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TV-Kritik «Tatort»Ein Sniper lauert in der Stadt

Würden Sie helfen? Der neue Stuttgarter «Tatort» stellt uns allen unbequeme Fragen, bevor er sich ein wenig im Plot verläuft.

Im Fadenkreuz des Zielfernrohrs ist eine Stuttgarter Journalistin: Hatte sie missliebige Artikel verfasst?
Im Fadenkreuz des Zielfernrohrs ist eine Stuttgarter Journalistin: Hatte sie missliebige Artikel verfasst?
Foto: Das Erste

Das Zielfernrohr zieht von einem Passanten zum nächsten. Während die schottische Indie-Sängerin Isobel Campbell im Off ihr schier durchscheinendes «Sunrise» haucht, geht über Stuttgarts Dächern die Sonne aufund irgendwo auf einem dieser Dächer lauert der Tod. Mit Friederike Jehn hat erstmals eine Frau im Stuttgarter «Tatort» Regie geführt, eine Krimi-Debütantin ausserdem, und gleich zu Beginn von «Du allein» glückt ihr eine grossartige, stimmungs- wie spannungsvolle «Dirty Harry»-Referenz.

Der unsichtbare Sniper zielt, trifft, und eine Journalistin, Mutter zweier Kinder, verliert ihr Leben. Währenddessen brüten die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) über einem kryptischen Brief, der den Mord mit einer ominösen «1» ankündigt. Keine Frage: Weitere Verbrechen drohen. Wer läuft da quasi dosiert Amok? Muss die Bevölkerung gewarnt werden? Das Bekennerschreiben gibt kaum Anhaltspunkte: deutscher Muttersprachler, «möglicherweise Abitur, zu 53 Prozent männlich, zu 47 Prozent weiblich». Also ein Ratespiel.

Hochtouriger Thriller

Und schon erwischts den Nächsten, einen Jogger in den Weinbergen. Der Thriller läuft bereits auf Hochtouren, und trotzdem schmuggelt Drehbuchautor Wolfgang Stauch («Leonessa») geschmeidig retardierende, teils sogar komödiantische Momente hinein wie etwa Bootz’ Strip auf dem Bahngleis. In diesem Duktus hätte es weitergehen können. Dass immer noch ein dramatischer Dreh dazukommt, überfrachtet die Story hingegen: Es wirkt, als habe der Autor vor lauter Begeisterung eine Menge Stoff, die für mehrere «Tatorte» gereicht hätte, verquer miteinander verbandelt.

«Du alleifusst eigentlich auf jenem Fall krasser unterlassener Hilfeleistung, der im Oktober 2016 ganz Deutschland erschütterte: Damals stiegen im Vorraum einer Essener Bankfiliale mehrere Kunden einfach über einen Sterbenden hinweg, um ihre Geschäfte zu erledigen. Sie riefen nicht mal den Krankenwagen. Würden Sie helfen?

Die Thematik wäre virulent bis heute. Sie geht aber angesichts der ausführlichen Täterzeichnung samt aufwendigen Rückblenden, angesichts der philosophischen Arabesken über Selbstjustiz und der arg trickreichen Plotwendungen ein wenig unter; ebenso wie die sympathische Figur von Staatsanwältin Alvarez (Carolina Vera), die sich mit diesem Fall – dem 25. des Teams, das seit 2008 in der Neckarstadt ermittelt – verabschiedet. Mehr Fokus und weniger psychologisch-melodramatisch aufgebrezelter Firlefanz hätten aus einem sehr ordentlichen «Tatort» einen richtig tollen gemacht.