der herausragenden Persönlichkeiten der Universität Basel und des internationalen Rechts.
Foto: Universität Basel

Am 21. Juli ist Luzius Wildhaber, ehemaliger Professor für Völker-, Staats- und Verwaltungsrecht sowie Dekan und Rektor der Universität Basel, in seinem 83. Lebensjahr verstorben. Weit über Basel und die Schweiz hinaus bekannt war er zunächst aufgrund zahlreicher wichtiger, auch auf Englisch und Französisch verfassten wissenschaftlichen Publikationen und seit 1991 als Richter des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg. Als dessen erster hauptamtlicher Präsident von 1998 bis zu seinem
altersbedingten Rücktritt 2007 war er der höchste Vertreter der Schweiz in einer Internationalen Organisation.

Sowohl als Wissenschaftler als auch als Richter hat Luzius Wildhaber nachhaltige, weit über die schweizerischen und europäischen Grenzen hinaus sichtbare Spuren hinterlassen, wofür er denn auch im In- und Ausland zahlreiche hohe Auszeichnungen, Preise und insgesamt 13 Ehrendoktorate renommierter europäischer und aussereuropäischer Universitäten erhalten hat. So wurde er unter anderem 1999 mit dem Marcel-Benoist-Preis, dem bedeutendsten Wissenschaftspreis der Schweiz, und 2011 als erster Europäer mit dem prestigeträchtigen Award of Merit der amerikanischen Yale Law School ausgezeichnet.

Neue Völkerrechtsschule

Während seiner Basler Professur von 1977 bis 1998 verhalf er insbesondere dem Völkerrecht zu einem grossen Bedeutungszuwachs an unserer Universität. Das zeigt sich unschwer an den zahlreichen, erfolgreich abgeschlossenen Dissertationen und Habilitationen sowie in Person vieler seiner ehemaligen Studierenden, die in völkerrechtlichen und diplomatischen Vertretung der Schweiz in hohen verantwortungsvollen und leitenden Funktionen engagiert sind.

Unvergessen für alle Teilnehmenden bleiben die von Luzius Wildhaber initiierten jährlichen Ski-Seminare, bei denen – wenn immer möglich – auch seine Frau Simone und seine damals noch kleineren Töchter Anne und Isabelle mit zur jeweils ausgezeichneten und familiären Atmosphäre beitrugen. Selbst als Richter und Gerichtspräsident in Strassburg liess es sich Luzius Wildhaber nicht nehmen, insgesamt über 20-mal und bis kurz vor seiner Krankheitsdiagnose alljährlich und mit grossem Engagement an einem Basler Seminar über die Europäische Menschenrechts-Konvention (EMRK) und die Schweiz teilzunehmen.

Dabei war es eindrücklich, mitzuerleben, wie er sowohl in der Diskussion im Plenum als auch im persönlichen Gespräch während der Kaffee- und Lunchpausen mit seinem grossen Wissens- und Erfahrungsschatz über die oft komplexen und in den Büchern kaum nachzulesenden Hintergründe von Urteilen und über den Ablauf der Gerichtsarbeit berichtete. Studierende hörten ihm dabei mit grösster Aufmerksamkeit zu.

Herausragende Richterpersönlichkeit

In seiner sechsjährigen Zeit als Mitglied des Rektorats der Universität Basel und als deren Rektor zwischen 1992 und 1994 setzte er sich in einer entscheidenden Phase ihres Ausbaus ebenso leidenschaftlich wie beharrlich für den gleichberechtigten Einbezug des Kantons Basel-Landschaft als Trägerkanton neben dem Kanton Basel-Stadt ein.

Die wohl grössten Fussspuren hinterliess Luzius Wildhaber aber als herausragende Richterpersönlichkeit. Mit seinem Einsatz sowohl für den Schutz der Menschenrechte als auch für deren verstärkte institutionelle Absicherung und Durchsetzung hat er die Rechtsprechung des Gerichtshofs und dessen Selbstverständnis als Europäisches Verfassungsgericht gegenüber den 47 Vertragsstaaten und den anderen internationalen
Gerichten massgeblich mitgeprägt.

Die anspruchsvollste Herausforderung, der sich Luzius Wildhaber als Präsident stellen musste, lag in der Neuorganisation des Gerichtshofs und in der Suche nach rechtlich verantwortbaren, praktikablen Lösungen für die überbordende und mit den vorhandenen Mitteln und Strukturen letztlich nicht mehr zu bewältigende Geschäftslast.

Wichtige Entlastungsmassnahmen, insbesondere mit dem 14. Zusatzprotokoll zur EMRK, tragen zwar weitgehend seine Handschrift, wurden von ihm selber aber wiederholt als ungenügend und zu wenig weitreichend kritisiert.

Sein Vorschlag aber, dass der Gerichtshof – ähnlich wie der amerikanische Supreme Court – nurmehr die grossen und dringlichen Fälle auslesen und entscheiden sollte, wurde in einem ersten Anlauf verworfen und dürfte wohl erst in Zukunft aufgegriffen und realisiert werden – darüber war er sich im Klaren.

