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«Krimi der Woche»Ein Roman wie ein Hitchcock-Film

Laura Lippmans Privatdetektivin Tess Monaghan ermittelt endlich wieder auf Deutsch. Wurde «Die Frau im grünen Regenmantel» ermordet?

Ist sie das Opfer eines Serienmörders? Oder einfach nur mit dem Geld des Gatten durchgebrannt?
Ist sie das Opfer eines Serienmörders? Oder einfach nur mit dem Geld des Gatten durchgebrannt?
Foto: Getty Images/iStockphoto

Der erste Satz

«Ich werde hier als Geisel gehalten», flüsterte Tess Monaghan in ihr iPhone.

Das Buch

Die Frau ist Tess Monaghan aufgefallen, weil sie und ihr Windhund beide einen grünen Regenmantel tragen. Die wegen Komplikationen im letzten Monat ihrer Schwangerschaft ans Bett gefesselte Privatdetektivin beobachtet das schicke Paar während Tagen von ihrer Veranda aus, wenn es im Park spazieren geht. Bis sie eines Tages nur noch den Hund allein sieht.

Tess nimmt das offenbar ausgesetzte Tier auf und beginnt zusammen mit ihrer Mitarbeiterin in der Detektei und mit Freunden, nach der Frau zu suchen. Bald geht die Ermittlerin davon aus, dass die Hundebesitzerin ermordet worden ist – denn schon die früheren Frauen ihres Gatten sind unter seltsamen Umständen ums Leben gekommen. Tess sieht sich einem Serienkiller auf der Spur.

Ein bisschen erinnert der Anfang des Romans «Die Frau im grünen Regenmantel» der amerikanischen Autorin Laura Lippman an den Hitchcock-Film «Rear Window» («Das Fenster zum Hof»), in dem James Stewart, der wegen eines Beinbruchs in seiner Wohnung ausharren muss, durchs Fenster die Nachbarn beobachtet und dabei einem Mord auf die Spur zu kommen scheint. Dort wie hier stellt sich die Frage: Ist tatsächlich ein Mord geschehen? Oder ist hier die Frau, die ihren Hund zurückliess, einfach abgehauen, nachdem sie die Konten ihres Mannes geplündert hat, wie dieser erzählt?

Tess Monaghan ist eine taffe Detektivin, der es gar nicht passt, untätig herumliegen zu müssen. Sie fühlt sich von ihrer noch ungeborenen Tochter «als Geisel gehalten»: «Von einer Terroristin. Ihre Forderungen sind vage, ihre Absichten unklar, aber sie könnte mich mindestens zwei Monate festhalten. Zwölf Wochen oder achtzehn Jahre, je nachdem, wie man es sieht.» Das Mysterium um die verschwundene Frau kommt Tess da gerade recht, um ihren öden Alltag auf der Liege am Fenster zum Park etwas spannender zu machen.

Laura Lippman hat Tess Monaghan vor diesem Roman seit 1997 bereits in mehreren erfolgreichen Storys auftreten lassen. Von den bisher insgesamt zwölf Büchern dieser Reihe sind früher vier auf Deutsch erschienen. «Die Frau im grünen Regenmantel» schrieb Lippman als Fortsetzungsroman für das Magazin der «New York Times». Das erklärt, warum er recht kurz geraten ist. Und er ist sicher nicht das beste Werk dieser Autorin. Aber die Geschichte ist kurzweilig, gekonnt und mit einer guten Portion Humor erzählt.

Es ist erfreulich, dass der Zürcher Kampa-Verlag damit beginnt, die Tess-Monaghan-Reihe herauszugeben. Bereits im September erscheint ihr allererster Fall, «Baltimore Blues», unter dem neuen deutschen Titel «Die Geliebte des Verlobten».

Die Wertung

  • Originalität: ★★★☆☆
  • Spannung: ★★★☆☆
  • Realismus: ★★★☆☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Gesamtwertung: ★★★☆☆

Die Autorin

Arbeitete erst als Journalistin, heute ist sie vollberuflich Krimiautorin: Laura Lippman.
Arbeitete erst als Journalistin, heute ist sie vollberuflich Krimiautorin: Laura Lippman.
Bild: Leslie Unruh/PD

Laura Lippman, geboren 1959 in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, lebte ab 1965 mit ihrer Familie in Baltimore, Maryland. Studiert hat sie Journalismus an der Medill School of Journalism der Northwestern University in Chicago. Sie arbeitete zunächst in Texas bei den Tageszeitungen «Waco Tribune-Herald» und «San Antonio Light», bevor sie 1989 nach Baltimore zurückkehrte, wo sie während zwölf Jahren Reporterin bei der führenden Tageszeitung «The Baltimore Sun» war.

Als sie 2001 den festen Job aufgab, erschien bereits ihr sechster Kriminalroman mit Tess Monaghan als Hauptfigur, einer ehemaligen Journalistin, die nun Privatdetektivin war. Vier dieser Romane sind von 2003 bis 2005 auch auf Deutsch erschienen.

Inzwischen umfasst die Reihe zwölf Titel, daneben hat Laura Lippman elf Standalones veröffentlicht, von denen vier auf Deutsch erschienen sind. Der Zürcher Kampa-Verlag legt nach «Die Frau im grünen Regenmantel» auch die früheren Tess-Monaghan-Romane neu auf.

Laura Lippman ist seit 2006 verheiratet mit David Simon, der ebenfalls als Journalist bei «The Baltimore Sun» arbeitete, bevor er TV-Autor und -Produzent wurde. Er ist vor allem bekannt als Hauptautor und Produzent der Kultserie «The Wire». Das Paar hat eine zehnjährige Tochter und lebt in Baltimore.

Laura Lippman: «Die Frau im grünen Regenmantel» (Original: «The Girl in the Green Raincoat», William Morrow, New York 2011). Aus dem Englischen von Sepp Leeb. Kampa-Verlag, Zürich 2020. 189 S., ca. 22 Fr.