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Turnierschach in der SchweizEin Schachturnier ohne Zuschauer – dafür mit Plexiglas

In Biel fand dieser Tage das 53. Schachfestival statt. Zu Zeiten von Corona war es kein normales. Ersatzkandidaten mussten her, und Scheiben schützten die Spieler.

Die Plexiglasscheibe schützte die Spieler.
Die Plexiglasscheibe schützte die Spieler.
Foto: Schachfestival Biel/Flickr

Das Schachfestival in Biel hat eine über 50-jährige illustre Geschichte und dementsprechend im internationalen Schachkalender einen festen Platz. 2018 beispielsweise nutzte Weltmeister Magnus Carlsen das traditionell im Zentrum dieses sommerlichen Grossanlasses stehende GM-Turnier als letzte Trainingseinheit unter Wettkampfbedingungen für seine Titelverteidigung gegen Fabiano Caruana. Wie viele Topspieler vor ihm hatte auch er in Biel bereits als Junior wichtige Erfahrungen sammeln dürfen, weshalb er dem Festival eng verbunden blieb.

Der beeindruckenden Tradition verpflichtet fühlte sich auch Paul Kohler, der OK-Direktor der Bieler Turniere. Als die Corona-Pandemie Anfang Jahr im Schachsport eine Welle von Absagen auslöste, liessen er und sein Team sich nicht beirren. Mit Sponsoren und Ämtern wurde verhandelt, man arbeitete ein Schutzkonzept aus, und nachdem dessen letzte Version Mitte Juni von den Behörden akzeptiert worden war, war die 53. Ausgabe dieses Festivals gesichert.

Anpassungen wie auf der Post

Entscheidend für den Erfolg des Bieler Konzepts war die offizielle Reduktion des Mindestabstandes zwischen Menschen von 2 auf 1,5 Meter. Damit konnte für das GM-Turnier eine akzeptable Spielsituation aufgebaut werden, die nicht gravierend von gewohnten Anordnungen abwich. Ähnlich wie bei Postschaltern wurde über der Brettmitte eine Plexiglasscheibe mit offener Durchreiche errichtet, die vor Tröpfchen schützt und gleichzeitig ermöglicht, dass jeder Spieler mit der Hand auch Felder und Figuren auf der gegnerischen Bretthälfte erreicht. Da letztere Bewegungen etwas mehr Zeit beanspruchen als üblich, hat man den Zeitzuschlag nach jedem ausgeführten Zug von 30 auf 45 Sekunden erhöht.

Zumindest für geschlossene Turniere mit 8 bis 12 oder 14 Teilnehmern ist diese Anordnung praktikabel. Sie beseitigt allerdings andere, für einen allseits erfreulichen Spielbetrieb ebenso entscheidende Probleme nicht. Grossmeister, die man einladen möchte, müssen reisen wollen und dürfen. In Biel wurde es erforderlich, einige Wunschkandidaten zu ersetzen. Der letzte, Saleh Salem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, stand schon am Flughafen bereit, als ihm die Ausreise untersagt wurde. An seiner Stelle spielte dann Arkadij Naiditsch (35).

Vor allem aber konnten in Biel weder Zuschauer eingelassen noch die meisten der beliebten Amateurturniere ausgetragen werden. Die sonst immer zahlreichen Fans waren diesmal auf die Onlineübertragung angewiesen. Die war zwar charmant besetzt, aber technisch wie journalistisch nicht auf Topniveau.

Wie man das attraktiv genug gestaltet kann, damit auch Nichtprofis davon fasziniert werden, zeigt gerade die Crew um Carlsen. Der norwegische Weltmeister hat zusammen mit dem zu seinem Clan gehörenden Onlinedienst «Chess24» eine noch nie da gewesene Serie von hochkarätigen Rapid-Turnieren lanciert, die unglaublich hohe Zuschauerzahlen generiert. Solch neue Formate werden auch nach überstandener Corona-Pandemie Bestand haben und müssen von nun an bei der Organisation klassischer Turniere mitberücksichtigt werden.

Von weitem sieht man die Schutzmassnahmen kaum.
Von weitem sieht man die Schutzmassnahmen kaum.
Foto: Keystone

Topspieler gegen Nachwuchs

Für die Attraktivität des diesjährigen Bieler GM-Turniers hatten die kurzfristigen Umbesetzungen keine einschneidenden Auswirkungen. Mit dem in Ungarn lebenden Inder Pentala Harikrishna (34), dem Polen Radoslaw Wojtaszek (33) und dem 48-jährigen Michael Adams aus England waren gestandene Topspieler am Start, die von Nachwuchstalenten wie dem erst 15-jährigen Deutschen Vincent Keymer und dem Berner Noël Studer (23) herausgefordert wurden.

Spielerisch war dank diesem Feld für beste Unterhaltung gesorgt, zumal nicht nur 7 klassische Partien, sondern wie schon letztes Jahr auch 7 Rapid- und 14 Blitzpartien in die Wertung mit einflossen. Und da Siege im Blitz mit 1, im Rapid mit 2, bei klassischer Bedenkzeit jedoch mit 4 Punkten honoriert wurden, blieb der Turniersieg bis zur letzten Runde hart umkämpft.

Am Ende setzte sich das routinierte Trio Wojatszek, Harikrishna und Adams durch. Keymer baute nach aufsehenerregendem Start ab. Studer, der als einer der wenigen Schweizer professionell auf Schach setzt, hatte sich mit dem österreichischen Grossmeister Markus Ragger (32) offenbar gut vorbereitet, agierte aber zu oft zu ehrgeizig, was ihn besonders im klassischen Partieformat unnötigerweise zu viele Punkte kostete.

Telegramme:

GM-Triathlon. 7. Runde (klassisch): Wojtaszek (POL) - Studer (SUI) 1:0. Édouard (FRA) - Keymer (GER) 1:0, Anton (ESP) - Harikrishna (IND) 0:1, Adams (ENG) - Naiditsch (AZE) 1:0. Endstand: 1. Wojtaszek (Elo 2719) 37 Punkte (klassisch 14/Rapid 12/Blitz 11). 2. Harikrishna (2719) 36,5 (20,5/10/6). 3. Adams (2701) 35,5 (16,5/8/11). 4. Keymer (2558) 28 (13,5/10/4,5). 5. Naiditsch (2626) 22,5 (11/5/6,5). 6. Anton (2703) 22 (9,5/4/8,5). 7. Édouard (2649) 17,5 (10/4/3,5). 8. Studer (2580) 15 (7/3/5). Wertung klassisch: Sieg 4 Punkte, Remis 1,5, Niederlage 0. Rapid: 2/1/0, Blitz: 1/0,5/0.

C-HTO, Endstand (Openturnier, 9 Runden, 138 Teilnehmer): 1. GM Bauer (FRA/Startnummer 1) 8. 2. Buchenau (GER/12), 3. IM Meins (GER/4), je 7,5. 4. GM Bellahcene (ALG/2), 5. IM Gschnitzer (GER/5), 6. Mathieu (FRA/18), 7. Pham Khoi (NED/30), je 7. 8. Noah Fecker (SUI/8), 9. IM Bänziger (SUI/6), 10. GM Siebrecht (GER/3), 11. IM Adrian (FRA/14), je 6,5. Ferner: 68. Cecilia Keymer (GER/91) 4,5.