Solide Ausbildung

Das Lebenswerk und die Persönlichkeit von Luzius Wildhaber können aber nicht allein mit seinen beiden schwerpunktmässig und getrennt voneinander ausgeübten Funktionen als renommierter Wissenschaftler und als herausragender Richter erfasst und zusammengefasst werden. Vielmehr haben sich diese beiden Funktionen im Werk und in der Person von Luzius Wildhaber stets gegenseitig ergänzt und befruchtet. So vermochte er mit seinen fundierten juristischen Kenntnissen massgeblich zu zahlreichen intellektuell und ethisch gut begründeten und nachvollziehbaren Gerichtsurteilen beizutragen.

Sein Wissen hatte er während seiner soliden Ausbildung an den Universitäten Basel, Paris, Heidelberg, London und Yale gewonnen und danach zunächst im Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten und in der Folge als Professor für Völker- und Staatsrecht an der Universität Freiburg i.Ue. vertieft.

Gerichtserfahrung hatte er schon gesammelt am Staatsgerichtshof des Fürstentums Liechtenstein (1975–1988), am Verwaltungsgericht der Interamerikanischen Entwicklungsbank in Washington D.C. (1989–1994) und in mehreren Schiedsgerichten. Dies wie auch seine massgebliche Mitwirkung zur Vorbereitung der Totalrevision der Bundesverfassung führte zu einer erprobten Praxisnähe und zu pragmatischen Entscheidungen, die sich, gepaart mit gesundem Menschenverstand, in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen und Tagungsbeiträgen niederschlugen. Wohl aus diesem Grund waren seine wissenschaftlichen Publikationen wie auch die von ihm mitverfassten Gerichtsurteile nie rein theoretisch, sondern stets pragmatisch, leicht verständlich und klar verfasst.

Doch in den schmerzlichen Momenten des Abschieds und der Würdigung von Luzius Wildhaber vermag eine Reduktion auf diese beiden Hauptfunktionen des Professors und des Richters seiner viel reicheren und umfassenderen Persönlichkeit nicht gerecht zu werden.

Vielmehr kennzeichnen ihn und sein Œuvre weitere Facetten: seine Weltoffenheit sowie seine konsequent vertretene und mit Überzeugung vorgelebte humanistische und liberale Grundhaltung, aber auch seine starke lokale Verwurzelung und Verbundenheit zur Schweiz mit ihren traditionellen Einrichtungen und Werten. Zur Umschreibung dieses von ihm erkannten Spagats bezeichnete er sich selber als «Wanderer zwischen innen und aussen» – eben zwischen Basel und der Schweiz einerseits und Europa und der Welt andererseits.

Ein weiteres stimulierendes Spannungsfeld und Wechselspiel waren für Luzius Wildhaber aber auch seine ausgeprägte Fähigkeit zu stillem, konzentriertem und effizientem Arbeiten, aber auch zum ausgeprägten humorvollen und geselligen Zusammensein mit Berufskolleginnen und -kollegen sowie Freunden. Während aber die Früchte seines konzentrierten Arbeitens für Interessierte des Rechts und der Rechtsprechung wohl noch lange in den entsprechenden Bibliotheken und Gerichtsurteilen auffindbar und nachzulesen sein werden, ist es im jetzigen schmerzlichen Moment der Trauer und des Abschieds nicht angebracht, auf einzelne humor- und lustvolle Episoden näher einzugehen, obwohl dies für Luzius Wildhaber selber wohl selbst in diesem Moment hier und heute nicht von vornherein ausgeschlossen wäre.

Berufs- und Familienmensch

Bleibt ein letztes Gegensatzpaar und Spannungsfeld, das von Luzius Wildhaber ebenfalls nie als zwei sich gegenseitig ausschliessende Welten angesehen, sondern vielmehr mit viel Herzblut und grossem Erfolg gelebt wurde: Es war dies das ständige und gut geglückte Neben- und Miteinander von Familie und Beruf. So war seine aktiv an seinem Berufsleben interessierte und partizipierende Familie für ihn nie ein Hindernis bei der Ausübung seiner vielfältigen Tätigkeiten, sondern vielmehr ein wichtiger Ausgleich und eine grosse Kraftquelle.

Mit seiner Frau Simone hatte er denn auch nicht nur eine wunderbare Lebenspartnerin an seiner Seite, sondern auch eine äusserst anregende und engagierte Ideen-, Gedanken- und Seelenverwandte. Die beiden Töchter Anne und Isabelle vervollständigten dieses harmonische und glückliche Familienleben und waren für Luzius denn auch nach dem allzu frühen und von Luzius Wildhaber bis zuletzt als äusserst schmerzhaft empfundenen Tod seiner Frau eine grosse Freude und wunderbare Stütze.

Und auch bei seinen allerletzten Begegnungen und Gesprächen mit Freunden blickte er mit grosser Dankbarkeit und Genugtuung auf sein geglücktes Berufs- und sein glückliches Familienleben zurück und freute sich jeweils sehr auf weitere gemeinsame Momente im Familien- und Freundeskreis. Der nächste
gemeinsame Lunch mit ehemaligen Assistierenden und heutigen Freunden war denn auch
bereits für Montag, den 3. August, vereinbart.

Luzi.us Wildhaber im Nationaorat anlässlich des 40. Jahrestages des Beitritts der Schweiz zum Europarat im Jahre 2003.
Luzi.us Wildhaber im Nationaorat anlässlich des 40. Jahrestages des Beitritts der Schweiz zum Europarat im Jahre 2003.
Foto: Keystone